Schießbefehl und Minenfelder

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Die Berliner Mauer, das weltweite Symbol der Unfreiheit, war die bestgesicherte Grenze Europas

HNA Von SILVA GRIFFIN
  • Von SILVA GRIFFIN HNA SonntagsZeit spezial 7./8. November 2009

Berlin am 22. August 1961: Zehn Tage ist es her, dass die DDR-Behör­den begonnen haben, mit ei­ner Mauer den Westteil Ber­lins vom Osten abzuriegeln. Ida Siekmann, die am nächs­ten Tag ihren 59. Geburtstag feiern möchte, wagt den Sprung aus ihrer Wohnung im dritten Stock der Bernauer Straße an der Sektorengrenze zwischen Berlin-Mitte und Berlin-Wedding. Doch die Frau überlebt den Sprung nicht. Die Mauer aber hat ihr erstes Todesopfer gefordert. Zu diesem Zeitpunkt hat sie errreicht, mit der sie in späte­ren Jahren zum Symbol der Unfreiheit wurde. Gegen ein Uhr früh am 13. August rie­geln Volkspolizisten die Gren­zen vom sowjetischen Sektor zum Westen ab. Das Straßen­pflaster wird aufgerissen, Presslufthämmer rattern. Asphaltstücke und Pflastersteine werden zu Barrikaden allerdings noch nicht diese aufgeschichtet, Betonpfahle eingerammt und Drahtverhaue gezogen. Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender der DDR, hatte schon am 1. August dem sowjetischen Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow berichtet: „Der Stacheldraht ist bereits angeliefert. Das kann alles sehr schnell geschehen." Zwischen 1945 bis zum Bau der Mauer sind etwa 3,5 Millionen Deutsche aus sowjetischer Besatzungszone und DDR geflohen. Die DDR-Führung ist erleichtert, dass die Sowjets einer Abriegelung Berlins jetzt zustimmen.

Die Pläne dafür sind durchgesickert. Auch die Alliierten in den Westsektoren sind von „drastischen Maßnahmen" vage in Kenntnis gesetzt worden. Auf einer Pressekonferenz verrät Ulbricht in einem Dementi versehentlich, welche Form sie annehmen sollen: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Was zunächst improvisierte Sperren sind, wird nach und nach auch um den gesamten Westen Berlins zur bestgesicherten Grenze Europas ausgebaut, mit Schießbefehl, Selbstschussanlagen und Minenfeldern. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt (SPD) protestiert sogleich. Drei Tage nach Beginn der Abriegelung demonstrieren 300 000 Westberliner gegen die Teilung. Kanzler Adenauer kommt erst zwei Wochen später. Das haben ihm die Berliner nie verziehen.


„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." WALTER ULBRICHT, SED CHEF, WENIGE TAGE VOR DEM MAUERBAU


1963 'wird die Mauer erstmals etwas durchlässiger. Ein Passierscheinabkommen ermöglicht Verwandtenbesuche von Westberlinern im Osten. In den Siebzigerjahren, im Zuge der Ostpolitik von Kanzler Willy Brandt, gibt es auch Reiseerleichterungen für Ostdeutsche, vor allem für Rentner. Und es gibt einen „kleinen Grenzverkehr" überall entlang der Zonengrenze - in Richtung Osten. So wie die Massenflucht 1961 zum Bau der Mauer führte, so ist die Fluchtwelle 1989 letztlich auch Ursache für ihren Fall. Ein neues Reisegesetz mit der Möglichkeit unproblematischer Ausreise sollte als Ventil für die Unzufriedenheit dienen. Doch das Ventil lässt sich nicht mehr schließen.

sie auch

Geschichte Deutschland bis zum Mauerbau – Der Weg zum Mauerfall

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