Streit um Lärm und Gestank im alten Münden

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Die Gummiwarenfabrik der Gebrüder Friedrich und Hermann Wetzell war immer wieder ein Stein des Anstoßes

Enge im alten Münden: In der Bildmitte das Dach der Synagoge auf dem rückwärtigen Teil des Grundstücks Hinter der Stadtmauer Nr. 23; rechts anschließend das ehemals Wetzellsche Grundstück FOTO: STADTARCHIV, NACHLASS DR. KARL BRETHAUER

Beeinträchtigungen des Wohlbefindens Einzelner durch die gewerbliche Tätigkeit von Nachbarn sind wohl so alt, wie Menschen auf engem Raum zusammen leben. Schon 1467 sah sich der Rat der Stadt Münden zu einer Verordnung veranlasst, mit der er den Lohgerbern verbot, die Tierhäute auf der Straße zum Gerben vorzubereiten, und auch die Schlachter sollten kein Blut auf die Straße gießen oder dort Pansen (den Magen geschlachteten Rindviehs) entleeren, sondern zu diesem Zweck vor die Stadt an das fließende Wasser gehen. Dabei ging es nicht nur um die Reinhaltung der Straßen, sondern auch um die Vermeidung von Geruchsbelästigungen. Verschärft traten für Nachbarn unzuträgliche Erscheinungen auf, als um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung einsetzte. Streitigkeiten, die sich daraus ergaben, blieben auch in Münden nicht aus. Ein langandauernder derartiger Konflikt ging von der 1859 gegründeten Gummiwarenfabrik der Gebrüder Friedrich und Hermann Wetzell an der Ziegelstraße aus. Ursache waren aber nicht die Feuergefährlichkeit des Betriebes, sondern die Begleiterscheinungen der Produktion. Schon 1862 zog der städtische Forstverwalter Heinrich Fortmüller die Konsequenzen und verkaufte sein Haus an der Hinterstraße (heute Hinter der Stadtmauer), das unmittelbar an den Fabrikbereich grenzte, an die Gebrüder Wetzell. Einen derartigen Rückzug wollte die jüdische Gemeinde hingegen nicht antreten und konnte dies vernünftigerweise wohl auch nicht. Seit 1796 besaß die Gemeinde das Fortmüller unmittelbar benachbarte Grundstück an der Hinterstraße (heute Hinter der Stadtmauer Nr. 23). Im Haus an der Straße befand sich die Wohnung des jüdischen Lehrers, der dort auch seine Religionsschüler unterrichtete. Auf dem rückwärtigen Teil dieses Grundstücks war 1834 die Synagoge errichtet worden. Die jüdische Gemeinde ertrug die Belästigungen durch den Fabrikbetrieb, bis die Gebrüder Wetzell 1865 ein hinteres Gebäude auf dem ehemals Fortmüllerschen Grundstück niederreißen ließen und an seiner Stelle ein Maschinenhaus errichteten, das praktisch eine gemeinsame Wand mit der Synagoge erhielt. Dadurch entstanden für die jüdische Gemeinde unerträgliche Zustände, über die sie sich Anfang September 1865 bei der Landdrostei in Hildesheim (ab 1885 Bezirksregierung) beschwerte und dabei sämtliche Belästigungen aufzählte: Die Kraft der Maschinen versetzt das ganze Synagogen-Gebäude in eine zitternde Bewegung, die sich in unangenehmster Weise allen denen mittheilt, die sich in demselben befinden. Die Öffnung des Ventils, nur wenige Fuß von unserer Synagoge die Dämpfe ablassend, macht es uns schlechterdings unmöglich, während dieser Zeit auch nur einen Laut von einem Vortrag zu verstehen, und die wahrhaft pestialischen Dünste, welche die in der fraglichen Fabrik aus schwefelartigen Substanzen fabricirten Waaren entwickeln, und die obern Räume unserer Synagoge erfüllen, wo sich die Gallerie der Frauen befindet, hält die meisten derselben, namentlich die schwächeren von dem Besuche der Gottesdienste zurück. Wer Zeiten der Dampfeisenbahn in der Nähe eines Haltesignals gewohnt hat, kennt das Ohren betäubende Geräusch, wenn aus der stehenden Lokomotive überschüssiger Dampf abgelassen wurde. Gottesdienste waren unter diesen Umständen in der Synagoge erheblich gestört, wenn nicht unmöglich. Die jüdische Gemeinde verlangte daher, zumal ihre drei Hauptfeste, die zwischen dem 20. September und dem 15. October liegen und deren Gottesdienste zum Theil halbe Tage und am Versöhnungsfeste sogar den ganzen Tag dauern, unmittelbar bevorstanden, dass während aller Gottesdienste an Sabbath- und [jüdischen] Festtagen der Maschinenbetrieb eingestellt werden müsse. Der Mündener Magistrat mit Bürgermeister Dr. Retzmann an der Spitze rechtfertigte sich gegenüber der Landdrostei damit, dass es Aufgabe der Behörden lediglich sei, vor der Zulassung eines Betriebes zu untersuchen, ob von ihm eine erhöhte Feuergefahr oder eine allgemeine Gefährdung der Gesundheit der Bevölkerung ausgehe. Wenn dagegen Privatpersonen durch Fabrikanlagen einen Schaden erlitten, müssten sie - und also auch die jüdische Gemeinde in Münden - ihr Recht vor den Gerichten suchen. Die Landdrostei lehnte diese Auffassung hingegen ausdrücklich ab und wies den Magistrat an, den Stadtphysikus [Amtsarzt] Dr. Rosenbach ein Gutachten über eventuelle Gesundheitsgefährdungen abgeben zu lassen und wegen der Geräuschbelästigungen geeignete Zeugen zu vernehmen. Rosenbach kam zu dem Ergebnis, dass eine Gesundheitsgefährdung von der Wetzellschen Fabrik nicht ausging, zumal im Sommer viel schädlichere Dünste von Lohgerbereien und Seifensiedereien herrührten, in denen die Luft verpestende verwesende thierische Substanzen verarbeitet würden. Vor dem Magistrat betritten die Fabrikanten Wetzell erhöhte Geräuschbelästigungen durch ihre Fabrik und verwiesen darauf, dass Schmiede, Kupferschmiede, Schlosser und Klempner erheblich mehr Lärm verursachten und die Geruchsbelästigungen von der benachbarten Seifensiederei von Fritz Hering stammten. Da die Gebrüder Wetzell zwischenzeitlich offenbar die Lärmbelästigungen erheblich vermindert hatten, ergab die Vernehmung der überwiegend der jüdischen Gemeinde angehörenden Zeugen in diesem Punkt keine unerträgliche Lärmbelästigung mehr. Immerhin endete der Streit schließlich im Juli 1867 damit, dass sich die Gebrüder Wetzell verpflichten mussten, während des Sabbats und der jüdischen Festtage den Maschinenbetrieb soweit einzuschränken, dass kein Anlass mehr zu Beschwerden bestand. Mit dem Gestank aber, wo immer er herkommen mochte, mussten sich alle abfinden.

(Von Dr. Johann D. von Pezold)

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