Städtische Siedlung

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Städtische Siedlung - die "Afrika"?

Die städtische Siedlung wurde in den Jahren 1937/38 durch die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Kassel erbaut. Die Siedlung hieß zunächst offiziell "Siedlung an der General-Emmich-Straße", dann "Siedlung an der Steinigk-Straße". Im Volksmund war es die "Afrika-Siedlung", weil ihre Straßen größtenteils Namen aus den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika tragen. Heute sprechen wir von der "Städtischen Siedlung", weil die Mietwohnungen im Wesentlichen der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GWG gehören.

In den Jahren 1938/39, 1949/50 und 1953/54 wurde die Siedlung erweitert. Sie hatte vor dem Kriege 166 Häuser mit 589 Wohnungen. Während des Krieges wurden neun Häuser total zerstört. Am 1. Mai 1945 gab es in der Siedlung 157 Häuser mit insgesamt 535 Wohnungen, heute weist die Siedlung 233 Häuser mit 845 Wohnungen auf. Im Kasseler Architekturführer heißt es: "Kleinsiedlungsbau ist auch das Ideal des faschistischen Städtebaus, wie er in der "Afrikasiedlung" entsteht: Volkswohnungen in einfachen zweigeschossigen Häusern, ohne Bad und mit Ofenheizung sollen "dem minderbemittelten Volksgenossen eine angenehme Wohnstätte schaffen". Bis 1939 entstehen hier 462 Volkswohnungen, u.a. von Catta und Groth."

1954 wohnten in der Städtischen Siedlung 4009 Menschen, heute sind die Wohnungen vergrößert und modernisiert worden, so dass hier heute nur noch halb so viel Menschen wohnen. Als in den dreißiger Jahren die Altstadt entkernt und saniert wurde und 1936 der sog. "Freiheiter Durchbruch" - geschaffen wurde, brauchte man neuen Wohnraum. Viele dieser Menschen bekamen Wohnungen in der Städtischen Siedlung, darum hörte man hier noch lange den Kasseler Dialekt aus der Altstadt unverfälscht. In den 80-er Jahren machte diese Siedlung keinen guten Eindruck.

Geht man heute im Frühling durch die Städtische Siedlung, ist das ein sehr schöner Spaziergang. Die Häuser erhielten neue Fenster, Etagenheizungen, sie erhielten einen freundlichen Anstrich und gemütliche Regenschutzvorbauten über dem Eingangsbereich. Kleine Wohnungen wurden zu großen verschmolzen. Spielplätze wurden kinderfreundlich umgebaut.

Im Oktober 2006 wurde in der Steinigkstraße 23 in einer von der GWG zur Verfügung gestellten Wohnung der Stadtteiltreff geschaffen, hier können sich Gruppen treffen. Es gibt hier einen größeren Sitzungsraum und ein "Wohnzimmer" mit max. 10 Plätzen. Eine Küche und Toilette ist ebenfalls vorhanden.

Von der "Afrika" ist außer bei einigen heute nicht mehr so ganz passenden Straßennamen nichts mehr zu spüren.

Streifzug durch einen unbekannten Stadtteil

Artikel v. 05.10.1949 in einer Kasseler Zeitung von Vinzenz Vim

Die Siedlung, die am härtesten betroffen wurde, trägt ihre berechtigten Wünsche vor

"Afrika" heißt im Volksmund die städtische Siedlung in Bettenhausen, wo man die Straßen nach deutschen Kolonien benannte, Togo, Windhuk und Lüderitz erinnern noch daran. In 220 Häusern leben 3000 Menschen, die einst in der umliegenden Industrie beschäftigt, heute größtenteils stempeln gehen müssen. Die Siedlung macht einen netten Eindruck, aber da leben in einer Wohnung drei Familien, da müssen Mutter, Tochter und der 15-jährige Sohn auf engstem Raum hausen. Auch sonst wird von wenig erfreulichen Bildern berichtet, wie sie die Wohnungsnot zur Folge hat. Hinzu kommt die Arbeitslosigkeit, die auf den meisten Familien lastet. In vielen Fällen sind Mieter nicht in der Lage, Miete und Lichtrechnung zu bezahlen.

