Scharnhorst-Kaserne Northeim

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Prägt das Stadtbild: Das Northeimer Kasernengelände, heute Behördenzentrum, aus der Luft. Foto: Gödecke

Hoffen, bangen und das Aus

Northeim hat als Garnisonsstadt im 20. Jahrhundert eine gewichtige Rolle gespielt. Die Geschichte wurde Anfang der 1990er Jahre mit dem Abzug der Bundeswehr beendet.

Garnisonsstadt

„Die Kaserne ist geräumt” meldeten die Northeimer Neuesten Nachrichten in ihrer Ausgabe vom 17. Oktober 1992. Mit Sack und Pack hatten am Tag zuvor die letzten 15 Soldaten unter Regie von Hauptmann Gerd-Henning Renneberg die Northeimer Scharnhorst-Kaserne verlassen. Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, dass der Gebäudekomplex gegen Ende des Jahrtausends zum neuen Domizil der Stadtverwaltung werden würde, nachdem das Finanzamt, zeitweise als Interessent im Gespräch, umdisponiert hatte. Wenige Tage vor dem Auszug der letzten Soldaten war der Namenszug Scharnhorst-Kaserne aus dem Betonsockel des Eingangsbereichs gemeißelt und dem Stadtarchiv zur Aufbewahrung übergeben worden.

Schreckgespenst

Droht in den neunziger Jahren eine Schließung der Northeimer Kaserne? Dieses Schreckgespenst malte der Kommandeur des Jägerbataillons 521, Oberstleutnant Ulrich Küster, bereits dreieinhalb Jahre vor der politischen Wende in Deutschland an die Wand. Damals, im Juni 1986, sprach zwar noch niemand vom verblassenden Feindbild, doch Gründe gab es schon. Der erwartete Personalmangel verbunden mit einer Umstrukturierung könnten zum Verlust der Einheit führen, mutmaßte der Oberstleutnant. Die Bundeswehr werde Standorte ohne Einschränkungen bevorzugen. Und die seien in Northeim durch Proteste von Interessengruppen gegen den Lärm auf der Standortschießanlage bereits seit Anfang der 80er Jahre vorhanden. Das Thema Schließung ruhte danach drei Jahre in der Schublade, bis die Northeimer durch bundeswehrinterne Überlegungen zur Neugliederung aufgeschreckt wurden. Bürgermeister Tölle und Stadtdirektor Hesse schrieben 1989 direkt an das Bundesverteidigungsministerium auf der Bonner Hardthöhe, machten sich für den Standort Northeim stark.

Abschied

Antreten zum letzten Appell am 1. Oktober 1992. Foto: Rink

Ende der achtziger Jahre rechnete in der Kreisstadt niemand ernsthaft mit der Schließung der Kaserne, doch das Thema blieb aktuell. Abschied nehmen mussten die Northeimer Ende August 1989 von der zweitgrößten Fahrschulgruppe des Heeres, die bis dato jährlich rund 800 Kraftfahrer ausgebildet hatte. Da wirkte es beruhigend, als im Dezember desselben Jahres Oberst Götz von Neuhaus am Rande einer Kommandeurstagung in Northeim erklärte, dass vor 1993 nicht mit Entscheidungen über mögliche Aufgaben oder Ausdünnungen von Bundeswehr-Standorten zu rechnen ist. Im Jahr darauf gab es sogar wieder Anlass zu Optimismus. Der Kommandeur des Jägerbataillons, Major Wolfgang Fett, sagte: „Die Aussichten, dass Northeim als Standort erhalten bleibt, sind gut”, was er unter anderem mit der Nähe zum Standort Osterode und einer diesbezüglich denkbaren Zusammenarbeit begründete. Der Optimismus verflog jedoch recht bald und Fett selbst bestätigte im April 1991 auf Anfrage der HNA das Aus für die Bundeswehr in Northeim. Zu diesem Zeitpunkt gab es allerdings noch keine offizielle Information darüber, doch die folgte rasch. Am 24. Mai verkündete der damalige Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg in Bonn das Aus für Northeim. Zur selben Stunde tagte im Northeimer Rathaus eine Krisenrunde mit dem Ziel, die Garnison Northeim in letzter Minute doch noch zu retten. Doch weder die Schicksale der 1030 Soldaten und 70 zivilen Mitarbeiter noch die ins Feld geführten katastrophalen wirtschaftlichen Folgen für die Kreisstadt konnten an der Entscheidung etwas ändern. Die HNA forderte am Tag darauf in einem Kommentar dazu auf, „dem verlorenen Standort nicht wie vergossener Milch hinterher zu weinen, sondern schnell Alternativen für das Gelände der Scharnhorstkaserne zu entwickeln...”

Stunde Null am 26. September 1961

Im November 1991 jährte sich der Tag, als die Bundeswehr in Northeim einzog, zum 30. Mal. Es wurde in Anbetracht der Lage ein Geburtstag ohne Jubelstimmung. Mit einem Biwak verabschiedeten sich die Soldaten Ende August 1992 von ihrem Standort Northeim. 5000 Bürger strömten zu diesem Anlass in die Kaserne. Die Stunde Null der Bundeswehr in Northeim schlug am 26. September 1961, als unter Regie von Oberstleutnant Jürgens das Vorkommando mit 60 Soldaten des Panzergrenadier-Bataillons 13, das zur Panzergrenadier-Brigade I in Hildesheim gehörte, in in die Kaserne nahe der Rhume einrückte. Eine der ersten Marschrouten lautete damals: „Wir wollen die Sympathien der Northeimer gewinnen.” Die feierliche Übergabe der Kaserne an das Bataillon folgte am 11. November des Jahres. Es folgten vier Kompanien auf 105 Fahrzeugen verteilt, die durch die Innenstadt in die Kaserne einrückten. Am Nachmittag dieses Tages gab es einen Begrüßungsappell auf dem Mühlenanger, wobei der Northeimer Bürgermeister Fritz Schrader den Soldaten ein herzliches Willkommen zurief. Das erste Gelöbnis ließ nicht lange auf sich warten, folgte am 30. November 1961.

400 Jahre

Die Geschichte der Garnisonsstadt Northeim ist aber längst nicht nur mit der Bundeswehr verknüpft, sondern hat eine fast 400jährige Tradition, die bis auf die Zeit vor dem 30jährigen Krieg (1618 - 1648) zurückgeht. Somit hat die Northeimer Militärgeschichte auch ein gutes Stück Stadtgeschichte mitgeschrieben und ist auch ein Teil der deutschen Heeresgeschichte. Lediglich ab 1890 war die Kreisstadt für rund 25 Jahre soldatenlos.

Heute Behördenstandort

Heute ist aus der ehemaligen Kaserne ein Behördenzentrum geworden. Dort sind die Stadtverwaltung, die Arbeitsagentur sowie die Sozialagentur untergebracht.