Stiftungen

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Stiftungen in Stadt und Kreis Kassel

Stiften hat Tradition in Deutschland. Das zeigt die Tatsache, dass im ganzen Land Tausende Stiftungen bestehen, davon etliche in der Region Kassel (siehe Liste), darunter viele mit einer langen Geschichte (siehe unten:"In Nordhessen gibt es eine lange Stifter-Tradition").

Liste der Stiftungen

  • Altern in Würde - Stiftung Altenhilfe des Kurhessischen Diakonissenhauses Kassel
  • Anemarie und Günter Haackert-Stiftung zur Förderung der Pränatalen Medizin
  • Arno Pagel-Stiftung
  • Autismus-Stiftung Bibelgesellschaft Kurhessen-Waldeck
  • Brückner - Kühner - Stiftung
  • Brüder Grimm-Stiftung
  • Bürgerstiftung für die Stadt Kassel und den Landkreis Kassel
  • Cornelius-Helferich-Stiftung
  • Das Hospital Siechenhof in Kassel
  • Dr. Aschrott - Wohlfahrtshaus - Stiftung
  • EKK-Stiftung
  • Gerhard-Fieseler-Stiftung
  • Gertrud und Richard Erdlenbruch-Stiftung
  • Handelsakademie Hessen-Thüringen
  • Haupt- und Hofhospital St. Elisabeth zu Kassel
  • Heilhaus-Stiftung Ursa Paul
  • Heinrich Rappe Stiftung
  • Helga Brenn-Stiftung
  • Hermann-Kupsch-Stiftung
  • Hessisches Waisenhaus zu Kassel
  • Hildegard-Pfläging-Stiftung
  • Hospizstiftung Kassel
  • Ippen Stiftung
  • Johann und Maria Herr-Stiftung
  • Karola-Plaßmann-Bahl-Stiftung
  • Kasseler Behindertenstiftung
  • Klaus-Dieter-Trayser-Stiftung für werteorientierte Unternehmensführung
  • Künstler-Nekropole-Stiftung
  • Kulturstiftung der Kasseler Sparkasse
  • Kulturstiftung Klosterkirche Nordshausen
  • Kurhessen-Stiftung
  • Kurhessisches Diakonissenhaus
  • Landgraf Moritz-Stiftung
  • Lenoir'sche Stiftung
  • LMS - Leffers Mitarbeiter Stiftung
  • Louise Reiß-Stiftung
  • Margarete Riemenschneider-Stiftung
  • Marianne-Dithmar-Stiftung
  • Marie von Boschan-Aschrott-Altersheim-Stiftung
  • Oncken-Stiftung zur Förderung evangelisch-freikirchlicher Publizistik
  • Otto und Waltraud Werner-Stiftung
  • Paul-Dierichs-Stiftung
  • Pfeiffer'sche Stiftung
  • Plansecur-Stiftung
  • Prinz Georg-Stiftung zu Kassel
  • Sozial- und Sportstiftung der Kasseler Sparkasse
  • Sparkassenstiftung Landkreis Kassel - Kultur –
  • Sparkassenstiftung Landkreis Kassel - Soziales und Sport –
  • Stiftung 7000 Eichen
  • Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung
  • Stiftung zu Gunsten der Museen in Nordhessen - Dirk und Christiane Pietzcker
  • Trube-Stiftung
  • W. & L. Jordan-Stiftung

In Nordhessen gibt es eine lange Stifter-Tradition

Wie weit diese Tradition allein in der Region Nordhessen zurückreicht, zeigt die älteste Stiftung in Stadt und Landkreis, das Ritterliche Stift in Oberkaufungen. Kaiserin Kunigunde stiftete das Kloster, nachdem sie ein Gelübde abgelegt hatte: Bei einem Besuch der Kaufunger Pfalz war sie erkrankt und rang um ihr Leben. Sollte sie jemals wieder genesen, so gelobte die fromme Frau, würde sie an dieser Stelle ein Kloster stiften. Bereits ein Jahr später, 1018, wurde mit dem Bau der Klosterkirche begonnen. 1025 ist die Stiftskirche des Heiligen Kreuzes schließlich geweiht worden. Seit der Übergabe des Stiftes an die Althessische Ritterschaft im Jahr 1532 pflegt das Ritterschaftliche Stift Kaufungen die religiöse Tradition dieser Stätte.

Lückenlos ist die Geschichte der Stiftungen trotz aller Traditionen indes nicht. 1960 hat sich Wilhelm Niemeyer im Auftrag der Stadt Kassel daran gemacht, die 1943 während der Bombennacht verbrannten Urkunden und Akten von lokalen Stiftungen zu rekonstruieren, um Auskunft über das Stiftungsvermögen der Stadt geben zu können. Niemeyer standen neben wenigen Listen der Stiftungsverwaltungen lediglich weit verstreute und „schwer auffindbare, meist dürftige Einzelangaben" zur Verfügung.

Doch Niemeyers Fleiß förderte Erstaunliches zutage. Er formulierte es so: „Dieses weitschichtige und spröde Material ergab bei aller Lückenhaftigkeit doch ein ebenso deutliches wie überraschendes Bild von den sehr erheblichen Mitteln, welche von zahlreichen Söhnen und Bürgern der Stadt im Laufe von drei Jahrhunderten für wohltätige und gemeinnützige Einrichtungen bereitgestellt worden waren.”

Erhebliche Teile des Stiftungsvermögens waren durch Inflation und Währungsreform zusammengeschmolzen. Eine ganze Reihe der einst erreichten Erfolge bestehen jedoch noch heute, wie das Marie-von-Aschrott-Altersheim, die Murhard-Bibliothek, die Lenoir-Stiftung oder das Rote-Kreuz-Krankenhaus. Alle diese Stiftungen überliefern die Namen ihrer heute noch bekannten Begründer. Für Niemeyer war es ein „Gebot der Dankbarkeit”, auch die Lebensschicksale der unbekannten Stifter und den Ursachen ihrer Stiftungen nachzugehen, um ihre Namen der Nachwelt zu erhalten.

Nicht alle Wohltäterinnen und Wohltäter besitzen schließlich den Bekanntheitsgrad von Sophie Henschel (1841 bis 1915). 16 Jahre lang führte sie nach dem Tod ihres Mannes Oscar erfolgreich das Henschel-Werk. Bereits unter Oscar Henschel waren die Wohlfahrtseinrichtungen des Henschel-Werks fortschrittlich und über Hessens Grenzen hinaus bekannt. Die Witwe baute diese Einrichtungen noch weiter aus. 1898 gründete sie den Rekonvaleszenzfonds, 1899 errichtete sie die Beamten-, Pensions-, Witwen- und Waisenkasse. Sie stiftete ein Fortbildungsschulhaus, eine Haushaltungsschule, Kleinkinderschule, ein Wohlfahrtshaus, ein Speisehaus für die Arbeiter des Rothenditmolder Werks und nicht zuletzt zahlreiche Arbeiterwohnungen. Aus Anlass des 100-jährigen Firmenjubiläums stiftete Sophie Henschel den Grundstock für einen Schwimmbadbau, sie errichtete die Lungenheilstätte in Oberkaufungen. Dem Vaterländischen Frauenverein ermöglicht sie, anstelle des alten Krankenhauses im Königstor ein neues Gebäude in der Wilhelmshöher Allee zu bauen, das heutige Rote-Kreuz-Krankenhaus.

