Teil 5: Von überbordender Fülle

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Serie: Baustile in Münden


Das Rathaus aus der Weserrenaissance ist Ausdruck selbstbewussten Bürgerstolzes

Säulen, Obelisken und Ziergiebel, Löwenköpfe, Engel und seltsame Fratzen, Kugelbänder, Diamantquader und Kerbschnitte - eine überbordende Fülle von Schmuckelementen prägt die Schauseite des Mündener Rathauses.

Es kann einem schwindelig werden, wenn Bauhistoriker die nicht enden wollenden Liste schmückender Details aufzählen und dabei Fachbegriffe verwenden, bei denen der Laie sprichwörtlich nur Bahnhof versteht. Nähern wir uns diesem komplexen Renaissance-Bau also auf möglichst verständliche Weise - und bewundern erst einmal seine atemberaubende Vielfalt und Schönheit. Schon die dekorative Mündener Fachwerk-Renaissance (etwa 1500 bis 1650) versetzt den Betrachter in Entzücken - wir beschrieben sie in unserer gestrigen Ausgabe. Auch das in Stein gebaute Rathaus gehört in diese Epoche, allerdings zu einer Sonderform, der unser größter Fluss den Namen gegeben hat: die Weserrenaissance.

Dieser Baustil entsteht in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, als die deutsche Renaissance mit den neuen Formen des niederländischen Manierismus (siehe Zusatzkasten) konfrontiert wird. Stadtdenkmalpfleger Burkhard Klapp: "Niederländische Bautrupps kamen damals im Auftrag der Landesherrn an die Weser. Sie wurden dem gesteigerten Dekorationsbedürfnis mit ihren detaillierten Schmuckformen, die sie auf Italienreisen erlernt oder nach Musterbüchern anwendeten, meist besser gerecht als die ansässigen Handwerker."

Bürgertum und Räte der aufblühenden Handelsstädte waren damals so selbstbewusst geworden, dass sie sich die Schlösser des Adels zum Vorbild nahmen und mit den aktuellen Dekors aller Welt zeigten: Schaut her, wir sind a u c h wer! Für den Umbau des Mündener Rathauses (1603 bis 1618), das betont der Stadtdenkmalpfleger ausdrücklich, waren aber keine niederländischen Bauleute erforderlich: "Die heimischen Baumeister in unserem Weserraum hatten sich längst ausführlich mit der niederländischen Renaissance vertraut gemacht. Die konnten das also selbst."

(Von Axel Schmidt)

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