Stadenstraße (Korbach)

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Als Gefangener bei den Menschenfressern

Nur wenige wissen, wer Hans Staden war. Nach dem Südamerika-Forscher ist in Korbach die Stadenstraße benannt. Im September 1993 beschloss die Korbacher Stadtverordnetenversammlung, eine Straße im Neubauviertel jenseits des Südrings nach Hans Staden (1525-1576) zu benennen. Fragt man heute in Korbach nach Hans Staden, stößt man meist auf Ratlosigkeit. Kaum einer kennt ihn oder weiß gar, warum man ihm als einem herausragenden, ja berühmten Bürger ein Andenken bewahrt. Was hat Hans Staden, dessen Geburts- und Sterbejahr nicht eindeutig feststehen, mit Korbach zu tun? Staden selbst gibt sich in einem Schreiben an Graf Wolrad II. von Waldeck zu erkennen als Hans Staden von Hombergk in Hessen, itzo zum Wolffhage wonhaftig". Drei Städte sind es, die seit Jahren das Recht für sich in Anspruch nehmen, Hans Staden als einen Großen ihrer Stadt zu feiern: Homberg (Efze), Wolfhagen und Korbach.

Es steht fest, dass Hans Staden in Homberg geboren wurde. Bei der Festlegung des Geburtsjahrs ist man allerdings auf Vermutungen angewiesen. Heinrich Ruppel (Homberg), ein Stadenforscher und -kenner, hat sich auf 1525 festgelegt. Gegen Ende seines Lebens war Staden in Wolfhagen wohnhaft. Es wird vermutet, dass er dort als Salpeter- und Seifensieder eine der beiden Pulvermühlen betrieben hat. Im Pestjahr 1576 sind im Kirchenbuch von Wolfhagen die am 20.8. begrabene Seifensiedersche" und am 7.9. der Seifensieder" verzeichnet. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um Hans Staden und seine Frau handelt. Obwohl der Lebenslauf Hans Stadens ziemlich im Dunkel liegt, lassen sich einige Lebens- und Familiendaten festhalten. Hans Stadens Vater, Gernand Staden, stammte aus Wetter bei Marburg. Er war 1528 Bürger in Homberg. 1551 erwarb er das Bürgerrecht in Korbach, obwohl er bis 1556 in Homberg wohnen blieb. Sein Sohn Joseph Staden, offenbar ein Bruder Hans Stadens, erwarb das Bürgerrecht in Korbach 1552. Seit dieser Zeit wird Korbach der Hauptsitz der Familie Staden. Wenn man die Bedeutung Hans Stadens für die gesamte westliche Welt herausstellen will, muss man über die Jahre berichten, die sich durch seine eigene Reise-Berichterstattung hervorheben. Uff Fastnacht 1557" erschien in Marburg sein Aufsehen erregendes Buch Wahrhaftige Historia". Darin schildert er seine abenteuerlichen Reisen nach Südamerika. Eigentlich hatte er ein anderes Ziel. Er beginnt sein Werk: Ich, Hans Staden aus Homberg in Hessen, nahm mir vor, wenn's Gott gefällig wäre, Indien zu besehen". Als er nach Lissabon kam, war das Schiff, das ihn nach Indien bringen sollte, bereits ausgelaufen. Kurz entschlossen heuerte er auf einem französischen Handelsschiff an, das im Juni 1548 Lissabon verließ und nach 84 Tagen das Kap Agosthino im heutigen Staat Pemambuco (Brasilien) erreichte.Von dieser Reise kehrte er am 8. Oktober 1549 zurück. Südamerika hatte ihn nicht losgelassen. Das goldreiche Peru lockte ihn, und so verließ er am 10. April 1550 einen Hafen südlich von Sevilla. Sein Ziel war der La Plata. Nach monatelanger Fahrt mit Entbehrungen und Schiffbruch kam er schließlich nach Sao Vicente. Hier hatten die Portugiesen das Fort Bertioga gegen die Feinde der heimischen Tupiniquins errichtet. Staden avancierte zum Befehlshaber dieses Stützpunkts gegen den Stamm der Tupinambas. Hier nahm im Dezember 1553 das Leben Stadens eine entscheidende Wende. Er wurde von den beiden Häuptlingen der Tupinambas gefangen genommen. Staden wusste, dass diese Indios ihre gefangenen Feinde totschlugen, um sie anschließend zu verzehren. Es kam ihm wie ein Wunder Gottes vor, dass man ihn am Leben ließ. Über seine Gefangenschaft berichtet Staden in den Kapiteln 6 bis 54 seines Buches.

