St. Blasius-Kirche in Hann. Münden

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Blasiuskirche (Foto: Siebert)

Die St. Blasius-Kirche in Hann. Münden ist eine dreischiffige gotische Hallenkirche im Zentrum der Altstadt.

Geschichte

Bauwerk

Bereits um das Jahr 1000 gab es in Hann. Münden die erste Steinkirche, um 1125 den ersten Ausbau zu einer Basilika, um 1180 die nächste Erweiterung zu einer Kreuzbasilika und 1290 begann der Umbau zu einer gotischen Hallenkirche.

Neue Untersuchungen belegen, dass nicht drei, sondern vier Steinkirchen unter und in der heutigen St.-Blasius-Kirche verborgen liegen. Zuvor standen dort vermutlich hölzerne Kirchenbauten, von denen keine Reste mehr blieben. Danach gab es lange vor dem vierten Quartal des 12. Jahrhunderts eine Besiedelung am Platz der heutigen Stadt Hann. Münden, auch wenn die erste urkundliche Erwähnung der Stadt auf den 15. August 1183 datiert. Zu diesem Schluss kommt Ortsheimatpfleger Martin Czichelski in seinem Buch "Mündener Kirchenbau-Historik am Beispiel von Sankt Blasius". [1]

Historische Aufnahme der Blasiuskirche in Hann. Münden: In drei Bauabschnitten ist die St. Blasius-Kirche entstanden. Ende des 13. Jahrhunderts wurden der Altarraum und das östliche Joch aller drei Schiffe erbaut. Ein Anbau im Westen erfolgte 1487. Der Turmbau über dem westlichen Mittelschiff wurde 1519 beendet. (zpy/Foto: privat)

Die heutige Kirche wurde auf den Grundmauern einer romanischen Basilika errichtet. Bis zum Jahr 1584 zog sich der Kirchbau hin, bevor schließlich auch der Kirchturm fertiggestellt wurde.

Die Kirche in ihrer heutigen Form, eine dreischiffige gotische Hallenkirche, steht neben dem Rathaus und ist das Gemeinschaftswerk der Mündener Bürgerschaft. Sie entstand ab 1260 in drei Bauabschnitten von Ost nach West und ist ein Zeugnis des Wohlstands der einstigen Hansestadt.

Zunächst entstand zwischen 1260 und 1280 der Chor und das davor befindliche Joch, d.h. ein Kreuzrippengewölbe. Nach einer längeren Unterbrechung wurden 1487 die Arbeiten wieder aufgenommen und am 25. Mai 1519 konnte das Kirchenschiff eingeweiht werden.

Wiederum lange Zeit später wurde im Jahre 1584 der Bau des achteckigen Kirchturms mit glockenförmiger Haube abgeschlossen. Die Jahreszahl über dem Aufgang zum Turm verrät allerdings die Jahreszahl 1488, als offenbar mit dem Bau des achteckigen und 58 Meter hohen Turms begonnen wurde, der in das Gebäude einbezogen und mit einer Welschen Haube versehen wurde. [2]

Von einer Wohnung im Kirchturm über der Glockenstube aus wachten von 1584 bis 1929 die Türmer über die Stadt und ihre Bürger.

Im Inneren der Kirche

Sehenswert ist die reiche Innenausstattung der Kirche, etwa die reich bebilderte Kanzel mit Bildnissen der Evangelisten aber auch von Martin Luther.

Blick zum Altar

Ein Rundgang vom Westportal her [3]

Beim Betreten der Kirche vom Westportal her fällt der Blick auf die gegenüberliegende barocke Altarwand, die der Bildschnitzer Johann Andreas Gräber aus Heiligenstadt schuf. Sie ersetzt seit 1700 den ursprünglichen Flügelaltar und zeigt auf Bildern das Abendmahl, die Kreuzigung und die Auferstehung. Die Bilder werden durch die Figuren von Christus und den Aposteln Petrus, Paulus und Johannes umrahmt.

Deutlich älter ist das Taufbecken der Kirche, das sich in der Nähe des Westportals - im linken Eingangsbereich der Kirche - befindet. Der reich verzierte Bronzeguß ist eine Arbeit von Nikolaus von Stettin aus dem Jahre 1392. Auf dem Taufbecken ist auch der Heilige Blasius im Bischofsornat und mit einem Salbhorn dargestellt.

