Sternwarte Rothwesten

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Die Rothwestener Sternwarte

Die Volkssternwarte Rothwesten wurde 1963 errichtet und gilt als Wahrzeichen von Rothwesten und Fuldatal allgemein. Die Sternwarte kann öffentlich besucht werden und gilt als beliebter Anlaufspunkt mit über 1000 Besuchern pro Jahr. Die Arbeit wird ehrenamtlich betrieben.

Geschichte

Georg Spitzer

Idee

Die Idee zum Bau einer Volkssternwarte hatte in den 1950er-Jahren Georg Spitzer. Sein Ziel war es, eine astronomische Bildungseinrichtung zu gründen. Jeder sollte die Möglichkeit erhalten, sich über das naturwissenschaftliche Gedankengut der Astrophysik zu informieren. Spitzer war es auch, der den Bau realisierte. Im Herbst 1963 wurde die Sternwarte eingeweiht. Von Beginn an waren alle Führungen kostenlos, Führungen fanden ehrenamtlich statt. Georg Spitzer selbst brachte das Projekt immer weiter voran. Der "Vater der Sternwarte" bot immer wieder Führungen an und etablierte die Sternwarte als Besucherattraktion im Landkreis Kassel. Insgesamt war er 26 Jahre für die Sternwarte tätig. Von der Gemeinde Simmershausen bekam wurde eine kleine Parzelle Land zur Verfügung gestellt, die Stadt Kassel förderte das Projekt mit 5000 Backsteinen von bombengeschädigten Häusern und der Kreisausschuss des Kreises Kassel vergab eine Zuwendung in Höhe von DM 680,- für den Erwerb der Fernrohroptik.

Bau der Kuppel

Der Bau der Kuppel war aufwendig. Nach einiger Planungszeit wurde zunächst ein Betonsockel zur Montierung des Achsensystems gegossen. Noch heute ist der Sockel am Wegrand neben dem Simmershäuser Weidenberg-Stadion zu finden. Für das Sternwartenteam ist er ein Denkmal der Geschichte. In der Kellerwerkstatt des Hauswirtes Johann Stangel wurde ein Newtonsches 21cm-Spiegelteleskop gebaut. Eine erste Erprobung fand im Hof des Hauses statt. Der Test war erfolgreich. Wenig später wurden erste Beobachtungsabende im Sternwarten-Provisorium durchgeführt. Allerdings waren diese Abende organisatorisch problematisch. Jedes Mal musste das Teleskop mit einem alten Handwagen von der Kellerwerkstatt zur zwei Kilometer entfernten Warte gekarrt.

Umzug nach Rothwesten

Die Idee, die gesamte Sternwarte nach Rothwesten, hatte schließlich Rothwestens damaliger Bürgermeister Fritz Kranke. Er schlug vor, die Warte auf einem Turm auf dem Häuschensberg zu errichten. Schließlich war der Häuschenberg ursprünglich extra für diesen Zweck gebaut worden. Bis 1912 hatte dort bereits ein Aussichtsturm gestanden, der nach einem plötzlichen Zusammenbruch nicht wieder aufgebaut worden war. 1959 begann der Bau des neuen Aussichtsturms, auf dessen Spitze die Sternwarte Platz finden sollte. Geführt wurde der Bautrupp der Firma Gerdum und Breuer von Walter Opitz (Rothwesten), die Baupläne für den Turm erstellte Architekt Birkenfeld (Vellmar).

Ein weiterer Zuschuss in Höhe von 450 DM zur Anschaffung des Kuppelholzes brachte den Bau voran. Zusammen mit dem Schreiner Gerhard Kiehl (Simmershausen) wurden die großen Kreissegmente der Kuppel in der Schreinerei Buch in Simmershausen zugeschnitten und zusammengesetzt. Auch hier bewies Georg Spitzer seinen Tatendrang: Jedes einzelne Wandungsbrett wurde von ihm mit der Handsäge maßgeschneidert. Die Arbeit fand ehrenamtlich statt. Es standen ohnehin keine weiteren Gelder zur Verfügung. So musste das Achsensystem, das das Fernrohr tragen und eine Ausrichtung auf jede Position des Himmels ermöglichen sollte, eigenständig konzipiert und gebaut werden. Unentgeldlich unterstüzteneinige Industriebetriebe das Vorhaben. 2000 DM wurden nach dem schnellen Vorankommen der Arbeiten für die eine stabile Kupferverkleidung bewilligt.

Kuppeldach und amerikanische Unterstützung

Die Amerikaner, die in Rothwesten stationiert waren, unterstüzten das Projekt ebenfalls. Sie stellten ein Mannschaftszelt zur Verfügung. Dieses wurde in eine halbkugelartige Form gebracht und auf einer Wiese am Fuß des Häuschensbergs aufgestellt.

