Teil 10: Von kristalliner Schärfe

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Serie: Baustile in Münden


Im deutschen Nachkriegsexpressionismus gewann der Kristall als Kunstsymbol die Bedeutung eines Leitmotivs.

In der Architektur lag ein Hauptakzent auf kristallinen Raumvisionen und utopischen Entwürfen, die nach 1919 entstanden. Zu den Vertretern dieser Stilrichtung gehörten Bruno Taut in Berlin oder die Mitglieder der "Gläsernen Kette" wie Walter Gropius, Hans Scharoun, Hermann Finsterlin, Wassili Luckhardt, Max Taut oder Carl Kray.

Kantiges Dekor in Ziegelstein

Ein eigentümlicher Backsteinbau von 1924 verkörpert den Expressionismus in Münden

Kantiges Dekor in Ziegelstein: Ausschnitt aus der Fassade des Expressionismusgebäudes im Woorthweg. Foto: Schmidt

Von Burkhard Klapp

Aus dem fachwerkgeprägten Münden hebt sich bemerkenswert das Zweifamilienwohnhaus des Architekten Grosche von 1924 ab, dessen Fassadenaufbau expressionistischen Formvorstellungen folgt.

Aus revolutionären Strömungen nach dem Ende des 1. Weltkriegs („Nie wieder Krieg“, „Kunst für alle“) entwickelte sich im Bauen eine sprechende, expressive Architektur. Der neue Baustil wurde nach der Währungsreform 1923/24 von einer gemäßigten Architektenschaft übernommen. Die wollte zwar auch Neues bauen, hatten aber mit dem kühlen, abstrakten Funktionalismus, wie ihn die Bauhausarchitekten verfolgten, nichts im Sinn.

Die Backsteinbauten des Expressionismus-Establishments wurden als natürlich, ehrlich, aufrichtig, als innig und deutsch verstanden. Die Fassadengestaltung weist eine stark vertikalisierende, also in die Senkrechte strebende Tendenz auf. Die dekorationsfreudige Backsteinornamentik – „Stickereien“ mit kleinformatigem Backsteinmaterial – zielt auf kristalline Schärfe, auf scharfe Kanten und Winkel. Der Fassadendekor sind spitzbogige, dreieckige oder parabolische Arkaden. Portale, Türen und Fenster werden mit gewinkeltem Sturz, in Dreiecksformen oder mit um 45 Grad gedrehten Pfeilervorlagen gebaut. Die Wandflächen sind häufig von einem meist rankenförmigen Flechtwerk übersponnen. Der Expressionismus kennt vor allem die Betonung des unverwechselbaren Einzelhauses.

Im Innern des Ziegelbaus Woorthweg 7 erwartet den Besucher neben zahlreichen originalen Ausstattungen die weitestgehend im Originalzustand erhaltene ovale Diele mit Säulenportal zum angrenzenden südlichen Wintergarten.