Orgel

Er war ein bevorzugter Heiliger des Welfenhauses und auch in Hann. Münden wurde die Stadtkirche zu seinen Ehren geweiht. Blasius war Bischof von Sebaste im heutigen Armenien, wo er 316 den Märtyrertod starb. Sein Gedenktag ist der 3. Februar.

In der Taufkapelle fällt der Blick auf modern gestaltete Kirchenfenster des Hamburger Künstler Gerhard Hausmann, ein Fenster mit den Elementen Feuer und Wasser als Symbol für den Heiligen Geist und ein weiteres Fenster mit einem Weinstock entsprechend dem Wort Jesu: „ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ (Joh. 15,5).

Die St. Blasiuskirche ist einst von den Bürgern Mündens als ein Ort erbaut worden, wo sie sich in allen Situationen Gott nahe fühlen können. Diese Aufgabe erfüllt die Kirche bis zum heutigen Tage.

Fresko oberhalb der Orgel aus dem Jahr 1519.

Dabei hat das Gotteshaus im Innern vielerlei Veränderungen erfahren, jeweils nach den Vorstellungen und Bedürfnissen der betreffenden Zeit.


Kostbares Wandgemälde: In trauter Dreisamkeit

Wer Schönes entdecken will, muss mitunter den Hals recken. Besucher der St. Blasius-Kirche jedenfalls, die unterhalb der Orgel stehen, können bei günstigen Lichtverhältnissen eine wahre Kostbarkeit auf dem Gurtbogen zwischen den beiden Turmpfeilern entdecken Dort sieht man ein Wandgemälde, mit dem die 1519 neu errichtete Kirche geschmückt wurde.

Es zeigt Maria mit dem Jesuskind und der Heiligen Anna, die Mariens Mutter gewesen seit soll. Dieses Motiv, ein so genanntes Anna selbdritt, war im Mittelalter ein beliebtes Motiv, erläutert Waltraud Kock, die sich seit vielen Jahren in der Stadtkirchengemeinde engagiert.

Das Gemälde in St. Blasius zeigt die beiden Frauen einander zugewandt auf einer typisch gotischen Truhenbank sitzen. Links Maria, im blauen Gewand und mit Krone als Himmelkönigin und als Jungfrau mit langen offenen Haaren dargestellt. Ihre Mutter Anna ist wie eine Bürgersfrau aus dem 16. Jahrhundert gekleidet, mit Haube. „Sobald die Frauen damals unter die Haube kamen, waren auch die Haare unter der Haube“, sagt Waldtraud Kock schmunzelnd. Auf ihrem Schoß steht das nackte Jesuskind.

Das Baby sieht propper aus, hat einem vollen Lockenschopf und blickt freundlich in die Welt. Es greift nach dem Apfel, den ihm seine Mutter hinhält. Die Frucht steht für die Verführbarkeit und Verfehlungen der Menschen und weist darauf hin, dass das Christuskind der Heiland alles Menschen sein und ihre Sünden auf sich nehmen wird. Alle drei Figuren tragen einen Heiligenschein, aber der des Kindes ist besonders prächtig.

Im 16. Jahrhundert war das Fresko übrigens nur eines von zahlreichen Bildern in der Kirche. Damals konnten die meisten Menschen nicht lesen, sodass die Kirchenwände quasi als biblisches Bilderbuch dienten. Freigelegt wurde das historische Anna selbdritt erst vor gut 30 Jahren während der Sanierung der St. Blasius-Kirche. Unter den Malschichten mehrere Jahrhunderte war es erstaunlich gut erhalten geblieben. Die Restauration finanzierte damals das Landeskultusministerium.

Um die Farben nicht zu beschädigen, darf das Anna selbdritt leider nicht angestrahlt werden. Wer aber Glück hat und St. Blasius bei Sonnenschein besucht, kann die traute Dreisamkeit über der Orgel bestaunen.

(rud)


Die seit dem Mitte des 16. Jahrhunderts evangelisch-lutherische Kirche zeigt sich heute vor allem als eine offene Kirche.

Bronze-Taufbecken

Bei einer grundlegenden Renovierung und Umgestaltung der Kirche in den Jahren 1972 - 76 wurden die Kirchenbänke durch eine bewegliche Bestuhlung ersetzt.

Ins Zentrum der Kirche - in unmittelbare Nähe zur Kanzel - rückte ein neuer bronzener Mittelaltar.