Der vollständige Titel heißt: Wahrhaftig Historia und beschreibung eyner Landtschafft der wilden, nacketen, grimmigen Menschenfresser Leuthen, in der Newenwelt America gelegen". Nach seiner Errettung durch den französischen Kapitän Wilhelm de Moner kehrte er in die Heimat zurück. Sein Buch enthält 52 Holzschnitte, die den Inhalt erklären sollen, und ein Porträt des Verfassers. Insgesamt gab es 76 Ausgaben in lateinischer, holländischer, englischer, französischer, spanischer und portugiesischer Übersetzung. Noch heute trägt eine große wissenschaftliche Gesellschaft in Brasilien seinen Namen, das Institute Hans Staden in Sao Paulo. 1557 sendet Hans Staden ein Exemplar seines Buches von meyner reyse und schiffart und waß elents ich bey denn nackichten leutfressend leuthen erlitten, daraus mich Gott gnediglich erlost" mit Begleitschreiben an den wolgebornen Hernn, Hernn Wolradt Graven und Herrn zu Waldegk, meynnem g(nedigen) Herrn. In einem Anhang bittet er den Grafen, ein gutes Wort bei den Korbachern einzulegen wegen einer Unterstützung für das Studium des Sohnes einer armen witfraw zu Corpach, die Weygandsche auff der stechban.

Die Serie

Straßennamen sind wichtig. Nicht nur, weil durch sie dem Ortsunkundigen, der Post, dem Paketzusteller, dem Arzt, dem Rettungsdienst und Lieferanten das Auffinden bestimmter Personen erleichtert wird. Sie ermöglichen den Anwohnern auch eine gewisse Identifikation. Mögen sich Nachbarn noch so sehr von einander unterscheiden, eins verbindet sie: Sie alle sind Bewohner der gleichen Straße. Straßennamen hat es nicht immer gegeben. Offiziell wurden sie in Korbach erst Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt. Bis dahin gab es viele namenlose Straßen. Natürlich hatte man Standortbezeichnungen schon früher. Sie waren aber recht allgemeiner Art: An der Neustädter Kirche etwa, oder Am Markt. Andere bezeichneten ein ganzes Stadtviertel. Flurname oder Zielort Bei der Namengebung griff man zurück auf Flurbezeichnungen (Am Waldecker Berg) oder auf die Lage der Straße (Oberstraße). Die Ausfallstraßen bezeichnete man nach ihren Zielorten (Wildunger Landstraße). Viele Straßen tragen aber auch den Namen einer bekannten oder bedeutenden Persönlichkeit, von Stadtältesten oder Ehrenbürgern. Bei Vergabe von Namen aus Politik und Regierung ist man heute in Korbach vorsichtig geworden, um späteren Umbenennungen aus dem Weg zu gehen. So wurde aus dem Adolf-Hitler-Platz nach 1945 wieder der Berndorfer Torplatz, aus der Litzmannstraße die Friedrichstraße, aus der Hindenburgstraße wieder wie früher die Bahnhofstraße. Zur Diskussion standen nach 1945 auch die an Kriegsschauplätze des Ersten Weltkrieges erinnernden Skagerrakstraße, Langemarckweg und Flandernweg. Neue Namen mussten her Die enorme Entwicklung der Stadtbebauung nach dem Zweiten. Weltkrieg brachte es mit sich, dass zahlreiche neue Straßen entstanden. Sie alle brauchten neue Namen. So entstand ein Blumenviertel, in jüngster Zeit auch ein Dichterviertel. Zahlreiche westdeutsche Städte, in die es einst Korbacher verschlagen hatte, standen Pate, aber auch mitteldeutsche Städte. Auch ehemalige ostdeutsche Städte und Gebiete, aus denen viele Korbacher Neubürger vertrieben worden waren, gaben neuen Straßen ihre Namen.

Der Autor

Der Korbacher Hans Osterhold beschäftigt sich schon lange mit heimatkundlichen Themen. Für die HNA hat der Museums- und Stadtführer eine Serie über die Namen Korbacher Straßen verfasst. diese ist ab April 2001 in der HNA Waldeckische Allgemeine erschienen.