1962 waren die Bauarbeiten am Turm beendet. Die bereits vorbereitete Kuppel wurde auf den Turm gesetzt. Geplant war, dass die Amerikaner hierfür einen Hubschrauber zur Verfügung stellten. Aufgrund der Kuba-Krise waren allerdings alle Hubschrauber im Einsatz. Also musste die Kuppel wieder in zwei Hälften zu zerlegen. Mit einem Traktor und einem Pritschenwagen zogen die Rothwestener Landwirte Peter Stach und Heinrich Kramer die beiden Kuppelhälften den Berg hinauf. Von dort wurden die Kuppelhälften per Seilwinde am Baugerüst emporgezogen und auf den Laufkranz gesetzt.

Einweihung und erste Jahre

10 Jahre dauerte der Bau insgesamt. Am 15. September 1963 wurde die Sternwarte mit einem Festakt eingeweiht. Aufgrund der ehrenamtlichen Arbeit konnten die Kosten gering gehalten werden: 1130 DM für Holz und Optik und 2000 DM für die Kupferblechhaut wurden investiert. Das Observatorium war voll ausgestattet und besaß eine Kuppel mit fünf Metern Durchmesser.

In Kassel und Umgebung wurde die Sternwarte schnell bekannt. Immer mehr Besucher verzeichnete Georg Spitzer. Auch im gesamten Bundesgebiet kannte man bald die Rothwestener Sternwarte. Bei klarem Wetter bot Spitzer jeden Freitag und Samstag Sternwartenführungen und Beobachtungsabende an. Unter der Woche gab es Sonderführungen für Schulklassen, Vereine oder Gruppen.

1978 stellte die Gemeinde Fuldatal einen Zuschuss in Höhe von 9000 DM zur Verfügung, mit dem ein hochwertiges Refraktorobjektiv der Firma Lichtenknecker Optics sowie diverse Zubehörteile wie Okularrevolver und Spektroskop gekauft wurden. Das Fernrohr baute Spitzer selbst. Durch die neue Technik konnten künftig tagsüber Sonnenbeobachtungen durchgeführt werden.

Eine besondere Spende erhielt der Verein 1982. Der Rothwestener Holger Bunge und der Simmershäuser Stefan Schröder stifteten ein weiteres Newtonsches 30cm-Spiegelteleskop. Das Teleskop wird bis heute genutzt und zeichnet sich durch seine gewaltige Lichtstärke und sogenannte Deep Sky-Objekte aus, die weit entfernte Galaxien, Sternhaufen und Gaswolken in hoher Qualität sichtbar werden lassen. Außerdem entlasteten Holger Bunge und später Alexander Gerlach aus Espenau Georg Spitzer bei den öffentlichen Führungen. Hochwertiges Bildmaterial produzierte eine Gruppe, bestehend aus Stefan Schröder, Andreas Doerr und Frank Sohl, die sich mit dem Thema der Astrofotografie beschäftigte.

Große Jubiläumsfeiern gab es 1983 (20-jähriges Jubiläum) und 1988 (25-jähriges Jubiläum).

1984 wurde Georg Spitzer für seine Aktivitäten und Verdienste das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Die Sternwarte im Jahr 1997

Nach 1989

Nach Spitzers Tod führte ein Sternwartenteam seine Arbeit fort. Das Team bestand aus Freunden und Bekannten von Georg Spitzer. Vor allem seine Frau Friedel bewies tatkräftiges Engagement. Es entstand eine Mischung aus Amateuren und Profis. Doch das Konzept ging auf: Das Team harmonierte und führte die Arbeit fort. Bis heute ist die Sternwarte in ihrer alten Form erhalten geblieben. Anstehende Reparaturen wurden und werden von Spenden finanziert. 1991 mussten erstmalig nach 28 Jahren Reparaturen an der Kupferblechhaut ausgeführt werden. Der alte Plattenspielermotor wurde durch einen neuen, elektronisch gesteuerten Motor ersetzt. Davon profitierten vor allem die Astrofotografen.

1992 mußte das Objektiv des Refraktors repariert werden. Die Gemeinde Fuldatal übernahm die Kosten für die Reparatur.

Auch wurden die Aufenthaltsräume im Turm der Sternwarte renoviert und ausgebaut. Die Europäische Südsternwarte (ESO) in Garching bei München stellte den Rothwestenern einen ausgemusterten Computer zur Verfügung, der für kleinere astronomische Demonstrationsprogramme genutzt wurde.

2007 starb Friedel Spitzer. Ihre Tochter Angelika Spitzer-Klinger führt seitdem die Familientradition fort.

2012 musste die Außenwand des Turmes saniert werden, da dieser anosnten einsturzgefährdet gewesen wäre. 25.000 Euro stellte die Gemeinde Fuldatal für die Sanierung bereit. Das Ortskuratorium unterstüzte die Sanierung, indem es ein Turmfest ausrichtete und dabei 800 Euro an Spendengeldern sammelte.

Über 1000 Besucher besuchen mittlerweile jährlich die Volkssternwarte Rothwesten.

Ausstattung

Das Okular zum Justieren des Fernrohrs

Die Sternwarte hat eine Reihe qualitativ hochwertiger Instrumente.

