Thiergarten bei Wilhelmsthal

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In einem Waldstück bei Wilhelmsthal, das in alten Urkunden „Källerholz“ genannt wird, befand sich der „Thiergarten“, ein ehemaliges Jagdgebiet der Landgrafen von Hessen-Kassel. Der Wald wurde hier als Hochwildgatter für die Parforcejagden genutzt und war damit vor Rodung geschützt.

Beeindruckend ist bis heute die Artenvielfalt und die Vielzahl prächtiger Buchen in dem Wald bei Wilhelmsthal, einer der prächtigsten Buchenwälder in der Kasseler Umgebung.

Neben dem Marstall, dem Jäger- und Kavaliershaus (neben dem Schlosshotel Wilhelmsthal) erinnern heute drei Flurnamen und die Jagdsterne an die Zeit des landgräflichen Thiergartens.

Der Wald als Tiergarten

Jagdsterne bei Wilhelmsthal dienten höfischem Vergnügen

Artikel in HNA vom 30.7.2010 von Dorina Binienda-Beer

Calden. Schloss Wilhelmsthal ist eine Attraktion. Auswärtige Besucher kommen gerade jetzt im Sommer in großer Zahl, seine einheimischen Anhänger zieht es in allen vier Jahreszeiten zu Spaziergängen in den Park.

Da ist aber noch ein begehbares historisches Zeugnis, vielen in seiner Bedeutung unbekannt: Der westlich des Rokoko-Juwels am Ende der Linden-Allee gelegene ursprüngliche Tiergarten, mit seinen künstlich geschaffenen breiten Schneisen und so genannten Jagdsternen einstmals ein fürstliches Jagdrevier par excellence. Auch hier wurde ein Stück Kulturgeschichte geschrieben. Zu 90 Prozent ist das in Rasterform angelegte historische Wegenetz noch erhalten. Der bis 1865 genutzte Wilhelmsthaler Tiergarten gilt heute europaweit als der einzige noch erhaltene in einem natürlichen Waldgebiet.

Keldierholz oder auch Källerholz nennen die Cällischen ihr Waldgebiet, bevor ab 1771 auf Befehl von Landgraf Friedrich II. bei Wilhelmsthal eine Anlage für die Parforcejagd geschaffen wird. Bereits 1769 ist erstmals schriftlich von einer Einfriedung die Rede. Sie ist später der Schlüssel zum jagdlichen Erfolg des Fürsten und seiner hoch gestellten Gäste, denn von nun an gibt es für das zu einem Teil eigens gezüchtete und hier ausgesetzte Wild kein Entkommen mehr. Auf einer Länge von zwölf Kilometern werden das so genannte hintere und vordere Källerholz, 450 Hektar Fläche, mit einem Plankenzaun von 1,60 Metern Höhe abgeriegelt.

Breite Schneisen werden in den Wald geschlagen, es entsteht ein Achsensystem. Im absolutistischen Verständnis macht sich der Herrscher, auch in Wilhelmsthal, die Natur Untertan. Die höfische Jagd dient am wenigsten der Fleischbeschaffung, sondern vielmehr dem Vergnügen und der Selbstdarstellung des Fürsten und seiner Begleiter. Die gesamte Hofgesellschaft verfolgt das Geschehen, die vier Meter breiten Schneisen erlauben das Befahren des Jagdgebietes mit Kutschen.

Auf dem heutigen Lindenrondell, dem damaligen „Linden-Runt“ am Kopf der vom Schloss hinauf zum Wald führenden Allee, sammelte sich die Jagdgesellschaft. Ein gusseisernes Tor führte von hier hinein in den Tiergarten. Die Wege darin waren mit Namen bezeichnet. Die markantesten Punkte im Achsensystem bildeten die so genannten Jagdsterne: Hier trafen Schneisen sternförmig aufeinander, mit einem Mittelpunkt von 40 Metern Durchmesser. So wie beim Sababurger Runt, das aus drei Schneisen einen sechsstrahligen Stern bildete. Der ist heute nur noch bei genauem Hinsehen erkennbar, soll in absehbarer Zeit aber mit einer Schotterung der Schneiseneinmündungen besser sichtbar gemacht werden. Am Sababurger Runt, Teil des Caldener Eco-Pfades, widmet sich eine Infotafel dem einstigen Jagdgeschehen. ...

