Tempel (Korbach)

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Haupttempel, Tümpel, Timpen?

Warum die Korbacher Straße Tempel diesen Namen hat, ist unklar. Mehrere historische Gründe kommen dafür in Frage. Die Meinungen namhafter Korbacher Historiker gehen auseinander. Der Tempel, eine der ältesten Straßen im Kern der Korbacher Altstadt, verbindet die Stechbahn mit der Tränkestraße. Sie kürzt den Fahrweg vom Rathaus zur Strother Straße, der über den Marktplatz führt, erheblich ab, ist jedoch für den heutigen Verkehr zu eng und zu steil. Der Name dieser Straße wird wohl nie eindeutig geklärt werden können. Zu weit liegen die Erklärungsversuche namhafter Korbacher Historiker auseinander. Ob der Name einen Bezug hat zur nahe gelegenen Kilianskirche, die in alter Zeit einmal der Haupttempel des Waldecker Landes genannt wird (Prof. Leiß), ist fraglich. Eine Herleitung vom Orden der Templer kommt wohl nicht in Betracht, denn eine Niederlassung der Tempelherren hat es in Korbach nicht gegeben. Dr. Medding weist in seiner Korbacher Stadtgeschichte darauf hin, dass ursprünglich nicht nur diese Straße, sondern das ganze Dreieck zwischen Stechbahn, Kilianskirche und Tränkestraße Im Tempel hieß. Tümpel oder Timpen sei eine alte waldeckische Bezeichnung für ein dreieckiges Land oder Grundstück. 1938 wurde in Korbach darüber nachgedacht, den Namen der Straße zu ändern, da er nicht mehr in die Zeit passe. Korbacher Heimatfreunde setzten damals jedoch durch, dass der Name beibehalten wurde mit der Begründung, dass dieses Viertel wohl wegen eines hier früher befindlichen Teiches ursprünglich Am Tümpel geheißen habe.

Das alte Stadtviertel Im Tempel, zu dem auch Kilianstraße, Rathausgasse und die kleine Straße Im Pass gehörten, war einst wohl sehr eng bebaut. Die Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg und der bald darauf folgende große Stadtbrand (1664) haben die ursprüngliche Bebauung erheblich dezimiert. In diese Zeit fällt auch die durch Pest und andere Seuchen verursachte starke Abnahme der Bevölkerung. Viele der damals zerstörten Häuser wurden nicht wieder aufgebaut. So kommt es, dass noch heute mitten in der Altstadt ein Gebiet vorzufinden ist, das durch zahlreiche Gartenflächen eine vorteilhafte Auflockerung erfährt. Dort blieb ein Stück des alten beschaulichen Korbach erhalten. Kein Geschäft und kaum Verkehr beeinträchtigen die Stille dieses Viertels. Wer von der Stechbahn aus die zur Tränkestraße hin abfallende Straße betritt, findet zur Rechten eine alte Mauer, die den Hartwig'schen Garten zum Tempel hin begrenzt. Dort sind Steine zu finden, die vom einstigen, 1723 abgebrochenen Umgang des Nikolaiturms stammen und später in diese Mauer eingebaut wurden. Judenschule, Synagoge Unterhalb der Mauer wurde einer der städtischen Kindergärten erbaut, der 1956 eingeweiht wurde. Zuvor standen dort die 1938 abgebrannte Judenschule und Synagoge. Ein 1781 auf diesem Grundstück errichtetes Fachwerkhaus ging 1892 in den Besitz der israelitischen Gemeinde über, die nach Umbauten dort ihre Judenschule und die Wohnung des Judenlehrers, der in der Regel auch der Rabbiner war, einrichtete. Die Hausinschrift, die auch ein Raub der Flammen wurde, lautete: Las Neider neiden, las Hadder hassen, was mir Gott gönt, müssen sie mir lassen. Elias Müller AO 1781. Auf dem hinter diesem Haus gelegenen, 1883 von der jüdischen Gemeinde gekauften Grundstück wurde die am 24. Mai 1895 eingeweihte Synagoge erbaut. Ein Mahnmal erinnert seit 1996 an die einstige Synagoge und Judenschule. Die gegenüber liegende Seite war im Mittelalter bebaut. Nach dem Abriss dieser Häuser wurden dort Gärten angelegt. Vor Jahren richtete die Stadt auf diesem Platz einen geräumigen Kinderspielplatz ein. Am unteren Ende der Straße teilt sich der Tempel. Er stößt zweigeteilt auf die Tränkestraße. Zwischen beiden Gassen bilden die Häuser Nr. l und Nr. 3 eine Insel. Das Haus Nr. 3 ist eins der kleinsten Häuser in der Altstadt. Der Abzweig galt einst als malerischer Winkel der Korbacher Altstadt, oft von Künstlern gemalt und von Touristen fotografiert.

Die Serie

Straßennamen sind wichtig. Nicht nur, weil durch sie dem Ortsunkundigen, der Post, dem Paketzusteller, dem Arzt, dem Rettungsdienst und Lieferanten das Auffinden bestimmter Personen erleichtert wird. Sie ermöglichen den Anwohnern auch eine gewisse Identifikation. Mögen sich Nachbarn noch so sehr von einander unterscheiden, eins verbindet sie: Sie alle sind Bewohner der gleichen Straße. Straßennamen hat es nicht immer gegeben. Offiziell wurden sie in Korbach erst Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt. Bis dahin gab es viele namenlose Straßen. Natürlich hatte man Standortbezeichnungen schon früher. Sie waren aber recht allgemeiner Art: An der Neustädter Kirche etwa, oder Am Markt. Andere bezeichneten ein ganzes Stadtviertel. Flurname oder Zielort Bei der Namengebung griff man zurück auf Flurbezeichnungen (Am Waldecker Berg) oder auf die Lage der Straße (Oberstraße). Die Ausfallstraßen bezeichnete man nach ihren Zielorten (Wildunger Landstraße). Viele Straßen tragen aber auch den Namen einer bekannten oder bedeutenden Persönlichkeit, von Stadtältesten oder Ehrenbürgern. Bei Vergabe von Namen aus Politik und Regierung ist man heute in Korbach vorsichtig geworden, um späteren Umbenennungen aus dem Weg zu gehen. So wurde aus dem Adolf-Hitler-Platz nach 1945 wieder der Berndorfer Torplatz, aus der Litzmannstraße die Friedrichstraße, aus der Hindenburgstraße wieder wie früher die Bahnhofstraße. Zur Diskussion standen nach 1945 auch die an Kriegsschauplätze des Ersten Weltkrieges erinnernden Skagerrakstraße, Langemarckweg und Flandernweg. Neue Namen mussten her Die enorme Entwicklung der Stadtbebauung nach dem Zweiten. Weltkrieg brachte es mit sich, dass zahlreiche neue Straßen entstanden. Sie alle brauchten neue Namen. So entstand ein Blumenviertel, in jüngster Zeit auch ein Dichterviertel. Zahlreiche westdeutsche Städte, in die es einst Korbacher verschlagen hatte, standen Pate, aber auch mitteldeutsche Städte. Auch ehemalige ostdeutsche Städte und Gebiete, aus denen viele Korbacher Neubürger vertrieben worden waren, gaben neuen Straßen ihre Namen.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer eine Serie über die Namen Korbacher Straßen verfasst. diese ist ab April 2001 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen.