Sichelbachstollen

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Ein gemauerter Stollen und zwei Milchkannen

Unter Tage war ihre Arbeitswelt. Aber statt Braunkohle in den Zechen des Habichtswaldes zu fördern, beauftragte Landgraf Karl seine Bergwerker mit dem Bau eines Stollens, der die Funktion einer Wasserleitung haben sollte. Das Bauwerk - bis zu sechs Metern unter der Erdoberfläche verlaufend - sollte in der Senke zwischen Sichelbachteich und Herkules beginnen und am Unglücksteich, nördlich des Oktogon enden.

Der rund 200 m lange Stollen überbrückt das ansteigende Gelände zwischen Sichelbach und Kaskaden und sichert damit die Zufuhr für die barocken Wasserkünste. Der Stollen ist etwa gut schulterbreit, mannshoch und mit Basalttuffstein ausgemauert in den Hang hineingetrieben. Bei leichtem Gefälle fließt das Wasser in einer halbschaligen Rinne im Fußboden. Um dies zu erreichen, kommt der so genannten Sichelbachstollen unterhalb des Oktogon aus dem Berg heraus, bezogen auf die Kaskaden zwischen den Ebenen von Artischocken- und Riesenkopfbecken. Dort liegt der Unglücksteich, halb im Hang als geschlossenes Bauwerk, halb unter freiem Himmel als Bassin gemauert. Unglücksteich deshalb, weil bei den Bauarbeiten 1714 ein Handwerker tödlich verunglückte.

Eine kleine Anekdote aus heutiger Zeit: Das Bauwerk des Unglücksteich mit seinen dicken Fugen und grobporigen Steinen ist laut Hermann Mielke ein idealer Rückzugs- und Überwinterungsort für Fledermäuse. Bei einem Probelauf zu Saisonbeginn wunderten sich die Verantwortlichen der Wasserkünste, dass zwar alle Schieber geöffnet waren, aber kein Wasser an den Kaskaden ankam. Grund: Um die Tiere zählen zu können, hatten Fledermausfreunde im Herbst nur einen Ausgang durch die Außentür offen gelassen, alle anderen, zum Beispiel auch den Zulauf zum offenen Bassin mit einem Drahtgitter verschlossen. Dort hatte sich Laub angesammelt und die Leitung verstopft.

Das Reservoire Unglücksteich, das je nach Bedarf gefüllt wird, liefert das Gros des Wassers für die barocken Wasserkünste, beginnend mit dem Zulauf zum Riesenkopfbecken. Allein der Höhenunterschied reicht, um dort ein eigenes Kapitel der mythologischen Abfolge mit Wasser in Szene zu setzen. Dazu gehört eine zwölf Meter hohe Fontäne, die aus dem Mund des steinernen Riesenkopfes - Symbol des von Herkules besiegten Giganten - steigt oder auch die Figuren eines Tritons und Kentaur, die auf ihren Kupferhörnern blasen.

Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wie die weithin zu hörenden Töne erzeugt werden: mit einer ausgeklügelten Konstruktion aus Fallrohr, zwei Milchkannen und Leitungen. Das Fallrohr, mit Löchern versehen, ist der Zulauf zu einem Auffangbottich. Die Löcher sind wichtig, damit das durchströmende Wasser Luft ansaugt. Durch dieses Wasser-Luft-Gemisch entsteht in dem verschlossenen Bottich ein Überdruck. Die entweichende Luft wird über ein Rohrsystem an die Hörner geleitet, in denen eine Membran den Ton erzeugt. Die Membranen würden aber ganz schnell verstopfen, würde der aus dem Bottich herausgepressten Luft nicht die Feuchtigkeit entzogen. Dazu sind zwei zwischengeschaltete Milchkannen zuständig, die in der Konstruktion Marke Eigenbau (Mielke) das Wasser sammeln und ableiten.

Zurück zu den Kaskaden. Wie erwähnt, läuft die Masse der benötigten 350 Kubikmeter Wasser für die barocken Wasserkünste durch eine Leitung und geöffnete Schieber vom Unglücksteich zu den steinernen Treppen. Allein, es fehlte der obere Bereich mit dem Artischockenbecken, den seitlichen Fontänen und den seitlichen, geschwungenen Kaskaden. Die bekommen das Wasser aus dem Löschteich am Herkules. Dessen Hauptzweck ist zwar, Wasser für Oktogon, Gastronomie und Aufseherhaus im Notfall bereitzuhalten. Auch dient er nebenbei den Bediensteten der Parkverwaltung zur Haltung von Wasservögeln. Aber der Löschteich, der seinerseits vom Sichelbachteich über ein Rohrsystem gespeist wird trägt auch zu den Wasserkünsten bei.

Der geringe Höhenunterschied und der dadurch entstehende Druck reicht immerhin für filigrane Wassersäulen und eine wenige Meter hohe Fontäne im Artischockenbecken. Oberhalb des Riesenkopfbeckens steht also die gesamt Menge des benötigten Wassers aus Unglücks- und Löschteich zur Verfügung.