Weil viele Stifter weitgehend vergessen waren, listete Niemeyer die „Wohltäter der Stadt Kassel und ihre Stiftungen” alphabetisch auf. Die Liste beginnt bei der ersten Stiftung, der „Appelschen Stiftung für hiesige Arme” und endet bei der Stiftung mit der Laufnummer 161, der „Zwirnemannschen Stiftung”, die sich ebenfalls den städtischen Armen widmet, jedoch: „zur Hälfte für verschämte Arme, die andere Hälfte für sonstige Hilfsbedürftige der Stadt”. Niemeyers Fleißarbeit ist heute die Grundlage für eine Renaissance der Stiftungen.

JÜDISCHE STIFTERKULTUR IN KASSEL

Der 28. Mai 2000 war für die Stadt Kassel ein herausragender Tag. Mit der Einweihung der neuen Synagoge verfügt die Jüdische Gemeinde Kassels und der Region wieder über ein eigenes Gebäude, einen Ort der Andacht, Raum für kulturelle Aktivitäten und für das Feiern fröhlicher Feste. Die Synagoge und das jüdische Gemeindezentrum waren 1938 von einem durch die nationalsozialistische Führung aufgehetzten Mob zerstört worden. Soviel Anstrengung, Mut und Kreativität waren erforderlich, das Geld für die neue Synagoge zusammenzutragen. Neben der Finanzierung durch die jüdische Gemeinde Kassel und der Landesebene, wurden Spenden von zahlreichen Firmen, Einzelpersönlichkeiten, des Landes Hessen, der Stadt Kassel und der Landkreise eingeworben. Diese Spenden können die Zerstörung der Synagoge nicht rückgängig machen, sie nehmen nichts weg von der Schuld, die wir auf uns geladen haben; sie helfen uns aber beim Erinnern und dabei, ein Stück Stadtgeschichte zurück zu gewinnen.

Gelder für kulturelle, religiöse oder soziale Zwecke flossen früher reichlicher, so ist in der Festnummer zur Tausendjahr-Feier der Residenz Cassel, im Jahre 1913, festgehalten: „Ihrem [der Stadt Kassel] gesamten beweglichen Vermögen im Werte von rund 71 Millionen Mark […] stehen heute ein Kapital- und Grundvermögen städtischer Stiftungen und Schenkungen im Betrage von 12 ½ Millionen Mark gegenüber.“ 1) Aber die großen Zeiten der wohltätigen Stiftungen, mit denen Kassel in den vergangenen Jahrhunderten reich gesegnet war, ist längst vorbei. Bei diesen Stiftungen, die erste wurde mit dem Entstehen des St. Elisabeth- oder Hofhospital im Jahre 1297 ins Leben gerufen, spielten, vor allem ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Kasseler Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens als Stifter eine herausragende Rolle. 2)

Bei der Einweihung des Neuen Casseler Rathauses waren zahlreiche wertvolle Kunstobjekte des Ratssilberschatzes der Residenzstadt Stiftungen jüdischer Bürgerinnen und Bürger. Im Rathausgedenkblatt zur Einweihung, am 9. Juni 1909, sind sie einzeln aufgeführt. „Die Stiftungen aus jüdischen Familien sind erstaunlich und zahlreich und so bis heute ein Denkmal für deren Anteil am wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Aufschwung der Kasseler Bürgerschaft um 1900. Kunstwerke und Gerät sind aber zugleich Zeichen für die Integration der jüdischen Bürger ins politische Leben dieser Zeit, ein Stück Selbstdarstellung des emanzipierten Kasseler Judentums und bezeugen Opferbereitschaft und Gemeinsinn“. 3) Und ein Jahr nach der Befreiung vom Faschismus schreibt die Tageszeitung: „Unter der Fülle der wohltätigen Stiftungen in Kassel stehen die jüdischen Stiftungen zahlenmäßig und wertmäßig an hervorragender Stelle.“ Und es wird weiter ausgeführt, es sei erfreulich, dass einige Stiftungen „alle Wirrnisse der Zeitläufte [sic] überstanden haben und noch heute ihre segensreiche Wirkung ausüben können.“ 4) Nicht nur im Jahr 1946 ist ein solcher Euphemismus zu finden, zu jeder Zeit lassen sich in Reden und Schriften Verharmlosung und Verniedlichung für die Zeit der Barbarei nachweisen.