Die Taufkapelle (siehe oben) und die Toten-Mahn-Kapelle wurden mit modernen bunten Glasfenstern ausgestattet.

In der Ewigkeits- oder Toten-Mahn-Kapelle weist das westliche Fenster auf die ewigen Wohnungen Gottes hin (Joh. 14,2), das himmlische Jerusalem, während das Südfenster den Baum des Lebens im Paradiesgarten (1. Mos. 2,9) zeigt.

Im Altarbereich ist aus vorreformatorischen Zeit die Bronzetür der Sakramentsnische (Tabernakel) an der rechten Chorwand erhalten geblieben.


Kirchenführungen können über das ev. Gemeindebüro im Hann. Mündener Corvinushaus, Ziegelstrasse 16, Tel. 05541 - 956532 vermittelt werden.


Orgel

Die Orgel der Kirche aus dem Jahre 1645 stammt aus der Werkstatt von Christoph Weiß. Im Jahr 1977 wurde von der Orgelbauwerkstatt Johannes Klais aus Bonn als Opus 1519 hinter dem historischen Gehäuse eine neue Orgel gefertigt.

Sie besitzt 40 klingende Register auf drei Manualen und einem Pedal. Das Instrument verfügt über 2806 Pfeifen, davon 300 aus Holz und 2506 aus Zinn, sowie einem Glockenspiel mit 39 Glocken.

Passionsaltar

Passionsaltar aus der entwidmeten Aegidienkirche

Seit 2010 hat der Flügelaltar aus der 2006 entwidmeten St. Aegidienkirche in Hann. Münden an der Ostwand des nördlichen Seitenschiffes der Blasius-Kirche einen neuen Standort gefunden.

Mit einem traditionellen Tischabendmahl eröffnete am Gründonnerstag 2010 die evangelisch-lutherische Stadtkirchengemeinde nicht nur das Festjahr zum 500. Geburtstag von Herzogin Elisabeth.

Auch der Altar der Hann. Mündener Aegidienkirche, die im November 2006 entwidmet worden war, wurde wieder seiner Bestimmung übergeben. Viele Planungen und Spenden waren nötig, um dieses kunsthistorische und gemeindliche Projekt umzusetzen. [4]

Das Mittelbild des rund 500 Jahre alten Kunstwerks zeigt die Kreuzigung Jesu.

Auf dem linken Flügel sind Jesu Gebet in Gethsemane und die Verspottung Christi dargestellt, auf dem rechten Flügel die Kreuzesabnahme und die Auferstehung.

Das Altarbild stammt aus der Zeit um 1530 und wird einem unbekannten Meister aus der Donauschule zugeordnet.

Deutlich jüngeren Datums ist das Abendmahlbild im unteren Bereich des Altars.

Reformator Antonius Corvinus

In der St. Blasius-Kirche hängt oberhalb des Eingangs zur Sakristei eine Tafel aus dem Jahr 1901 - dem 400. Geburtstag von Antonius Corvinus, „der Herzogin Elisabeth zu Münden und ihrem treuen Berater Antonius Corvinus, dem Reformator Südhannovers zu Gedächtnis gewidmet“.

Kanzel

Der aus Warburg stammende Anton Rabe (1501-1553), besser bekannt unter seinem latinisierten Namen Antonius Corvinus, war während seines Studiums in Leipzig mit den Gedanken der Wittenberger Reformatoren in Berührung gekommen und arbeitete seit 1529 als Pfarrer in Witzenhausen. Schon bald stieg er zum Berater des hessischen Landgrafen Philipp (1504-1567) auf, der Corvinus nur wenige Jahre später wiederum an Elisabeth weiterempfahl. [5]

Als Herzog Erich I. von Braunschweig-Lüneburg 1540 starb und Herzogin Elisabeth die Regentschaft fortführte, lud diese Corvinus in das Mündener Schloss ein. Er sollte fortan in Elisabeths Fürstentum die Einführung des evangelischen Glaubens organisieren. Bei dem ersten Besuch predigte Corvinus auch in St. Blasius.

1542 ernannte Elisabeth I. den Reformator zum Landessuperintendenten und damit zum höchsten Geistlichen im Fürstentum Calenberg-Göttingen. Sein unermüdlicher Einsatz für die Reformation bleib nicht ohne Widerstand: 1549 wurde Corvinus verhaftet, weil er sich gegen die Rekatholisierungsversuche seines zum Katholizismus konvertierten Landesherren Erich II. wehrte. Erst drei Jahre später, als sich die Stimmung im Land wieder zugunsten der Evangelischen gewendet hatte, wurde er entlassen. Er starb kurz darauf am 5. April 1553.

