Tino Sehgal auf der documenta 13

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Einleitung

Es geht hier um das Kunstwerk bzw. die Dauerperformance "This Variation" von Tino Sehgal. "This Variation" fand statt auf der Kasseler dOCUMENTA (13) vom 9. Juni 2012 bis 16. September 2012. Eigentlich ging es bereits am 7. Juni los, denn am 7. und 8. Juni war die documenta bereits für Fachbesucher eröffnet. Aber man konnte "This Variation" auch vorher schon sehen! Denn am 17. und 18. Mai 2012 gab es eine mehrstündige sog. "öffentliche Probe", bei der allerdings noch nicht verraten wurde, von wem das Kunstwerk stammt. "Doch das Ganze wirkt so gar nicht inspirierend und erinnert eher an die Aufwärmphase einer Schul-Theater-AG" schrieb damals die Berichterstatterin ("HNA" 18.5.12).

Biographisches

Tino Sehgal wurde 1976 in London als Sohn deutsch-indischer Eltern geboren. Seine Schulzeit verbrachte er in Böblingen und Sindelfingen, danach studierte er Choreographie und Volkswirtschaftslehre in Berlin und an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Er lebt heute in Berlin.

Werk

Die Kunst von Sehgal baut häufig darauf auf, dass es eine Interaktion von Akteuren mit den Zuschauern gibt. Erst in der unmittelbaren Interaktion kann sie sich voll entfalten, nimmt in dem Moment Gestalt an, in dem der Zuschauer ihr begegnet. Für seine Arbeiten benutzt er häufig Akteure, die mit den Besuchern der jeweiligen Ausstellung in Form von Bewegungen, gesprochenen Worten oder Gesang in Kontakt treten. Seine Arbeiten, die nur in Museen oder Kunstausstellungen realisiert werden, sind käuflich und können über Monate hinweg während der ganzen Öffnungszeit aufgeführt werden. Sehgal wünscht, dass seine Arbeiten nicht gefilmt, fotografiert oder sonst wie dokumentiert werden. Auch werden keine Einladungen zu Ausstellungen gedruckt oder Katalogtexte veröffentlicht. Auch sein documenta-Werk war im offiziellen Katalog nicht beschrieben, die Seiten 438 und 439, die "This Variation" beschreiben sollten, fehlten. Die An- oder Verkäufe der Werke finden ausschließlich durch mündliche Verhandlungen mit dem Künstler statt, auch der jeweilige Vertragsschluss ist nur mündlich, allerdings mit Zeugen. Dies ist für Sehgal die Konsequenz seines immaterielle (Kunst-)Werkkonzepts.
In Berlin fand 2015 eine mehrwöchige Werkschau im Martin-Gropius-Bau statt, bei der unter anderem auch "This Variation" wiederaufgeführt wurde.

Rahmenbedingungen

Träger

Auch wenn This Variation eine Veranstaltung der Documenta war, war sie doch zugleich die Abschlussveranstaltung einer dreiteiligen Reihe der Siemens Stiftung unter dem Motto „Schauplätze".

Entstehung

In einem Interview mit der Zeitschrift SPEX erklärte Sehgal, dass er sechs Jahre an This Variation gearbeitet habe. Er habe die Idee gehabt von einem Raum, in dem Leute Vibes generieren. Da sollten viele Leute sein, die full-on tanzen, ähnlich wie in einem verräumlichten Musikvideo.

Örtlich

„This Variation“ fand statt im Kasseler Hugenottenhaus in der Friedrichstraße 25. Der Raum war nicht über den Haupteingang zu erreichen, sondern man musste die Toreinfahrt des Hauses durchqueren, sich auf dem verwilderten Hinterhof nach links wenden. Nach eine paar Schritten betrat man einen kurzen, aus Holz gefertigten Zugang, der in den völlig verdunkelten sog. Bodesaal führte. Dieser Saal wurde von Paul Bode, dem Bruder des documenta-Gründers Arnold Bode, gestaltet. Der Saal reicht bis zur Vorder-/Straßenseite des Hauses, die dort vorhandenen Fenster waren abgedeckt, um kein Tageslicht hereinzulassen (heute kann man wieder von der Straße durch die Fenster in den Raum schauen).

