Sara Nußbaum

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Sara Nußbaum wurde am 29. November 1868 in Merzhausen/ Kreis Ziegenhain als Tochter des Lehrers Jeisel Rothschild und seiner Ehefrau Lenchen Jaffa geboren.

Am 15. Juli 1891 heiratete sie den Kaufmann und Möbelhändler Rudolf Nußbaum. Das Wohn- und Geschäftshaus war in Kassel in der Müllergasse 28/ 30, nahe der Großen Synagoge.

Im Juni 1892 wurde der Sohn Julius geboren, die Tochter Sofie im Juli 1895 und die jüngste Tochter Caroline im April 1900.

Sara Nußbaum half ihrem Mann im Geschäft, in der Rot-Kreuz-Kolonne, wobei sie sich als Rot-Kreuz-Schwester ausbilden ließ, in der Israelitischen Gemeinde, in der sie als Gemeindeschwester tätig war im Jüdischen Altersheim in der Mombachstraße, später, nach dem Tod ihres Ehemannes, auch im Israelitischen Waisenhaus in der Gießbergstraße.

Man lebte in gutbürgerlichen Verhältnissen, integrierte sich in die nicht-jüdische Umwelt und führte dennoch ein jüdisch-religiöses Leben, in dem der Schabbat und die jüdischen Feiertage einen großen Stellenwert hatten. Doch der Schein trog, denn Sohn Julius, der Kassel ins Ausland verließ, und Tochter Sofie heirateten christliche Ehepartner gegen den erbitterten Widerstand der Eltern, besonders der Mutter Sara Nußbaum. Mit Sofie kam es darüber zum Zerwürfnis. Erst fünf Jahre später gab es eine Aussöhnung.

Nur Caroline heiratete 1924 "standesgemäß” den Lehrer und Kantor Hermann Spier. 1924 wurde die Tochter/Enkeltochter Henriette, genannt Henny, geboren und 1928 die Tochter/Enkeltochter Berna.

Trotz allen sozialen Engagements wurden die Nußbaums nicht verschont durch den Nationalsozialismus. Schon 1933 musste der Ehemann Rudolf Nußbaum alle Ehrenämter niederlegen. Am 28. April 1933, einem Freitag, während Sara Nußbaum beim Vorbereiten der Schabbatbrote war, wurde sie von SA-Leuten verhaftet. Der Ehemann, der dies verhindern wollte, wurde schwer misshandelt und dabei am Kopf verletzt. Im Geschäft wurde alles zerstört.Tochter Sofie in Goslar, die benachrichtigt wurde, versuchte gemeinsam mit ihrem Vater den Verbleib der Mutter ausfindig zu machen, die sich offensichtlich "nur” in Polizei-Gewahrsam befand und nach 14 Tagen wieder entlassen wurde. Sara Nußbaum pflegte sodann den todkranken Mann, der im November 1934 an den Folgen der Misshandlungen verstarb. Erst acht Tage später durfte er begraben werden unter Aufsicht der Gestapo. Danach verkaufte Sara Nußbaum das Geschäft und die Werkstätten und ließ das Haus in der Schäfergasse zu einem Mietshaus umbauen, damit sie von den Mieteinnahmen leben konnte.

Sara Nußbaum wirkte weiter in der Sanitätskolonne, im Jüdischen Altersheim und jetzt auch im Israelitischen Waisenhaus. Zudem übernahm sie für längere Zeit die Pflege ihrer Tochter Caroline, die an Multiple Sklerose litt, und kümmerte sich gleichzeitig um deren Kinder Henny und Berna. Anfang Oktober 1938 verstarb Caroline Spier.

In der Zeit der zunehmenden Ausgrenzung und Bedrängnis erfuhr Sara Nußbaum noch manche heimliche Hilfen, die allmählich immer weniger wurden. Nach dem November-Progrom von 1938 meldete Hermann Spier, der in Hildesheim eine Stelle als Religionslehrer hatte, seine Kinder für einen Kindertransport nach England an. Am 5. Januar 1939 verließ Henny und Berna Spier Deutschland und entgingen so dem Völkermord. Den Vater, der im März 1942 nach Warschau deportiert wurde und in Treblinka umkam, haben Henny und Berna nie wieder gesehen.

Mit der Vermögensabgabe der Juden, der Enteignung des Hauses in der Schäfergasse und Konfiszierung des Vermögens war Sara Nußbaum jegliche Lebensgrundlage genommen. Walter Siemon, ein SA-Mann und Freund der Familie Nußbaum in guten Tagen, versorgte sie mit Lebensmitteln und verriet ihr alle Maßnahmen gegen die Juden, auch ihre eigene bevorstehende Deportation.