Der Akten- und Archivbestand der Jüdischen Gemeinde wurde weitgehend vernichtet, es ist daher nur wenig an Quellenmaterial vorhanden um die jüdischen Stiftungen exakt darzustellen. 5) 1946 wurde jedoch vom Magistrat der Stadt Kassel – Stadtarchiv – eine Übersicht über die „Wohltäter der Stadt Kassel und ihre Stiftungen“ zusammengestellt. Aus dieser Übersicht und verschiedenen Literaturhinweisen ist festzustellen, dass es um 1933 noch über zwanzig jüdische Stiftungen, dazu etwa achtzehn Wohltätigkeitsvereine, -anstalten und –beratungsstellen in Kassel gibt; die meisten aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, einige aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Die insgesamt 31 Nennungen jüdischer Bürgerinnen und Bürger machen etwa ein Fünftel der erfassten Stiftungen aus. Ein bemerkenswert hoher Anteil. Einige davon sollen hier vorgestellt werden.

Bei der Betrachtung der Stiftungszwecke wird der liberale und humane Geist der Stifter deutlich: nur wenige Stiftungen waren ausschließlich Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens vorbehalten. Die meisten konnten allen Menschen in Kassel zugute kommen, einzelne waren sogar direkt auf christliche Bedürfnisse zugeschnitten. So zum Beispiel die Stiftung des Fabrikanten Mosbacher für arme Konfirmandinnen aus Bettenhausen. 6) Die Stiftung des Privatmannes Susmann Kleefeld aus dem 19. Jahrhundert war gedacht für „hiesige Arme, ohne Unterschied des Glaubens“. 1911 wurde die Brendina Rinald’sche Stiftung errichtet. Das Stiftungsvermögen des Kaufmanns Joseph Rinald und seiner „Schwester Fräulein Brendel Rinald in Cassel […] besteht aus dem schulden- und servitutenfreien Grundstück Weinbergstraße Nr. 1 mit einem vorzüglich gebauten Eckwohnhaus, dessen Wert z. Zt. auf 120 000 M geschätzt ist“. 7) Das Haus steht noch und ist Eigentum der Stadt Kassel. Die Stiftung diente der Unterstützung aller untergeordneten Beamten und Arbeiter, die dem öffentlichen Wohl, der Ordnung und der Sicherheit in der Stadt Kassel dienen. „In allen Fällen soll weder nach Geschlecht, noch nach Religion, noch nach Vergangenheit gefragt werden, sondern es soll nur die größere Not entscheiden.“ 8)

Die Familie Rinald gehörte zu den ältesten und in Hessen angesehensten Familien und geht zurück auf die Familien Jacob Abrahams in Marburg. Aus diesen Familien kamen die hessischen Proviantmeister im spanischen Erbfolgekrieg und im siebenjährigen Krieg. Der Großvater der Stifterfamilie Joseph Rinald (1744 – 1809) war Besitzer des ersten und vornehmsten Seidengeschäftes in der Petristraße (Entengasse). 9) Hier kaufte auch Johann Wolfgang von Goethe im August 1801 mit seiner Frau Christiane ein.

Die alte Kasseler Familie Goldschmidt ist durch mehrere kleinere Stiftungen vertreten, so die R. S. Goldschmidt’sche Schulstiftung und die S. und I. Goldschmidt’sche Stipendien-Stiftung**. Insgesamt fünf Stiftungen führen damals den Namen Goldschmidt. 10) Aber nicht nur namhafte und begüterte jüdische Bürgerinnen und Bürger haben gestiftet, der Particulier Lazarus Mansbach verfügte im Jahr 1889 eine Stiftung für die Armen mit einem Kapital von 300 Mark; dies ist nur ein Beispiel für eine Reihe von Stiftungen ähnlicher Größenordnung. 11)