Die historische Einfriedung

Im Jahre 1769 entschloss sich Landgraf Friedrich II. das Waldstück bei Schloss Wilhelmsthal in einen "THiergarten" umzugestalten. Es wurden Schneisen und Jagdsterne angelegt und das Waldstück wurde für die Parforcejagd komplett eingefriedet.

Caldener Grundschüler rekonstruierten historische Tiergarteneinfriedung

Artikel in HNA-online vom 25.03.2011

Calden. Für das Wild gab es kein Entkommen. Wenn im 18. und 19. Jahrhundert die höfische Gesellschaft westlich von Schloss Wilhelmsthal ihrem Jagdvergnügen nachging, setzte eine Umzäunung des so genannten Tiergartens Hirschen und anderen Waldbewohnern auf ihrer Flucht vor den Häschern eine gewollte Grenze.

Von der Einfriedung aus Hainbuchenhecke und Plankenzaun ist nichts geblieben. Schade, dachte sich Caldens Geschichtskenner und Gästeführer Klaus-Dieter Wiedemann und startete ein bemerkenswertes Projekt: Hundert Schüler der Mittelpunktschule Wilhelmsthal haben in dieser Woche an alter Stelle die historische Hainbuchenhecke auf 23 Metern rekonstruiert und damit den Eco-Pfad Calden um eine weitere Attraktion bereichert.

Der Flechtzaun aus Ästen und -zweigen entstand am Heger Tor unweit vom Gut Klein-Calden. Dort, in der Nähe zum Galeriegrab II und dem mit Findlingen markierten gigantischen Bodendenkmal Erdwerk (gegenüber dem Flughafen), stehen die ältesten Bäume der Waldrandbepflanzung aus Hainbuchen bereits seit 1825. Und hier muss, ist sich Wiedemann sicher, auch der Zaun des historischen Tiergartens verlaufen sein. Von Revierförster Matthias Moos erhielt der Ideengeber volle Rückendeckung. Die Mitarbeiter des Forstbetriebs der Gemeinde Calden köpften zunächst einmal die uralten Kopfhainbuchen, was für deren Erhalt ohnehin etwa alle 15 Jahre notwendig ist. Mit Handsägen und Rosenscheren machten sich die von Förster Moos und einigen Eltern unterstützten Grundschüler dann daran, die Äste zu bearbeiten und biegsame Zweige zu gewinnen. Blessuren trug niemand davon. Geschickte kleine Hände verwoben die Hainbuchenzweige an zwei Tagen zu einer respektablen Hecke. Die Technik - wie die des Korbflechtens - hatten die Kinder zuvor in der Schule mit Papierstreifen geübt.

Wiedemanns Projekt fügte sich ideal in das aktuelle Sachkundethema der dritten Klassen ein: Da geht es um Calden und seine Ortsteile, Geschichtliches inbegriffen. In der Figur des Oberjägermeisters von Berlepsch, zuständig für den Tiergarten des Kurfürsten, hatte der ehrenamtlich tätige Caldener Gästeführer die Drittklässler mit einem Vortrag über die einstige Bedeutung und Nutzung des Tiergartens auf das Projekt vorbereitet. Am Ende, als der natürliche Flechtzaun nach historischem Vorbild auf einem Teilstück wiedererstanden war, zeigte sich Wiedemann nicht nur über das gelungene Werk der Kinder begeistert. Auch für sie selbst freute er sich. (pbb)

Tiergärten in der Landgrafschaft Hessen-Kassel

Bereits im Mittelalter gab es Tiergärten im Gebiet des heutigen Nordhessen. So entstanden 1346 ein Tiergarten bei Gudensberg, 1414 bei Melsungen und 1487 bei Marburg. Im Bereich der Stadt Kassel gab es Tiergärten im Habichtswald (Wilhelmshöhe), in der Karlsaue und im Eichwäldchen bei Bettenhausen.

Unter Landgraf Wilhelm IV. entstand im Jahre 1571 bei Hofgeismar an der Sababurg der wohl grösste "Thiergarten", ein abgeschlossener Waldteil, wobei die ursprüngliche Dornenhecke der Sababurg später durch eine Mauer (1589 – 91) ersetzt wurde.

1769 wurde unter Landgraf Friedrich II. dann der Tiergarten bei dem Schloss Wilhelmsthal angelegt.

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