Sigmund Aschrott

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Sigmund Aschrott wurde 1826 als Sohn des Kaufmanns Herz Seligman Aschrott geboren, der in Kassel ein Leinengeschäft betrieb und sich in Hochheim am Main im Weinbau engagierte. 1838 siedelte die Familie endgültig nach Kassel über.

Aus Leben und Werk

Sohn Sigmund baute das väterliche Unternehmen gewaltig aus und führte die Kasseler Leinenindustrie zu Weltgeltung. Ab 1860 begann Aschrott, im Westen der Stadt ein neues Kassel zu schaffen und wurde zum ebenso genialen wie geschäftstüchtigen Gründer des Vorderen Westens.

Obwohl die Stadt dem engagierten Unternehmer viel zu verdanken hatte, bot sie ihm kein Ehrenamt an - ein Grund, warum Sigmund Aschrott im hohen Alter nach Berlin ging, wo er 1907 zum Geheimen Kommerzienrat ernannt wurde.

Fast 89jährig starb Aschrott im Jahre 1915 in Berlin. Dort liegt er auf dem großen jüdischen Friedhof in Berlin-Weissensee begraben.

Im Westen was Neues

Der Vater der Kasseler Textilindustrie

Vater der Kasseler Textilindustrie: Sigmund Aschrott (1826 - 1915)

Er gilt als der Vater der Kasseler Textilindustrie. Voller Elan stieg Sigmund Aschrott in das Leinengeschäft seines Vaters an der Oberen Karlsstraße ein. Mit Leistungsprämien für die Mitarbeiter, neuen Produkten und modernen Fertigungsverfahren brachte er das Unternehmen auf Erfolgskurs. Das war die Voraussetzung für seine größte unternehmerische Leistung. Denn ohne Sigmund Aschrott gäbe es den Vorderen Westen nicht.

Die Kasseler Altstadt war längst an ihre Grenzen gestoßen, als Aschrott anfing, das damalige Hohenzollernviertel zu erschließen. Ein mutiger Schritt, denn Unterstützung der Kasseler Stadtverwaltung gab es zunächst nicht. Dort sah man in erster Linie das finanzielle Risiko und nicht die städtebaulichen Möglichkeiten eines neuen Wohnviertels.

Ab 1860 kaufte Aschrott zwischen Ständeplatz und Querallee im großen Stil Grundstücke. Für einige Bauern war das ein Glücksfall. Sie bekamen für ihre Äcker und Wiesen ein kleines Vermögen und konnten sich plötzlich eine der stattlichen Villen in dem neuen Viertel leisten. Daneben entstanden repräsentative Wohnungen mit hohen, lichtdurchfluteten Räumen. Grünanlagen, Vorgärten, Alleen und begrünte Plätze sollten für eine hohe Wohnqualität sorgen. Keine Industriebetriebe und kein Gewerbe, das Lärm, Qualm oder üblen Geruch verursacht, so waren die Vorgaben. Kein Wunder, dass das Hohenzollernviertel schnell zu einem ausgesprochen begehrten Quartier wurde und die Grundstückspreise deutlich anstiegen. Davon hat Aschrott profitiert. Das unternehmerische Risiko hatte sich gelohnt.

Doch bereits zu Lebzeiten rief Sigmund Aschrott auch Kritiker auf den Plan, die ihn als Spekulanten bezeichneten. Die Nazis starteten später eine regelrechte Hetzkampagne. Für sie war Aschrott der Inbegriff eines reichen Juden, der sein Geld dubiosen Machenschaften verdankte. Auf dem Höhepunkt des geschürten Hasses demolierten die braunen Horden den von Aschrott gestifteten Brunnen vor dem Kasseler Rathaus.

Die Lebensleistung des erfolgreichen und visionären Unternehmers konnte dieser Akt der Zerstörung nicht schmälern. Er ist der Gründer des Vorderen Westens, dessen Planung und Erschließung er auf eigenes Risiko betrieben hat. Das hat sich nicht nur für Sigmund Aschrott rentiert. Er schenkte 1911 der Stadt den Florapark, damit dort die Stadthalle gebaut werden konnte. Und er stiftete die Grundstücke für die Advents- und Rosenkranzkirche jetzt St. Maria (Rosenkranzkirche) sowie die englische Kirche an der Murhardstraße. Das Diakonissenhaus verdankt ihm ein großes Grundstück für einen Erweiterungsbau, und der Aschrott-Park trägt seinen Namen. Die Lebensqualität im Vorderen Westen konnten selbst die Bomben des 2. Weltkriegs nicht zerstören. Die Zeugnisse der Lebensleistung Aschrotts sind immer noch sichtbar, die Stadt verdankt seinem unternehmerischen Mut eines seiner schönsten Quartiere.[1]

Die Entstehung des neuen Stadtteils

Die Entstehung des neuen Stadtteils, des Hohenzollern-Viertels (später Vorderer Westen genannt) geht auf das große Engagement von Sigmund Aschrott in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück.

Nach der Darstellung von Dietfrid Krause-Vilmar erwarb er nicht nur riesige Ländereien, entwarf ein umfassendes städtebauliches Konzept für das Hohenzollernviertel, übernahm sämtliche Erschließungskosten (auch hier hatte die Stadt nicht mitgespielt), sondern stellte mit Josef Stübben auch einen Städtebauer von Format ein, ließ Kirchen bauen, schuf große Parkanlagen, die den Wohnwert erhöhen sollten, und richtete für mehrere Straßen begrünte Flächen ein, wobei die Pflanzen z.T. aus holländischen Baumschulen importiert wurden. [2]

Aschrott setzte aber auch verkehrspolitische Pläne für „sein“ Stadtviertel um. Er hatte im Übrigen seinerzeit verfügt, dass auf den von ihm verkauften Grundstücken keine Gewerbe betrieben werden dürfen, von denen "Lärm, Dampf oder übler Geruch ausgeht". Diese Verfügung ist Bestandteil der Grundbucheintragungen bis heute (2010).

Aschrott wohnte in den 1880er-Jahren im Gebäude an der Annastraße 18 (heute Annastraße 10).

Mit einigen Straßenbezeichnungen hatte er Mitglieder aus seiner Familie geehrt:

  • Annastraße: Ehefrau Anna Aschrott (1833-1890)
  • Olgastraße: Tochter des Stadtteilgründers, Olga Mengers (1869-1948)
  • Reginastraße: Regina Aschrott (1799-1886), Mutter von Sigmund Aschrott.

Überraschend - und letztlich nicht aufgeklärt - ist der Abschied Sigmund Aschrotts von Kassel im Jahre 1887 zu einem Zeitpunkt, als seine Stadtpläne sich auf dem Höhepunkt der Verwirklichung befanden. Aschrott zog nach Berlin um, wo er bis an sein Lebensende blieb.

Literatur

siehe auch

Weblinks und Quellen

Quellen

  1. Aus dem Portal www.vorderer-westen.net "Sigmund Aschrott"
  2. Dietfrid Krause-Vilmar, Streiflichter zur neueren Geschichte der Jüdischen Gemeinde Kassel, durchgesehene und neuere Literatur einbeziehende Fassung eines veröffentlichten Beitrags (zuerst in: Juden in Kassel. 1808-1933 - Eine Dokumentation anlässlich des 100. Geburtstages von Franz Rosenzweig, Kassel 1986, S. 33-41)

Weblinks