Rundgang 7, Station 9

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Blick aus dem Haus Königsplatz 36 auf die Baugruppe Königsplatz 57–59, vor 1898
Die beiden Häuser zwischen Kölnischer Straße und Poststraße wurden um 1770 für den Major Consens (Nr. 57) und den Staatsminister und Generallieutenant Martin Ernst von Schlieffen (Nr. 59) errichtet.

Von Schlieffen war 1732 in Pommern geboren worden und zunächst in preußische, 1757 in hessische Militärdienste getreten, wo er bis zum General aufstieg. Von Landgraf Friedrich II. 1772 zum Generallieutenant und Staatsminister ernannt, war er einer der einflussreichsten Berater und Diplomaten Friedrichs und seines Nachfolgers Wilhelms IX. 1789 kehrte er nach Preußen zurück, behielt aber seine hessischen Besitzungen und zog sich nach seinem Abschied 1792 auf das Gut Windhausen bei Kassel zurück. Dort starb er 1825 im hohen Alter von 93 Jahren. Das Palais am Königsplatz hatte er bereits1810 verkauft. Populär wurden die Affen in Windhausen, fast unbekannt ist jedoch sein Einfluss auf die deutsche Sprache: So versuchte er zahlreiche Fremdwörter durch deutsche Neubildungen zu ersetzen; während „Zerplatzung“ (Explosion), „Feldhandbieter“ (Adjutant) und „Scharen-Nachrück“ (Reserve) eher kurios anmuten, werden „Gepäck“ (für Bagage), „Ichsucht“ (für Egoismus) und „Befehlsausgabe“ (für Parole) noch heute benutzt. Sein Palais am Königsplatz zeichnete sich im Inneren durch zurückhaltendes Rokoko-Dekor aus. Hinter dem Haupteingang befand sich ein schlichtes, dennoch repräsentatives Treppenhaus, und ein vergleichbares Treppengeländer ist heute noch in Windhausen erhalten. Das Gebäude umfasste auch die drei mittleren Fensterachsen des Häuserblockes, mit dem kleinen Giebel als Abschluss; über einer Tordurchfahrt im Erdgeschoss befand sich dort im 1. Obergeschoss hinter einem Balkon der Festsaal des Palais.

Die Häuser Nr. 57–59 fassten gemeinsam mit Nr. 53–55 (vgl. Station 6) die Kölnische Straße ein. Von der Königsstraße aus gesehen bildeten sie aber auch genau die Mitte der nordwestlichen Platzhälfte; daher war eine zusätzliche, kleinere Mittelbetonung eingefügt, und dieses Schema verhielt sich genau gegensätzlich zu dem großen Hauptgiebel und den beiden kleinen Seitengiebeln an der ursprünglichen Fassade des Posthauses. So leitete der Häuserblock geschickt zwischen Nr. 53–55 und dem Posthaus über. Der reiche Schmuck des Brühlschen Hauses (Nr. 55; vgl. Station 5) diente dabei als Gegengewicht zum Posthaus und lenkte den Blick zugleich wieder zur Achse der Kölnischen Straße.

Nr. 57 musste im Jahre 1907 einem überdimensionalen Bankhaus weichen. Nr. 59 wurde 1819 durch den Gastwirt Johann Georg Heinrich erworben, der den Gasthof „Zum König von Preußen“ vom Martinsplatz hierher verlegte. Namensgebend war ein Porträt Friedrichs des Großen, das in den Gasträumen hing. Als im Revolutionsjahr 1848 in Berlin mehrere hundert Menschen durch das Militär erschossen worden waren, versammelte sich in Kassel eine wütende Menge auf dem Königsplatz und wandte sich bald auch gegen das Hotel. Heinrich holte umgehend das Porträt des „Alten Fritz“ hervor, hängte es an das Balkongitter und besänftigte damit die Menge, die bald sogar Hochrufe auf den beliebten Friedrich anstimmte. In der Folge erwählten die Demokraten das Hotel sogar zu ihrem Hauptquartier, und der Balkon diente mehrfach als Rednertribüne bei Massenversammlungen.