Aus dieser Stiftungslandschaft ragen zwei Namen heraus, Mond und Aschrott. Doktor Ludwig Mond wurde am 7. März 1893 in Kassel, in der Marktgasse/Ecke Graben, geboren. Es war das Haus seiner Eltern, Henriette Mond, geb. Levinsohn und des Kaufmanns Meier Bär Mond, das durch den ornamentalen Giebelbalken ins Auge stach und deshalb unter Denkmalschutz stand. Ludwig Mond studierte Chemie und er junge Chemiker wanderte nach England aus, wurde Mitbegründer einer chemischen Fabrik und gelangte zu Vermögen. Er hatte maßgeblichen Anteil am Aufbau der chemischen Industrie in England und entwickelte neue technologische Verfahren.

Die „**Henriette Mond-Stiftung für würdige und bedürftige Arme, welche bei Genesung von einer überstandenen Krankheit noch besonderer Pflege und Schonung bedürfen (u. a. zur Errichtung eines Genesungsheimes)“ 12) errichtet Ludwig Mond zur Erinnerung an seine Mutter. Die erste Schenkung erfolgte im Jahr 1890 und betrug 100 000 Mark. In seinem Testament vom 26. November 1908 bedachte Ludwig Mond die Geburtsstadt Kassel mit 20 000 Pfund Sterling (400 000 Mark). Zum Gedenken seines Vaters setzte er die „**Meier Bär Mond’sche Stiftung zu Cassel**“ ein. Die Stiftung war mit einem Gründungskapital von 80 000 Mark ausgestattet worden „für hilfsbedürftige Juden aus Kassel und Umgebung“. 13) Die Stadt ehrte das Andenken an Ludwig Mond mit der Benennung einer Straße zwischen Wolfsanger und Gartenstraße nach ihm. Die Nationalsozialisten glaubten, die Bedeutung des weltbekannten Industriellen und Wissenschaftlers durch Umbenennung dieser Straße auslöschen zu können. Dass dies nicht gelungen ist, davon zeugt heute die in Kassel allen bekannten Ludwig-Mond-Straße, die auf die Frankfurter Straße führt.

Die größte und letzte Stiftung die ich hier vorstelle, ist der Familie Aschrott zu verdanken. Über das Wirken des Vaters des wohltätigen Stifters Doktor Felix Aschrott, Kommerzienrat Sigmund Aschrott, ist schon viel geschrieben worden. Er gilt als Begründer der Kasseler Leinenindustrie und als Erschließer des Kasseler Westens. Er festigte den Ruf des hessischen Leinens in der Welt durch die Qualität seiner Ware. Die meisten führenden Männer der Kasseler Leinenindustrie gingen aus dem Aschrottschen Geschäft hervor, so Kommerzienrat Fröhlich (Mitbegründer der Firma Fröhlich & Wolff), die Kommerzienräte Gottschalk und Cönning (die Gründer der Segeltuchweberei Gottschalk & Co) und der Vater des Kommerzienrates Heinrich Salzmann. Ab 1860 begann Aschrott Ländereien im Kasseler Westen zu erwerben, betrieb planmäßig Straßenbau mit Hilfe eigener Vermessungs- und Verwaltungsbüros und sah von vornherein viele Grünanlagen vor. Einige Straßen widmete er durch entsprechende Namensgebung Mitgliedern seiner Familie (z. B. Olgastraße und Reginastraße).