Allmählich aber verschwinden die Kriegsschäden aus dem Straßenbild, denn jeder ist bemüht, aufzuräumen, zu verbessern und zu verschönern. Auf dem Togoplatz werden sogar Siedlungshäuschen gebaut und das freie Feld in der Ochshäuser Straße ist zur Bebauung vorgesehen. Erstaunlich ist die Lebenskraft und der Lebensmut der Leute in der Afrikasiedlung. So haben sich kleine Geschäfte und Unternehmen gegründet, die ihren Besitzern ein ausreichendes Einkommen sichern.

Da hat Marie Färber in Ihrer Wohnstube eine Gastwirtschaft eröffnet und schenkt von 7 Uhr morgens bis in die Nacht hinein aus. Wenige Schritte daneben hat Christian Dießler 1947 ein Lebensmittelgeschäft errichtet. 1943 in der Mühlengasse ausgebombt, baute Willi Diederich 1946 ein halbzerstörtes Siedlungshaus zur Fleischerei um, und auf der anderen Straßenseite verkauft H. Bayer Hühnerfutter für die Kleintierhalter.

Ebenfalls mit Genehmigung der Gewobag richtete Ewald Ramfeld eine Molkerei mit Lebensmittelverkauf ein. Nette und Pape reparieren Schuhe, während einige "Figaros" für saubere Frisuren sorgen. Eins der interessantesten Unternehmen ist der "Tiroler Bierkeller" Heinrich Heiderichs, eines Schwerkriegsbeschädigten. Er war sein eigener Zimmermann, Maurer und Maler. Tag und Nacht arbeitete er an der Ausgestaltung des Kellerraumes, bis die ersten Gäste zu ihm hinabstiegen. Ein Durchbruch zum Nebenkeller soll die Bierstube noch vergrößern. Und wenn ich alles hübsch verkleidet habe, wird niemand merken, daß vorher Kartoffeln oder Kohlen darin gelagert haben, sagt Heinrich lachend. Er sei zwar Junggeselle, doch eine Wirtin werde sich finden lassen.

Mit zwei Gesellen und zwei Lehrjungen versorgt August Eschstruth seit 1946 seine Kunden mit Fleisch und Wurst. Sein Geschäft am Westring fiel den Bomben zum Opfer.

Nur eine Bäckerei gibt es nicht, doch liegt der Bauplatz schon bereit und wahrscheinlich wird ein Bäcker aus Lohfelden seinen Betrieb dorthin verlegen. Es ist auch notwendig, denn für die 5000 Bewohner der Siedlungen gibt es nur eine Bäckerei.

Unter anderem haben wir auch mit Bezirksleiter Corthals über das gesprochen, was geschehen muß, um das Leben in dieser Siedlung, die zum Verwaltungsbezirk Waldau gehört, lebenswert zu machen. An erster Stelle steht dabei das Woh�nungsproblem. Hinzu kommt der berechtigte Wunsch, nach einer besseren Verkehrsverbindung der Straßenbahn an den Sonn- und Feiertagen.

Auch der Wunsch nach besserer Beleuchtung und einer Ausbesserung der Zugangsstraßen erscheint durchaus berechtigt. Denn nicht immer ist Mondschein und leicht kann es vorkommen, daß einer auf dem Wege zur Siedlung in eines der tiefen Löcher stürzt.

Schließlich wünschen die Bewohner einen anderen Namen für ihren Bereich.; denn der Name "Afrika-Siedlung" wurde stets mit einem Augenzwinkern ausgesprochen. Und wer sie besucht hat weiß, daß ihnen die Zeitverhältnisse zwar große Sorgen und Nöte auferlegt haben, doch daß sie die Hände nicht in den Schoß legen. Und es scheint uns zweckmäßig, sie hierbei tatkräftig zu unterstützen. Und sei es, daß man fortan nur noch von der "Städtischen Siedlung" spricht.