Teleskope

Drei Teleskope nennt die Volkssternwarte Rothwesten ihr Eigen. Die Vergrößerungsmöglichkeiten liegen zwischen dem 50- bis 200fachen. Das Spiegelteleskop hat einen Spiegeldurchmesser von 21 Zentimetern. Das Teleskop hat eine lange Brennweite und einen Zeiss-Spiegel. Daher eignet es sich zum Beobachten und Fotografieren von Planeten und Doppelsternen. Das zweite Spiegelteleskop hat einen Spiegeldurchmesser von 30 Zentimetern. Ansonsten ist der Aufbau mit dem ersten Spiegelteleskop identisch. Da es ein Linsenfernrohr mit 12,5 Zentimetern Öffnung hat, wird es zur Beobachtung von lichtschwachen Galaxien, Gasnebeln und Sternhaufen eingesetzt.

Zusatzgeräte

Zur gefahrlosen Beobachtung der Sonne wird ein spezielles Filter benötigt. Dieser besteht aus einer verspiegelten Glasplatte. So kann nur ein tausendstel des auftreffenden Lichtes in das Instrument gelangen. Dadurch wird es möglich, die Sonne zu beobachten und zu fotografieren. Ein weiteres Zusatzgerät kann das Licht von beobachteten Sternen in seine Regenbogenfarben zerlegen. Hiermit können die unterschiedlichen Farben eines Sterns analysiert und Rückschlüsse auf Temperatur und Art der Sterne gezogen werden.

Feldstecher

Die Sternwarte besitzt einen Feldstecher mit einer Öffnung von 80 Milimeter und elffacher Vergrößerung. Dieser wird benötigt, um größere, flächenhafte Objekte (z.B. Mond, Riesenplaneten) beobachten zu können. Auch Gasnebel wie der Orionnebel M42 oder Galaxien, wie die Andromedagalaxie M31, sind mit dem Feldstecher sichtbar.

Fernrohrmontierung

Die Teleskope der Sternwarte Rothwesten besitzen eine Fernrohrmontierung, auf der alle drei Fernrohre angebracht sind. Diese befindet sich auf einer schräg im Raum aufgestellten Achse, die parallel zur Erdachse ausgerichtet ist. Mithilfe eines Motors wird das gesamte Teleskop um diese Achse entgegengesetzt der Erddrehung, aber mit derselben Geschwindigkeit wie die Erde bewegt. Dadurch wird der Effekt bewirkt, dass die Objekte festzustehen scheinen. Durch eine zweite Achse im rechten Winkel zur ersten Achse ist das Fernrohr drehbar, um beliebige Objekte am Himmel aufzufinden. Beide Achsen sind mit Koordinaten versehen, was insbesondere für lichtschwache Objekte ein Vorteil ist, da diese in einem Sucher nicht zu sehen wären. Die Koordinatensysteme, die hierbei verwendet werden, kann man sich als Projektion der irdischen Längen- und Breitengrade auf die Himmelskugel vorstellen.

Die Kuppel

Die Kuppel ist mit ihrem schmalen Schieber in jede beliebige Richtung drehbar. Alle Einstellvorgänge werden von Hand betätigt, eine motorische Unterstützung ist mit Ausnahme einer Nachführung nicht vorhanden.

Andere Beobachtungsmöglichkeiten

Mit einer auf dem Teleskop angebrachten Spiegelreflexkamera können Sternenbilder zum Beispiel am Computer visualisiert werden.

Öffnungszeiten

Langzeitbelichtung der Sternwarte

Die Sternwarte ist (bei klarem Himmel) jeden Samstag Abend geöffnet. Führungsbeginn: Januar, Februar, März um 20:00 Uhr April um 21:00 Uhr September, Oktober um 21:00 Uhr November, Dezember um 20:00 Uhr

In den Monaten Mai, Juni und Juli hat die Sternwarte Sommerpause.

Kontakt

Volkssternwarte Rothwesten

Angelika Spitzer

Brüder- Grimm-Straße 24

34233 Fuldatal-Rothwesten

Telefon: 05607/7712

info@volkssternwarte-rothwesten.de

Historische Sternwarte Kassel

  • 1560 gründete der hessische Landgraf Wilhelm IV (1532-1592) in Kassel die erste neuzeitliche Sternwarte Europas.
  • Wilhelms Sternwarte bestand aus zwei Altanen an der Südfront des alten, 1811 abgebrannten Stadtschlosses in der Fuldaaue.
  • 52 Sterne hatte Wilhelm bis 1867 neu vermessen und katalogisiert.
  • Kassel war ein Anlaufpunkt vieler bedeutender Astronomen wie Tycho de Brahe (1546-1601).
  • Heute sind große Teile der ursprünglichen Kasseler Sternwartenausstattung im Museum für Astronomie und Technikgeschichte in der Orangerie in Kassel zu besichtigen.

Quellen und Weblinks