Personal

Unmittelbar mitgemacht an der Performance haben 44 Personen aus verschiedenen Ländern, u.a. aus Deutschland und den USA. Es gab täglich zwei Schichten, die erste dauerte von 10 bis ca. 15 Uhr, die zweite von ca. 15 bis ca. 20 Uhr. Je Schicht waren etwa 12 bis 20 Personen beteiligt, die jeweils einzeln für Pausen auch den Saal verließen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren überwiegend im Alter von Anfang 20 bis Mitte 30.
In seinem SPEX-Interview sagte Sehgal, dass es bei This Variation Momente gegeben habe, in denen eine einzelne Person getanzt habe, dass habe er öfter selber gemacht.

Grundbedingungen/Setting

Der Bodesaal war grundsätzlich dunkel. Allerdings gab es meist eine Resthelligkeit, weil Licht durch den Eingangsbereich eindrang und die verdeckt seitlich angebrachte, dimmbare Deckenbeleuchtung geringfügig aktiviert war. Gelegentlich stand einer der Akteure an einem neben dem Notausgang angebrachten Dimmer und erhöhte die Helligkeit für einige Sekunden. Zuschauer, die erkennbar Ton- oder Bildaufzeichnungen machen wollten, wurden von einem der Akteure gebeten, dies zu unterlassen.

Ablauf

Die eintretenden Besucher waren unmittelbar mit den Akteuren konfrontiert, sobald sie den Raum betraten. Bis sich die Augen auf die Dunkelheit eingestellt hatten, konnte der Besucher im Wesentlichen nur die Geräusche, Summen, Singen, "Beatbox-Imitation", Sprechen hören und musste sich ggf. vorsichtig im Raum bewegen. Erst wenn sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte man die Akteure auch optisch mit ihren Umrissen wahrnehmen, sehen, wie sie sich zwischen den Zuschauern bewegten, Zuschauer gelegentlich auch umringten und berührten. Die meiste Zeit tanzten oder bewegten sich die Akteure, manchmal standen, saßen, krochen oder lagen sie, wobei der gleichzeitige Bewegungsstatus auch unterschiedlich war. Hinzu kam meist Gruppengesang, manchmal mit unterschiedlichen Stimmen oder Gesangsfunktionen. So begann beispielsweise einer der Akteure mit einem Beatboxrhythmus und andere sangen dann darauf eine bekannte Melodie. Es gab bestimmte vorher eingeübte Melodien und festgelegte Choreographien, die häufig eine aufsteigende Dynamik hatten. Die Musik stammte von den Gorillaz, den Beach Boys ("Good Vibrations"), von Kraftwerk ("Neonlicht", war erst in den letzten Tagen der documenta im Programm) oder von Madonna. Insgesamt 13 Stücke wurden von Sehgal und dem Choreografen und Tänzer Frank Willens entwickelt/arrangiert. Häufig wurde versucht, die neu eingetretenen Besucher in das Geschehen einzubeziehen. Halb- bis dreiviertelstündlich unterbrochen wurden die Gesangs- und Bewegungspassagen von reinen Sprechphasen. Einer der Akteure sagte zunächst: "This Variation 2012" oder sagte eine andere zeitlich nahe Jahreszahl und erzählte dann (autobiographisch?) von - meist aktuellen - materiellen/persönlichen Lebensumständen. Danach redeten noch 2-3 andere Akteure. Dies geschah meist auf Englisch, gelegentlich auch in Deutsch. Der Satz: "Das Einkommen, das die Menschen aufgrund der Produktion von Dingen von geringer Bedeutung generieren, ist von großer Bedeutung." wurde häufiger wiederholt. Danach setzte dann wieder Gesang und Tanz ein. Gelegentlich beteiligten sich Besucher, indem sie mitsangen, -summten oder "beatboxten" oder selbst ein Lied anstimmten.
In seinem SPEX-Interview erklärte Sehgal, dass das Herunterfahren des dominanten Sinnes unserer Zeit es ermögliche, die Empfindsamkeit der anderen Sinne hochzufahren. ,

Presse/Quellen

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