Unter diesen Umständen half Sara Nußbaum ihrer ebenfalls in Bedrängnis geratenen Tochter Sofie. Sie gab eine eidesstattliche Erklärung ab, dass Sofie aus einer außerehelichen Verbindung mit einem befreundeten "arischen” Arzt stamme, womit diese von einer "Volljüdin” zur "Halbjüdin”, verheiratet mit einem "arischen” Ehemann, wurde. Wie schwer Sara Nußbaum diese Erklärung gefallen sein mag, ist kaum zu ermessen; ihre Tochter hat sie damit vor der Deportation bewahrt und ihr das Leben gerettet.

Vor der Deportation musste ein Heimeinkaufsvertrag für Theresienstadt abgeschlossen werden mit den letzten Ersparnissen, die geblieben waren. Am 7. September 1942 ging der dritte und letzte Deportationstransport aus Kassel ab; das "Jüdische Siedlungsgebiet Theresienstadt” war das Ziel.

Sara Nußbaum verließ Kassel in der Tracht der Rot-Kreuz-Schwestern und wurde auf dem Transport schon als Sanitäterin eingesetzt. In Theresienstadt angekommen, meldete sie sich sogleich für die Krankenstation, die Typhusabteilung, die ständig mit 40 - 50 Menschen belegt war. Ohne Medikamente überlebten diese nur zwei bis drei Tage. So konnte sie nur die Kranken säubern und ihre Würde bewahren. Viele "Gesunde” bewahrte sie vor dem Weitertransport in Vernichtungslager, indem sie ihnen ein Schild mit der Aufschrift "Typhus” umhängte. 31 Monate arbeitete sie dort bis sie selbst nicht mehr konnte. So meldete sie sich im Januar 1945 für einen Transport in die Schweiz, der vom Internationalen Roten Kreuz ausgehandelt und organisiert wurde. Alle glaubten natürlich, es sei einer der üblichen Transporte nach Auschwitz. Am 5. Februar verließ der Zug Theresienstadt und traf am nächsten Tag in der Schweiz ein. Im Grand Hotel Victoria in der Nähe von Lausanne, das vom Roten Kreuz als Sanatorium genutzt wurde, konnten sich die ehemaligen KZ-Häftlinge erholen.

Sara Nußbaum hätte in der Schweiz bleiben können oder nach Amerika auswandern, doch sie wollte heim. Das Heimweh, die tiefe Verbindung mit der Stadt Kassel, ihrer Heimat, und die Sehnsucht nach ihrer Tochter Sofie ließen ihr keine Ruhe. In neuer Schwesterntracht machte sie sich auf den Weg, ab der Schweizer Grenze zu Fuß. Acht Tage nach ihrer Abreise wurde das Hotel Victoria von einer Lawine erfasst, niemand überlebte. Am 11. September 1945 traf sie bei ihrer Tochter in Goslar ein; im März 1946 kehrte sie nach Kassel zurück und wohnte in der Heckerstraße 20.

Erneut gab Sara Nußbaum nun eine eidesstattliche Erklärung ab, dass Sofie Reckewell eine eheliche Tochter des Rudolf und der Sara Nußbaum sei und dass die damalige Erklärung aus der Not geboren sei. 1948 zum 80. Geburtstag sah sie erstmals ihre Enkeltöchter Henny und Berna aus England wieder.

Sie lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen, musste mehrfach Anträge auf finanzielle Unterstützung stellen, denn trotz der Anträge auf Wiedergutmachung, der Nachweisführung darüber sowie dem KZ-Aufenthalt hat sie zu ihren Lebzeiten davon noch nichts erhalten. Erst ihre Tochter Sofie hat einen Teil der Entschädigung Ende der fünfziger Jahre erhalten.

Am 25. Mai 1956 wurde über den von der SPD-Fraktion eingebrachten Vorschlag Sara Nußbaum als erster Frau die Ehrenbürger-Würde anzutragen in der Stadtverordnetensitzung entschieden. Nach Verlesen des Lebenslaufs der Sara Nußbaum wurde einstimmig der Vorschlag angenommen. Am 19. Juni 1956 war die feierliche Übergabe der Urkunde durch den damaligen Oberbürgermeister Lauritz Lauritzen.

Nach kurzem Krankenlager im November/Dezember 1956 verstarb Sara Nußbaum am 13. Dezember und wurde an der Seite ihres Ehemannes auf dem Friedhof Kassel-Bettenhausen beigesetzt.

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