Seine Verdienste um Kassel können gar nicht alle aufgezählt werden. Zusammen mit dem Fabrikanten Henschel sorgte er dafür, dass Kassel Sitz einer Eisenbahndirektion wurde. Er schenkte der Stadt den Florapark, damit sie dort die Stadthalle errichten konnte. Der Fabrikant jüdischen Glaubens stiftete die Grundstücke für die christliche Advents- und Rosenkranzkirche sowie für die englische Kirche in der Murhardstraße 1908 finanzierte er den nach ihm benannten, beliebten und originellen Architekturbrunnen in Pyramidenform, im Unterschied und als Pendant zum Henschel-Brunnen auf der anderen Seite der Rathaustreppe. In der Nacht zum 9. April 1939 ist der Brunnen von Nationalsozialisten schwer beschädigt worden und bald darauf wurde er gänzlich abgerissen; als „freimaurerisches Symbol“ war er ihnen schon lange ein Dorn im Auge. 14) Der neue Aschrottbrunnen, von dem Kasseler Künstler Horst Hoheisel während der documenta 8 errichtet, wurde am 10. Dezember 1987 eingeweiht. Anders als eine Rekonstruktion der alten Skulptur weist die Neugestaltung des Brunnens auf die Zerstörung, auf deren historischen Kontext und auf die Gefahr des Vergessens hin. Der Blick nach unten, den der Brunnen herausfordert, steht gleichsam für den notwendigen konzentrierten Blick zurück und damit in uns hinein.

Seinen 80. Geburtstag feierte Sigmund Aschrott 1906 auf Wilhelmshöhe , den 85. aber bereits in Berlin, denn dorthin war er inzwischen übergesiedelt. Er verließ Kassel, weil ihm, wie er sagte, seine jüdischen und seine christlichen Mitbürger nie ein Ehrenamt angeboten hätten. Als er am 5. Mai 1915 fast 89jährig starb, nahmen als offizielle Vertreter der Stadt Kassel Oberbürgermeister Erich Koch und Oberbaurat Höpfner an der Trauerfeier teil. 15) Die Aschrott-Straße (Kirchweg bis Kölnische Straße) ist nach Sigmund Aschrott benannt.

Der Sohn, Felix Aschrott, wurde am 13. Mai 1856 in Kassel geboren. Er studierte Jura und Philosophie, promovierte und wurde Landgerichtsdirektor Geheimer Justizrat. Dr. Felix Aschrott vermachte seiner Heimatstadt zwei Stiftungen, die zusammen fast acht Millionen Mark betragen. Er bestimmte in seinem Testament vom 26. Mai 1926 ein Drittel seines Vermögens zur Errichtung einer Stiftung an die Stadt Kassel unter dem Namen Dr. Aschrott-Wohlfahrtshaus**. Aschrott hatte auf seinen Studienreisen in Amerika das berühmte Charity Building in Boston kennengelernt und wollte mit diesem Wohlfahrtshaus etwas ähnliches ins Leben rufen. Gesellschaften und Vereine sollten hier in entsprechenden Räumen ihre Aktivitäten entfalten können, außerdem sollte das Wohlfahrtshaus eine Volkslesehalle erhalten. Mit Beginn der nationalsozialistischen Terrorherrschaft geriet die Stiftung in höchste Bedrängnis. „Die Aufgaben des Kuratoriums der Stiftung mußten sich allein auf die Erhaltung des Vermögens beschränken. Die Stiftung mußte sich unter Zwang in Stiftung ‚Stadtbau’ umbenennen.“ 16) Im November 1955 wurde das neu erbaute Wohlfahrtshaus in der Obersten Gasse 24 wieder seiner Bestimmung übergeben.

Im Dr. Aschrott-Wohlfahrtshaus befand sich bis 1977 die Hauptstelle der Stadtbücherei, die jetzt im Rathaus beheimatet ist. Danach hat die Jugendbücherei der Stadt Kassel ihr Domizil im Wohlfahrtshaus genommen. Seit dem Jahr 1968 wird jährlich ein fester Betrag aus Stiftungsmitteln für den Ankauf von neuen Büchern bereitgestellt. Dieser Betrag ist bis heute angewachsen auf ca. 30.000 bis 35.000 Euro per anno. Die Bücher sind im Bestand der Stadtbibliothek katalogisiert und werden über die Jugendbücherei den Leserinnen und Lesern zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus werden jährlich zwischen 8.000 und 12.000 Euro für Instandsetzungsarbeiten in der Jugendbücherei zur Verfügung gestellt. So unterstützt die Stiftung von Dr. Felix Aschrott noch heute eine wichtige kulturelle Einrichtung für die Stadt, insbesondere für die jungen Bürgerinnen und Bürger.

