Sperrhäuser

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Die Sperrhäuser in Bergshausen

Die so genannten Sperrhäuser nahe Bergshausen sollten am Rand eines Stausees stehen.


Die Fulda blieb in ihrem Bett, die kleine Siedlung aus den 20er Jahren wurde zum Idyll.

Hildegard Ludloff hat mit dem Einzelhandel wenig am Hut. “Ich lass mir alles schicken” sagt sie, Anziehsachen, Schuhe den Fernseher”. Seit 37 Jahren kauft sie aus dem Katalog, Kassel kenn` ich gar nicht groß”. Die 78jährige sitzt auf der Terrasse des Hauses Uferstrasse 5, einem der so genannten Sperrhäuser oberhalb von Bergshausen. Alle paar Tage radelt sie an der Fulda entlang in den Ort, wo wie sie es das ganze Leben lang getan hat.

Seit 1924 wohnt sie in der versteckten Siedlung am Fluss.

Wer zu den drei Doppelhäusern unterwegs ist, gelangt nach der Autobahnbrücke in ein weltfernes Idyll. Die schattige Strasse steigt ein wenig an, macht einen Schlenker, und plötzlich stehen da diese merkwürdigen Gebäude; sechs an der Zahl, durch niedrige Verbindungstrakte zu Doppelhäusern verbunden. Mit ihren braven Satteldächern, zwei Geschossen und altmodischen Klappläden sind sie auf den ersten Blick ganz “Siedlungshäuser”.

Kiesweg, Nutzgarten und hölzerne Strommasten liefern das passende Ambiente. Doch die massive Bauweise aus Buntsandstein (Das sind Sechziger Wände) und die Lage des Ensembles im grünen Abseits irritieren. Die Häuser, die heute insgesamt elf Bewohner haben, sind das Relikt groß angelegter Planungen des Preußischen Staates, ab 1923 bei Gut Freienhagen eine Stauanlage (Sperre) mit Turbinenkraftwerk zu bauen. Die Dörfer Dennhausen und Dittershausen, heute Fuldabrücker Ortsteile, wären untergegangen, hätten steigende Löhne und Konkurrenz durch Kohlekraftwerke das Unternehmen nicht vereitelt.

Die fast putzigen Verwaltungsgebäude waren zu diesem Zeitpunkt allerdings schon gebaut. - Glück für die Arbeiterfamilie Ludloffs, die 1924, für 35 Reichsmark monatlich eine Doppelhaushälfte mieten konnte.

“Hilde, hast Du Eis da?” Als dritter Passant in eineinhalb Stunden erscheint Raubfischjäger Friedrich Günter im Blickfeld der Terrasse. Dort sitzt die angesprochene vor einem Wandteppich mit Mühlen und Kuh, zur Linken die Fliegenklatsche und einer Hirschtrophähe aus Kunststoff. Angler Günther bekommt sein Eis, diskutiert mit Hilde` Hechtrezepte und verabschiedet sich in Richtung Fisch. Schon in den 30er Jahren hat Frau Ludloffs Mutter Pauline hier Kaffe und Kuchen ausgeschenkt, die Tochter verkauft heute Bier, Limo und Eis. Wenn die Sperre-Bewohnerin von der Vergangenheit der Siedlung erzählt, geht es um jede Menge Arbeit, um die Geschichte ihrer fünf Geschwister und der großen Familie, um ein “gemeinschaftliches” Lebensgefühl, das für sie verloren gegangen ist. Als sich die Familie 1935 Geld borgte, um das 4800 Reichsmark teure Haus von der Preußen Elektra kaufen zu können, gab es dort nach wie vor weder Strom noch Wasser.

Noch heute steht der Tänzer-Heißluftherd in der Küche, der bis Ende der 60er Jahre mit Holz und Kohle geheizt wurde. Die Fulda war die Waschmaschine. Als im Krieg (Mai 1943) die Edertalsperre bombardiert wurde, blieb die Siedlung verschont, doch danach war der Brunnen verseucht. “Wir haben uns schon gequält, erinnert sich Hildegard Ludloff an die Mühen, an sauberes Wasser zu gelangen. Dazu kam der lange Weg zur Arbeit nach Kassel. Nach Ihrer Heirat im Jahr 1940 zog sie “ins Dorf” - sprich Bergshausen -, da ihr Mann Willi auf Elektrizität nicht habe verzichten wollen, so Hildegard Ludloff. Ihre Eltern blieben in der Sperre-Siedlung wohnen, sie kam 1963 zurück.


Was hat sich an ihrem Elternhaus verändert, in dem sie seit dem Tod ihres Mannes lebt? “Wo wir jetzt sitzen, war früher die Grube vom Klo”, zeigt sie auf den Terrassenboden. Im Verbindungsriegel zum Nachbarhaus hat das Badezimmer die Ställe abgelöst, und an der Hausecke hat ein hochtechnischer Bewegungsmelder Wache bezogen. Ihre bescheidene Wohnung ist ein Museum aus alten Mobiliar, erinnerungsschweren Nippes und Blümchentapete. Und ein vor langem ausgezogener Mieter hat ein selbstklebendes Pin - up Girl auf dem Deckel der Dach - Toilette zurück gelassen.

Abschrift aus d. HNA vom 24.09.1997