1920 schloss die Witwe des letzten Gastwirts während der Wirtschaftskrise das Hotel. Das Gebäude wurde vermietet und enthielt zeitweise auch die Büros der Volkshochschule. 1938 eröffnete der Kommunalverband das Palais als Kulturhaus. Beim Großangriff 1943 brannte es aus und wurde in der Folgezeit abgebrochen.

Auf dem Platz erkennt im Markttreiben einen Zug der Dampfstraßenbahn, die seit 1877 zwischen Königsplatz und Wilhelmshöhe verkehrte. Ihr Initiator war Georg Wigand gewesen, der eine Buchhandlung im Haus Königsplatz 55 betrieb (vgl. Station 5, die beiden rechten Ladenfenster). Bereits während der großen Industrie- und Gewerbeausstellung, die 1870 in Kassel stattfand, hatte er zwischen Königsplatz und Wilhelmshöhe einen Pferde-Omnibus organisiert, ebenso zwischen Königsplatz und Ausstellungsgelände (Orangerie und heutige Hessenkampfbahn). Er regte zudem den Bau eines Pensionshauses an der heutigen Wigandstraße an (1873 eröffnet) und gewann schließlich englische Förderer und Planer für die Einrichtung der Dampfstraßenbahn, die 1877 ihren Betrieb aufnahm und den Wilhelmshöher Park samt Villenkolonie und Pensionshaus an die Stadt Kassel anband. In seiner Verlagsbuchhandlung gab Wigand ein „Casseler Tramway-Spiel“ und 1878 auch ein „Spaziergänger-Spiel“ heraus.

Verlorene Stadt

Rundgang 1: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Wilhelmsstraße | Station 2: Engelsburg | Station 3: Wolfsschlucht 5-11 | Station 4: Opernstraße 15 | Station 5: Gnadengässchen | Station 6: Theaterstraße | Station 7: Wolfsschlucht 19-21 | Station 8: Theaterstraße 4 und 2 | Station 9: Blick auf das Friedrichsgymnasium | Station 10: Wolfsschlucht / Kölnische Straße
Rundgang 2: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 11: Obere Karlsstraße 32 | Station 12: Obere Karlsstraße 26-28 | Station 13: Obere Karlsstraße bis Friedrichsplatz | Station 14: Obere Karlsstraße bis Weinbergstraße | Station 15: Hercules Bierbrauerei | Station 16: Karlskirche | Station 17: Wilhelmsstraße 15 | Station 18: Stadtpark | Station 19: Garde-du-Corps-Straße | Station 20: Garde-du-Corps-Platz
Rundgang 3: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Karl Bernhardi Straße | Station 2: Dock 4 auf der Seite Oberste Gasse | Station 3: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 1 | Station 4: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 2 | Station 5: Fingerz Kleidung & Accessoires Entenanger 2 | Station 6: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 1 | Station 7: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 2 | Station 8: Hochzeitsatelier Oberste Gasse 30 | Station 9: Druselplatz 3 | Station 10: Reformhaus Kräuterhilde Martinsplatz 1
Rundgang 4: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Martinsplatz | Station 2: Martinsplatz nach dem Abbruch des Tuchhauses | Station 3: Das Säulenportal am Martinsplatz | Station 4: Mittelgasse | Station 5: Das Grimmsche Märchenhaus | Station 6: Barockhaus von Oberst Georg du Mont | Station 7: Der Freiheiter Durchbruch | Station 8: Laubengänge am Freiheiter Durchbruch | Station 9: Kassels erste Fußgängerzone | Station 10: Der untere Abschnitt der Marktgasse
Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)
Rundgang 7: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Haus Königsstraße 45 | Station 2: Lyceum Fridericianum, Am Friedrichsplatz 19-20 | Station 3: Das Palais der Landgrafen von Hessen Rotenburg um 1910 | Station 4: Der Königsplatz nach Nordosten 1820, ehem. Kaskade | Station 5: Brühlsches Haus um 1890 | Station 6: Obere Königsstraße und Kölnische Straße, um 1898–1905 | Station 7: Königsplatz 34 und Königsstraße 32, um 1905–1911 | Station 8: Die Baugruppe Nr. 38–46, um 1888–1890 | Station 9: Die Baugruppe Königsplatz 57–59, vor 1898 | Station 10: Das Posthaus am Königsplatz vor 1878