In einem Nachtragstestament vom 25. November 1926 bestimmte Felix Aschrott, der am 31. Oktober 1927 in Berlin starb, dass das seiner Schwester, Agnes Marie von Boschan, zugedachte Erbe (über 3 Millionen Mark), nach deren erfolgtem Ableben auch der Stadt Kassel zufallen solle. Der Stiftungszweck war, „**ein Altersheim für ältere alleinstehende gebildete Frauen zu errichten und zu unterhalten.“ 17) Der Bau wurde 1931 nach Entwürfen des Architekten Haeseler aus Celle auf dem stiftungseigenen Grundstück, Friedrich-Ebert-Straße 178, errichtet. Das Heim konnte damals 100 Frauen in Einzelzimmern aufnehmen. Das Haus war für die damalige Zeit großzügig und modern ausgestattet, verfügte über Speisesaal, Musikzimmer, Lesezimmer und Spielezimmer. Bis zur Zerstörung weiter Teile der Stadt Kassel im Oktober 1943 konnte das Heim ganz, danach teilweise weitergeführt werden. Während dieser Zeit firmierte die Stiftung aufgrund der Zwangsumbenennung unter dem Namen ‚**Tannenkuppenheim-Stiftung**’. Nach Beendigung des Krieges wurde das Haus beschlagnahmt durch die amerikanische Besatzung und im ‚Waldorf-Hotel’ fanden ausschließlich Amerikaner Aufnahme.

„Das Kuratorium der Aschrottschen Stiftung hat sich vom Jahre 1948 an immer wieder bemüht, die Freigabe des großen Altersheimes Friedrich-Ebert-Straße zu erreichen.“ 18) Bei diesem Bemühen, das Haus wieder dem Stiftungszweck zuzuführen, erfuhr das Kuratorium Unterstützung durch die Stadtverordnetenversammlung, die in mehreren öffentlichen Sitzungen die stiftungsgemäße Nutzung forderte, nicht zuletzt, wegen der großen Wohnungsnot. Auch die Kasseler Presse forderte immer wieder in Veröffentlichungen die Freigabe des Heimes. Die gemeinsamen Bemühungen waren schließlich erfolgreich; am 27. März 1958 wurde das Heim der Marie von Boschan-Aschrott-Altersheim-Stiftung zurückgegeben. Sofort nach der Rückgabe des Hauses begannen Instandsetzungsmaßnahmen, bauliche Veränderungen, die während der Besetzung durch die Amerikaner vorgenommen worden waren, wurden beseitigt und kleinere Ergänzungsbauten vorgenommen. Am 1. Januar 1959 konnte das Haus wieder seiner ursprünglichen Benutzung zugeführt werden.

Durch die Erwartung an moderne Pflege und veränderten Ansprüchen der ca. 95 Bewohnerinnen, waren in den 90er Jahren grundlegende Sanierungen und Renovierungen notwendig geworden. Mit Unterstützung des Landes, der Stadt und mit Stiftungsmitteln wurden etwa 8 Millionen Euro verbaut und im August 2000 erstrahlte das Haus in der Friedrich-Ebert-Straße in neuem Glanze.