Elisabeth selbst hatte nur vorübergehend die Regentschaft übernommen. Als 1546 ihr inzwischen volljähriger Sohn Erich II. die Herrschaft übernahm, kehrte er zum katholischen Glauben zurück. 1553 wurde Herzogin Elsabeth von Herzog Heinrich zu Wolfenbüttel aus Münden vertrieben. Fünf Jahre nachdem sie Münden verlassen musste, starb sie in Ilmenau.

Sarkophag

In der südlichen Seitenkapelle der Kirche, in der Nähe des Kircheneingangs befindet sich ein Ehrfurcht einflößendes Monument: das Grabmal Wilhelms des Jüngeren.

Nach dem Tode seines Vater im Jahre 1482, erhielten zunächst Wilhelm II., genannt der Jüngere, Wolfenbüttel, sein jüngerer Bruder Friedrich, genannt der Unruhige, das Fürstentum Calenberg–Göttingen.

Ehrfurcht einflößendes Monument: das Grabmal Wilhelms des Jüngeren.
Foto: v. Pezold

Nach der Absetzung seines Bruders im Verlauf der "Großen Stiftsfehde" 1484/ 85 fiel Wilhelm II. dann auch das Fürstentum Calenberg und das Fürstentum Göttingen zu.

Das Grabmal für Wilhelm den Jüngeren wurde schon zu Lebzeiten des Herzogs angefertigt.

Im Zuge einer grundlegenden Umgestaltung der Kirche wurde der Sarkophag in den 1970-er Jahren aus der Mittelachse der Kirche entfernt und in der südlichen Seitenkapelle aufgestellt.

Hier befinden sich auch weiteren Zeichen des Totengedenkens an den Wänden, darunter die Namenstafeln der gefallenen Gemeindeglieder beider Weltkriege oder eine Gedenktafel für die ermordeten jüdischen Mündener Mitbürger.

Literatur

Inschrift am südöstlichen Strebepfeiler des Chores der St.-Blasius-Kirche
Foto: v. Petzold
  • Andrea Bulla, Im Schatten von Kirche und Rathaus – Archäologische Funde aus Hann. Münden, Sydekum-Schriften zur Geschichte der Stadt Münden 31, Heimat- und Geschichtsverein Sydekum, Hann. Münden 2000
  • Andrea Bulla, Am Anfang war die Stadt, Archäologische Spurensuche im mittelalterlichen Hannoversch Münden, Rahden/Westf. 2004
  • Martin Czichelski, Mündener Kirchenbau - Historik am Beispiel von Sankt Blasius, verlegt vom Geschichtsverein Sydekum, Hann. Münden 2013
  • Rudolf Grenz, Die Anfänge der Stadt Münden nach den Ausgrabungen in der St. Blasius – Kirche, Schriften zur Geschichte der Stadt Hannoversch Münden Bd.1, Hann. Münden 1973
  • Hans Reuther, St. Blasius, Hann. Münden, Reihe: Große Baudenkmäler H. 246, Deutscher Kunstverlag 1970
  • Helmut Saehrendt: Hannoversch Münden. Wissenswertes aus der Geschichte der Stadt, Sehenswertes in der Stadt, Hannoversch Münden 2002

siehe auch

Wussten Sie schon ...

Chormusik in der Mündener St. Blasius-Kirche

... dass die Mündener Kirche einen Taufengel und einen Altaraufsatz beherbergt, die 1701 vom Waldecker Barockbildhauer Josias Wolrat Brützel geschaffen wurden?

aus: Vereinschronik Schützenverein Münden

Weblinks und Quellen

Quellen

  1. Aus HNA-online vom 13.9.2013: Hann. Münden viel älter als gedacht
  2. Die Form des Kirchturms auf www.kirchenkreis-muenden.de
  3. Informationen zur St. Blasius - Kirche auf www.stadtkirche-muenden.de
  4. HNA-online vom 30.3.2010: Altar ab Gründonnerstag in St. Blasius zu bewundern
  5. HNA-online vom 11.06.2010: Elisabeths gelehrte Räte

Weblinks