Schon 1947 eine documenta-Idee

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Heiner Georgsdorfs Buch über Arnold Bode verschafft neue Einblicke in eine abenteuerliche Biografie - Selbstzeugnisse

Das ist eine kleine Sensation, was da Heiner Georgsdorf ausgegraben hat. Der langjährige Professor für Kunstdidaktik an der Kasseler Kunsthochschule hatte bei Arnold Bode (1900-1977) studiert und in Bodes documenta-Team zeitweise mitgearbeitet. Wie nur wenige andere kannte er den Maler, Gestalter, Kunstprofessor und documenta-Begründer Bode aus der Nähe. Er kannte seine Eigenarten und Vorlieben, sein Herkommen und seine unerfüllten Träume.

Umso überraschender ist, dass Georgsdorf beim Zusammenstellen der Schriften und Gespräche Bodes auf eine unbekannte Quelle stieß: Nur zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, in einer Zeit, in der Kassel noch in Trümmern lag, begann Arnold Bode, an dem Plan einer großen internationalen Ausstellung zu arbeiten.

Noch im November 1947 legte er der von ihm mitbegründeten Hessischen Sezession das Konzept für eine Ausstellung vor, an der Künstler aus der Schweiz, Frankreich und den USA sowie aus Deutschland im Sommer/Herbst 1948 teilnehmen sollten. Es war, wie Georgsdorf schreibt, die Idee für die nullte documenta. Und es wäre die Kunst-Sensation schlechthin gewesen.

Die Kühnheit des Vorschlags ist heute kaum zu ermessen. Denn damals, als Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt war, wären kaum auf offiziellem Weg Kunstwerke aus dem Ausland nach Kassel gebracht worden. Die Idee zeugt von Bodes sympathischer Naivität ebenso wie von seiner Besessenheit, in seine Heimatstadt die Kunst der Welt zu bringen.

Wir wissen seit einiger Zeit, wie stark Bodes Mitarbeit an den großen Ausstellungen in der Kasseler Orangerie in den 20er-Jahren nachgewirkt hatte. Aus der Zeit hatte er das Organisationskonzept für die documenta 1955. Dass er eine internationale Kunstschau diesen Formats schon 1947/48 vor Augen hatte, war so nicht bekannt.

Georgsdorf hatte ursprünglich vor, im Faksimile Bodes Briefe und Notizen zu veröffentlichen, weil seine Schrift fast kalligrafischen Charakter hatte. Er entschied sich aber dann doch für einen Textband, um Bode durch die Vielfalt seiner Rollen und Ideen sprechen zu lassen. Auf diese Weise ist eine packende Biografie in Selbstzeugnissen entstanden. Schon die frühen Briefe, die Bode 1944 als Soldat an seine Frau schrieb, dokumentieren seine universelle und zugleich sprunghafte Art des Denkens. Und wenn man den unten in Auszügen abgedruckten Brief vom 4. Juli 1944 liest, dann sieht man den ganzen Arnold Bode und nahezu alle späteren Projekte vor sich. Ein großartiges Zeitdokument, nicht nur für documenta-Freunde.


Heiner Georgsdorf (Hg.: Arnold Bode - Schriften und Gespräche. B&S Siebenhaar Verlag. Berlin, 328 S., 34, 80 Euro.