Sind auch erhebliche Teile des Stiftungsvermögens der Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens durch die Inflation Anfang der 20er Jahre und durch das verbrecherische Handeln während der Herrschaft der Nationalsozialisten zusammengeschmolzen oder verloren gegangen, so haben doch einige Stiftungen bis in die heutige Zeit Bestand, zum Wohle der Menschen in unserer Stadt. Schon diese kleine Auswahl in diesem Beitrag macht deutlich, dass mit der Ermordung und Vertreibung von Kassels Juden kultureller, wissenschaftlicher und ökonomischer Reichtum vernichtet wurde. Das Anwachsen der jüdischen Gemeinde, der Neubau der Synagoge markiert einen Neuanfang des Dialoges mit der Jüdischen Gemeinde der hoffen lässt, dass Kassel diesen Teil der Kultur wiedergewinnen kann.


LITERATUR


1) Tausendjahr-Feier der Residenz Cassel vom 27. bis 29. September 1913. Heft 3. „Fest-Nummer“. Herausgegeben im Auftrage des Magistrats vom Stadtverkehrsamt. Cassel, im September 1913. S. 23.

2) Frank-Roland Glaube: Stiftungen – ihre Bedeutung und ihre Entwicklung. In: informationen. 8/9. Hrsg.: Der Magistrat der Stadt Kassel. 1985. S. 7.

3) Rathaus Gedenkblatt. Gratis-Beilage zum Casseler Tageblatt und Anzeiger, 9.6.1909, S. 11. Zitiert nach Karl Hermann Wegner: Das Ratssilber der Residenzstadt Kassel. In: Reiner Neuhaus und Ekkehard Schmidberger: Kasseler Silber. Katalog zur Ausstellung im Ballhaus Wilhelmshöhe 20.6. – 18.10.1998. München 1998. S. 267f.

4) Jüdische Stiftungen in Kassel. In: Hessische Nachrichten 20.4.1946.

5) Wilhelm Niemeyer: Wohltäter der Stadt Kassel und ihre Stiftungen. – Eine Übersicht – Hrsg.: Der Magistrat der Stadt Kassel, Stadtarchiv. Kassel 1960. (verv.)

6) Wilhelm Niemeyer. S. 28.

7) Wilhelm Niemeyer. S. 23

8) Die Verwaltung der Residenzstadt Cassel in den Jahren 1908 bis 1911. Im Auftrage des Magistrats herausgegeben vom Statistischen Amte der Residenzstadt. Cassel 1913. S. 459 und S. 461.

9) Wilhelm Niemeyer. S. 33 f.

10) Wilhelm Niemeyer. S. 12 f.

11) Wilhelm Niemeyer. S. 26

12) Wilhelm Niemeyer. S. 27f.

13) Juden in Kassel. 1808 – 1933. Eine Dokumentation anlässlich des 100. Geburtstages von Franz Rosenzweig. Ausstellung des Kulturamtes der Stadt Kassel, 23. November 1986 – 1987. S. 198.

14) Juden in Kassel. S. 188f.

15) Siehe hierzu: Geheimer Kommerzienrat Sigmund Aschrott. In: Die Wahrheit. Deutsches Wochenblatt 24. 6. 1911. Und: Zum 100. Geburtstag Sigmund Aschrotts. Ein Stück Kasseler Geschichte. In: Casseler Tageblatt 13. Juni 1926.

16) Richard Walper: Die Aschrottschen Stiftungen. In: informationen 8/9. Hrsg.: Der Magistrat der Stadt Kassel. 1985. S. 8.

17) Wilhelm Niemeyer. S. 2

18) Richard Walper. S. 9.

siehe auch

Jüdische Gemeinde - Gemeinden mit wechselvoller Geschichte

Arzt flüchtete in der Nacht| Boykott jüdischer Geschäfte| Gedenkstätte Breitenau| Grüsener Juden| Jüdischer Friedhof in Bettenhausen| Jüdischer Friedhof in Hofgeismar| Jüdische Gemeinde in Hofgeismar| Heinemann Goldschmidt| Julius Heilbronn| Lilli Jahn| Sigmund Dispeker| Stiftungen| Trendelburg - Mikwe| 1938| 1939| 1940| 1941| 1942| 1943| 1944| 1945| Artikel zur Kapitulation 1945|

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