Rundgang 4, Station 1

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Austellung: Verlorene Stadt

Station 1: Karl Bernhardi Straße

Durch den Zwehrener Turm erreichten die Landstraßen von Niederzwehren und Wehlheiden die spätmittelalterliche Stadt. Man betrat zunächst die sog. „Freiheit“, eine Stadterweiterung aus der Zeit ab 1330. Rechts neben dem Elisabeth-Hospital führte der Steinweg auf direktem Wege weiter in die Altstadt; wegen seiner Bedeutung für den Fernverkehr war er schon im 13. Jahrhundert gepflastert, als er noch außerhalb der ummauerten Stadt lag: Immerhin war die Zwehrener Landstraße Teil einer wichtigen, alten Fernverbindung aus dem Rhein-Main-Gebiet.

Murhardsche Bibliothek Kassel (Photographie: Georg Friedrich Leonhardt) Standort: Blick aus dem Zwehrener Turm auf das Elisabeth-Hospital, um 1891-96

Die Stadtmauer der Freiheit wurde um 1361 vollendet, sodass die bisherige Altstädter Befestigung geschleift werden konnte (östlich des heutigen Graben). Der neue Zwehrener Turm war zunächst dreigeschossig, wurde aber schon im Mittelalter um zwei weitere Geschosse erhöht. Als Kassel im 16. Jahrhundert mit modernen Wällen umgeben wurde, legte man unmittelbar vor dem Turm eine Bastion an, mit einem 90 Meter langen Tunnel; Oberlichtschächte bewirkten jedoch nur eine unzureichende Beleuchtung, und nach zwei tödlichen Unglücksfällen wurde das Tor 1587 geschlossen. Im Tunnel hatte eine Kuhherde einen Offizier zu Tode getrampelt, und ein Ochse hatte eine Frau aufgespießt, die ein Bündel Heu auf dem Kopf getragen hatte. Als Ersatz diente nun das Neue Tor auf der Westseite der Stadt (vgl. Station 6). Erst nach Gründung der Oberneustadt wurde das Zwehrener Tor im 18. Jahrhundert wieder geöffnet, doch blieben Post- und Lastwagen ausgenommen. 1703-1707 erhielt der Turm eine Sternwarte aufgesetzt, die aber kaum genutzt wurde.

Ab 1767 wurden die Kasseler Festungswerke geschleift. Den Verkehr leitete man nun am Zwehrener Turm vorbei, wofür die Häuserzeile zwischen Steinweg und Ottoneum 1769-1772 abgebrochen wurde. Der Zwehrener Turm dagegen entging dem ebenfalls geplanten Abbruch und wurde 1779/1780 als modernisierte Sternwarte dem Museum Fridericianum angegliedert. Dabei fügte man auf der Westseite ein Treppenhaus an und verlieh dem Turm seine heutige Gestalt. Beim Großangriff im Jahr 1943 brannte er aus, der verkleidete Fachwerkaufbau wurde ganz zerstört. 1959/1960 wurde der Turm nach historischem Vorbild wiederhergestellt.

Auf der einstigen Feldseite erkennt man heute noch die Führungsschienen für das Fallgitter, und im Gewölbescheitel der ehemals verputzen Torhalle finden sich zwei zugesetzte Öffnungen, die dazu dienten, eingedrungene Angreifer von oben abzuwehren. Wesentliche Teile der Sternwartenausstattung sind im Besitz der Museumslandschaft Hessen Kassel erhalten, darunter der große Mauerquadrant von Breithaupt. Ein Großteil der Instrumente war allerdings schon kurz nach Vollendung der Sternwarte nach Marburg abgegeben worden: Nach dem Tode Landgraf Friedrichs II. im Jahr 1785 hatte sein Nachfolger, Wilhelm IX., das Kasseler Collegium Carolinum aufgelöst und die meisten Professoren an die Marburger Universität versetzt. Damit war auch das faktische Ende der Kasseler Sternwarte besiegelt, die lediglich während der napoleonischen Fremdherrschaft noch einmal für kurze Zeit wiederbelebt wurde. Die Sonnenuhr auf der Südseite stammt erst aus dem Jahr 1859; nach Berechnungen von August Cöster zeigt sie nicht nur die Stunden, sondern auch die Kurven der Sternbilder und die Lemniskate der Monate an.

siehe auch

Verlorene Stadt

Rundgang 1: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Wilhelmsstraße | Station 2: Engelsburg | Station 3: Wolfsschlucht 5-11 | Station 4: Opernstraße 15 | Station 5: Gnadengässchen | Station 6: Theaterstraße | Station 7: Wolfsschlucht 19-21 | Station 8: Theaterstraße 4 und 2 | Station 9: Blick auf das Friedrichsgymnasium | Station 10: Wolfsschlucht / Kölnische Straße
Rundgang 2: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 11: Obere Karlsstraße 32 | Station 12: Obere Karlsstraße 26-28 | Station 13: Obere Karlsstraße bis Friedrichsplatz | Station 14: Obere Karlsstraße bis Weinbergstraße | Station 15: Hercules Bierbrauerei | Station 16: Karlskirche | Station 17: Wilhelmsstraße 15 | Station 18: Stadtpark | Station 19: Garde-du-Corps-Straße | Station 20: Garde-du-Corps-Platz
Rundgang 3: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Karl Bernhardi Straße | Station 2: Dock 4 auf der Seite Oberste Gasse | Station 3: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 1 | Station 4: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 2 | Station 5: Fingerz Kleidung & Accessoires Entenanger 2 | Station 6: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 1 | Station 7: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 2 | Station 8: Hochzeitsatelier Oberste Gasse 30 | Station 9: Druselplatz 3 | Station 10: Reformhaus Kräuterhilde Martinsplatz 1
Rundgang 4: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Martinsplatz | Station 2: Martinsplatz nach dem Abbruch des Tuchhauses | Station 3: Das Säulenportal am Martinsplatz | Station 4: Mittelgasse | Station 5: Das Grimmsche Märchenhaus | Station 6: Barockhaus von Oberst Georg du Mont | Station 7: Der Freiheiter Durchbruch | Station 8: Laubengänge am Freiheiter Durchbruch | Station 9: Kassels erste Fußgängerzone | Station 10: Der untere Abschnitt der Marktgasse
Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)
Rundgang 7: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Haus Königsstraße 45 | Station 2: Lyceum Fridericianum, Am Friedrichsplatz 19-20 | Station 3: Das Palais der Landgrafen von Hessen Rotenburg um 1910 | Station 4: Der Königsplatz nach Nordosten 1820, ehem. Kaskade | Station 5: Brühlsches Haus um 1890 | Station 6: Obere Königsstraße und Kölnische Straße, um 1898–1905 | Station 7: Königsplatz 34 und Königsstraße 32, um 1905–1911 | Station 8: Die Baugruppe Nr. 38–46, um 1888–1890 | Station 9: Die Baugruppe Königsplatz 57–59, vor 1898 | Station 10: Das Posthaus am Königsplatz vor 1878