Tannenwäldchen

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Mitten im Kasseler Becken befindet sich ein steiler Muschelkalkbergrücken, der früher Kratzenberg genannt wurde. Dieser Kratzenberg erhebt sich an seiner Nordseite steil aus dem Rothenditmolder Tal empor, zur Südseite fällt er in Richtung Wilhelmshöher Allee ab. Schon in früher Zeit befand sich an der Kreuzung Querallee / Kölnische Straße eine Gerichtsstätte.

Geschichte

Zurzeit Landgraf Wilhelm IV. entstand auf dem Kratzenberg die sogenannte Kratzenbergschanze als vorgeschobenes Außenwerk. Auch wird in alten Karten die Kratzenbergwarte genannt, mit umgebendem Wall.

Seit 1604 befindet sich die Fläche in städtischem Besitz. Damals wollte Landgraf Moritz sein Aue-Gebiet abrunden. Er tauschte bürgereigenes Gelände in der Fuldaniederung gegen das spätere Tannenwäldchen-Gebiet. Der Name Tannenwäldchen kam erst 150 Jahre später auf: Er fiel erstmals, als Ende September 1758 die französische Armee unter dem Druck des alliierten Heeres nach Süden durch Rothenditmold zurückwich und ein festes Lager auf dem Kratzenberg bezog. Dessen Hauptschanze lag in der Gegend der heutigen Stadthalle.

Um 1780 legte Stadtbaumeister Johannes Wolff, nach dem die Wolfsschlucht benannt worden ist, auf den ehemals bewaldeten Huteflächen des Tannenwäldchens einen Park an. Obstbäume warfen ihren Schatten auf geschlängelte Wege, eine Sonnenuhr und ein Sommerrestaurant zählten zu den Attraktionen. Wolff legte an verschiedenen Stellen des Tannenwäldchens Maulbeerpflanzungen an, um die Seidenraupenzucht zu fördern. Das Restaurant wurde von einem Wehlheider Wirt betrieben, das aber Anfang des 19. Jahrhunderts wieder einging. Ein Gedenkstein erinnert heute an den Schöpfer der Parkanlage. Der Gedenkstein für Johannes Wolff befindet sich am Ende der Lenoirstraße / Dingelstedtstraße. Er ist aus rotem Sandstein, trägt das Kasseler Wappen und die Inschrift JOH.WOLFF ST.BAUMEISTER 1789. Erhalten haben sich auch zwei „Ruhen“, steinerne Rastgelegenheiten, am Rande des Wäldchens direkt an der Kölnischen Straße.

Lustgarten

1831 wurde das Tannenwäldchen in einen Lustgarten umgewandelt nach Plänen des Kunstgärtners Schelhase. So wurden hier u.a. 1000 Obstbäume gepflanzt und anstelle von Rasenflächen Kleefelder angelegt. Es waren die ersten Notstandsarbeiten der Stadt. Eine gewisse Erwerbslosigkeit bestand bereits, und die Kasseler Tagelöhner wurden zum Schippen im Tannenwäldchen eingesetzt. Am 10. April 1849 wurde im Tannenwäldchen feierlich eine Robert-Blum-Eiche gepflanzt. Der Lustgarten wurde 1891 durch den Stadtgärtner Leopold Eubell verändert. Es entstand eine Schutzhütte, die Wanderer bei schlechtem Wetter aufnehmen sollten (Entwurf Georg Kegel im Schweizer Stil). Diese wurde vom Verschönerungsverein gestiftet und man hatte von dort aus eine herrliche Aussicht, die jedoch bald völlig verbaut wurde. Die Butzenscheiben der Hütte hielten nicht lange. Sie zersplitterten unter den gezielten Steinwürfen spielender Kinder. Außerdem gab es westlich der heutigen Jugendherberge einen Irrgarten, den man 1902 mit Lebensbaumhecken neu anpflanzte. 1905 entstanden noch die Anlage eines in „zierlichen Windungen durch Felsengestein zur Kirchditmolder Straße hinabfallenden Bachlaufes“ mit einer von Bankier Wertheim gestifteten Brücke aus Eichenschälholz, der Bau eines umpflanzten Bedürfnishäuschen an der Dingelstedtstraße und der Anlage eines Kinderspielplatzes auf dem früheren Reitplatz.

Bebauung

Eine Störung im Bereich des Tannenwäldchens erfuhr die Nordseite des Hanges, als der Bau der Eisenbahn 1844 und 1856 ein Teil des Geländes abgraben musste.

1870 wurde auf der Höhe des Tannenwäldchens ein Wasserreservoir im Zusammenhang mit der Niestewasserleitung errichtet. 1928 wurde es erweitert. Ab 1870 wurde das Umfeld des Tannenwäldchens im Zuge der Stadterweiterung nach Westen hin bebaut.

Ausflugsziel vor dem Ersten Weltkrieg

Vor dem Ersten Weltkrieg waren die Biergärten auf dem Kratzenberg nahe dem Tannenwäldchen ein beliebtes Ausflugsziel. Es gab den Biergarten der Losch’schen Brauerei an der Kölnischen Straße / Ecke Hardenbergstraße und der Biergarten der Schöfferhofbrauerei an der Uhlandstraße. Die Brauereien waren in alten Kalkgruben eingebaut. Der Muschelkalksfelsen des Kratzenbergs lieferte lange Zeit den Wehlheider Kalkbrennern das Material.

1961 erhielt das Tannenwäldchen sein heutiges Aussehen durch den Stadtgartendirektor Albrecht von Eichel-Streiber. Zunächst fanden die Instandsetzung der Wege sowie eine Ergänzung des Nadelholzbestandes mit Laubbäumen statt. Als klassische Gestaltungselemente der 60er Jahre sind Trimmpfade und Spielplätze zu bezeichnen. Beide befinden sich, von Wildgehölzen und Rosenpflanzungen umgeben, in der heutigen Anlage des Tannenwäldchens. Leider wird die höchste Stelle des Tannenwäldchens durch Leitungsmaste und Sendeanlagen gestört.

Liebestragödie

Hermsdorff erzählt in seinem „Blick zurück“ von einer Liebestragödie: „Romantische Verklärung erfuhr das Tannenwäldchen durch ein Ereignis im Jahre 1812. (Kassel, damals unter Napoleonbruder Jérôme Bonaparte Hauptstadt des Königsreichs Westfalen, hatte eine Menge Militär – auch Franzosen – in seinen Mauern.) Ein französischer Offizier erschoss im Dickicht des Tannenwäldchens seine ihm aus Magdeburg nachgereiste Geliebte und unternahm an gleicher Stelle einen Selbstmordversuch. Dass es nur bei einem Versuch blieb, vermerkte die Bevölkerung Kassels übel.

Heimatdichter Ludwig Mohr legte die Begebenheit seiner Novelle „Unter wilden Rosen“ zugrunde. Der Offizier ist darin der Leutnant Felix Osenio, und die Geliebte wird zur Tochter eines angesehenen Kasseler Bürgers, der des ‚roten Becker‘.“

siehe auch

Weblinks und Quellen