Rundgang 7, Station 8

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (Photographie: Carl Machmar, Ausschnitt)
Die abgebildeten Mietshäuser ersetzten in den Jahren 1829/30 die sog. Erste Halle und die angrenzenden Postställe in der Unteren Königsstraße. Die ersten Eigentümer der Neubauten waren 1830 (von rechts nach links): der Schneidermeister Anton Hanusch (Nr. 38 und Nr. 40), der wenige Jahre später auch zwei große Häuser am Ständeplatz bauen ließ, der Tapezierer Joachim Thoele (die Eckhäuser Nr. 42 und Nr. 46) sowie der Maurermeister Jacob Losch (Nr. 44).

Die fünf Gebäude waren als einheitliche Baugruppe gestaltet, um die Geschlossenheit des Baublocks weiterhin zu gewährleisten. Die Traufhöhe orientierte sich genau an Nr. 32–34 und lag damit um etwas mehr als ein Geschoss höher als beim früheren Hallengebäude. Für die Zweite Halle vor der Garnisonkirche war anscheinend eine gleichartige Bebauung als Ersatz geplant, um die Symmetrie der Platzseite zu wahren, doch gelangten diese Neubauten nicht zur Ausführung. Dagegen hatte eine ähnliche Baugruppe um 1825 bereits die Postremisen jenseits des Druselplatzes in der Unteren Königsstraße ersetzt, und das Bestreben ist ersichtlich, alle niedrigeren öffentlichen Bauten dieses Gebietes durch aufeinander abgestimmte Baugruppen von Mietshäusern zu ersetzen – die im Grunde aber bereits zu hoch für den Platz waren.

Das Muster des historischen Pflasters (vgl. Station 4) wird in der Aufnahme bereits durch junge Bäume unterbrochen, die wenige Jahre zuvor gepflanzt worden waren, und durch Straßenbahnschienen, die nun auch durch die Untere Königsstraße verliefen. Denn zusätzlich zur Dampfstraßenbahn, die seit 1877 vom Königsplatz nach Wilhelmshöhe fuhr, war 1884 auch eine Pferdebahn vom Königsplatz zum Neuen Totenhof (Hauptfriedhof) an der Mombachstraße in Betrieb genommen worden. Zwei weitere, fast gleichzeitig eröffneten Strecken führte von Bettenhausen bis zur Hedwigstraße sowie von dort über Bahnhofstraße und Hauptbahnhof bis zum Café Germania an der Ecke Wilhelmshöher Allee / Germanistraße; dort hatte man Anschluss an die Dampfstraßenbahn nach Wilhelmshöhe. 1897 wurden Dampf- und Pferdebahn zusammengeschlossen, indem die neugegründete „Große Casseler Straßenbahn AG“ die beiden Gesellschaften erwarb. Daraufhin erfolgte bis 1899 die Elektrifizierung des gesamten Netzes.

Auf der Photographie erkennt man am Haus Nr. 40 die Werbung für die Buchhandlung Freyschmidt; ihr Inhaber, Karl August Freyschmidt, hatte das Gebäude 1864 erworben. Im 1. Obergeschoss desselben Hauses befand sich 1867–1881 das Kasseler Telegraphenbüro, bis das neue Postgebäude fertiggestellt war und das Büro dort unterkam. Während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 schlug es die Depeschen mit den Frontberichten an der Haustür von Nr. 40 an. Nach den Jahren der Zerrissenheit und der innerdeutschen Auseinander¬setzungen hatte die neue Geschlossenheit gegenüber einem äußeren Angreifer eine tiefe emotionale Wirkung auf die Zeitgenossen. Aufsehen erregte besonders die Nachricht, dass Kaiser Napoleon III. gefangen genommen worden sei und nach Wilhelmshöhe gebracht werde.

„Schulen und Geschäfte wurden an jenem denkwürdigen Tage geschlossen, alles stürzte in wilder Hast auf den Königsplatz, um die unglaubliche Nachricht schwarz auf weiß zu lesen. Ein solches Treiben hatte der Königsplatz niemals zuvor gesehen. Alle gesellschaftlichen Schranken waren plötzlich gefallen, hoch und niedrig verkehrten wie alte Bekannte mit einander, jeder sprach mit dem ersten besten, der ihm in den Weg kam, es herrschte eine nie dagewesene Gleichheit und Brüderlichkeit. Personen, die sich feindlich gesonnen waren, umarmten und küßten sich und jeder Groll war im Angesichte der überwältigenden Ereignisse vergessen. Die Jugend lärmte, schrie und jubelte und die „Wacht am Rhein“ ertönte tausendstimmig gen Himmel bis tief in die Nacht.“ (August L. Pfeiffer)

Beim Großangriff 1943 wurden die Steinbauten restlos zerstört. Der labile Baugrund schaukelte sich durch die Erschütterungen der Bomben derart auf, dass er die massiven Bauten zum Einsturz brachte.

Rundgang 1: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Wilhelmsstraße | Station 2: Engelsburg | Station 3: Wolfsschlucht 5-11 | Station 4: Opernstraße 15 | Station 5: Gnadengässchen | Station 6: Theaterstraße | Station 7: Wolfsschlucht 19-21 | Station 8: Theaterstraße 4 und 2 | Station 9: Blick auf das Friedrichsgymnasium | Station 10: Wolfsschlucht / Kölnische Straße
Rundgang 2: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 11: Obere Karlsstraße 32 | Station 12: Obere Karlsstraße 26-28 | Station 13: Obere Karlsstraße bis Friedrichsplatz | Station 14: Obere Karlsstraße bis Weinbergstraße | Station 15: Hercules Bierbrauerei | Station 16: Karlskirche | Station 17: Wilhelmsstraße 15 | Station 18: Stadtpark | Station 19: Garde-du-Corps-Straße | Station 20: Garde-du-Corps-Platz
Rundgang 3: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Karl Bernhardi Straße | Station 2: Dock 4 auf der Seite Oberste Gasse | Station 3: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 1 | Station 4: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 2 | Station 5: Fingerz Kleidung & Accessoires Entenanger 2 | Station 6: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 1 | Station 7: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 2 | Station 8: Hochzeitsatelier Oberste Gasse 30 | Station 9: Druselplatz 3 | Station 10: Reformhaus Kräuterhilde Martinsplatz 1
Rundgang 4: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Martinsplatz | Station 2: Martinsplatz nach dem Abbruch des Tuchhauses | Station 3: Das Säulenportal am Martinsplatz | Station 4: Mittelgasse | Station 5: Das Grimmsche Märchenhaus | Station 6: Barockhaus von Oberst Georg du Mont | Station 7: Der Freiheiter Durchbruch | Station 8: Laubengänge am Freiheiter Durchbruch | Station 9: Kassels erste Fußgängerzone | Station 10: Der untere Abschnitt der Marktgasse
Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)
Rundgang 7: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Haus Königsstraße 45 | Station 2: Lyceum Fridericianum, Am Friedrichsplatz 19-20 | Station 3: Das Palais der Landgrafen von Hessen Rotenburg um 1910 | Station 4: Der Königsplatz nach Nordosten 1820, ehem. Kaskade | Station 5: Brühlsches Haus um 1890 | Station 6: Obere Königsstraße und Kölnische Straße, um 1898–1905 | Station 7: Königsplatz 34 und Königsstraße 32, um 1905–1911 | Station 8: Die Baugruppe Nr. 38–46, um 1888–1890 | Station 9: Die Baugruppe Königsplatz 57–59, vor 1898 | Station 10: Das Posthaus am Königsplatz vor 1878