Rundgang 7, Station 6

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Blick aus dem Eckhaus Königsplatz 42 zur Oberen Königsstraße und Kölnischen Straße, um 1898–1905
Die Ansicht zeigt die einstigen Proportionen des Platzes, auch wenn der Baumring der 1880er Jahre bereits den Blick auf die Randbebauung einschränkt. Den Obelisken in der Platzmitte hatte König Jérôme 1810 durch einen runden Brunnen mit einer marmornen Napoleon-Statue ersetzen lassen; der Kaiser war in antiker Tracht dargestellt, und bald kursierte in Kassel der Spottvers:

Zu Kassel auf dem Zaitenstock, / Ohne Hemd und ohne Rock, / Ohne Schuh‘ und ohne Hosen, / Steht der Kaiser der Franzosen.

Angesichts der Seeschlacht von Trafalgar, die für Napoleon verlustreich geendet war, hieß es außerdem über den Brunnen: „Der Held ist da nicht in seinem Element, d e r Mann hat kein Glück auf dem Wasser.“ Zudem hatte die französische Regierung den Wochenmarkt auf den Platz verlegt, so dass „die Statue Napoleons oft in der schönsten Kartoffelblüthe stand.“ – Nach der Befreiung Kassels durch russische Truppen am 30. September 1813 in Kassel entlud sich der aufgestaute Zorn an der Statue des verhassten Kaisers, und Nase und rechter Arm wurden abgeschlagen. Als sich die Franzosen jedoch bald darauf zur Rückkehr anschickten, fürchtete man ihre Rache, und der Bildhauer Ruhl stellte die fehlenden Teile noch rechtzeitig in Gips wieder her. Nachdem die Völkerschlacht bei Leipzig jedoch zum endgültigen Abzug der Besatzer geführt hatte, wurde der Brunnen nach erneuten Beschädigungen umgehend abgebaut. Die verstümmelte Statue Napoleons befindet sich heute im Schloss Friedrichsstein in Bad Wildungen.

Einzige Attraktion der Platzmitte bildete seither das sechsfache Echo des Platzes. 1877 fuhr die erste Dampfstraßenbahn Deutschlands vom Königsplatz nach Wilhelmshöhe. Die Strecke durch die Kölnische Straße kam bei der Elektrifizierung 1898 hinzu. Das historische Pflaster des Platzes (vgl. Station 4) wurde dafür zerschnitten, blieb ansonsten aber bis nach dem Zweiten Weltkrieg bestehen.

Während die Hallen auf der Ostseite des Platzes die Mittelbetonung vom Posthaus, die Geschosseinteilung vom Palais Hessen-Rotenburg übernommen hatten (vgl. Station 4), ist es auf der Westseite genau umgekehrt: Die drei Vollgeschosse der Wohnhäuser entsprechen der Post, die Seitenbetonung dem Palais.

Zwischen Kölnischer Straße und Königsstraße bildete das Brühlsche Haus (Nr. 55; vgl. Station 5) mit dem Haus des Regimentschirurgen Amelung (Nr. 53) eine Baugruppe, zog allerdings mit seinem reichen Schmuck die Blicke auf sich. So dürfte es kein Zufall sein, dass Brühl gerade dieses Grundstück erhalten hatte, an der Zufahrt zum westlichen Stadttor (vgl. auch Station 9). Jedoch musste Hofbaumeister du Ry damit rechnen, dass die reichen Stukkaturen bei seinen Kollegen und seinem Vorgesetzten im Hofbauamt auf Anlehnung stoßen würden. Tatsächlich richtete das gesamte Bauamt im Jahre 1772 eine Eingabe an den Landgrafen, um zu erreichen, dass Brühl die „häufige[n] und zum Theil ohnschickliche[n] Zierathen“ über dem Tor, der Tür und in der Mitte des Hauses wieder entfernte; denn es sei festgelegt worden, dass das Haus mit seinem Nachbarhaus genau übereinstimme. Friedrich II. entschied dann auch im Sinne des Bauamtes, doch kam es aus unbekannten Gründen nicht zu der Entfernung. Und tatsächlich hatte der gewitzte Baumeister vorgebeugt; so war etwa der Giebel des Brühlschen Hauses schmaler und niedriger als das Gegenstück an Nr. 53. Ohne die Stukkaturen hätte sich nur eine Disharmonie innerhalb des Häuserblockes eingestellt, und der reiche Schmuck blieb bis zur Zerstörung 1943 erhalten.

Im Eckhaus Königsplatz 53 / Königsstraße bestand in der Mitte des 19. Jh. ein Gasthof; 1859 übernahm Wilhelm Schirmer das Haus, der zuvor einen Gasthof in der Obersten Gasse betrieben hatte. 1901 wurde das „Hotel Schirmer“ von seinem damaligen Inhaber Albert Mann an den Friedrich-Wilhelms-Platz (heute Scheidemannplatz) verlegt, wo es zu den besten Adressen Kassels zählte. (Der Gebäudekomplex Ständeplatz 2 ist nach 1945 vereinfacht als Geschäftshaus wiederhergestellt worden.) Am Königsplatz bestand nur noch eine Gaststätte, die zunächst „Pilsener Urquell“, dann „Dortmunder Union Bräu“ hieß.

Das Nachbarhaus Königsstraße 51, das in der Aufnahme bereits aus seiner Umgebung herausfällt, war im Jahre 1869 abgebrannt und beim Wiederaufbau aufgestockt und verändert worden.

Rundgang 1: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Wilhelmsstraße | Station 2: Engelsburg | Station 3: Wolfsschlucht 5-11 | Station 4: Opernstraße 15 | Station 5: Gnadengässchen | Station 6: Theaterstraße | Station 7: Wolfsschlucht 19-21 | Station 8: Theaterstraße 4 und 2 | Station 9: Blick auf das Friedrichsgymnasium | Station 10: Wolfsschlucht / Kölnische Straße
Rundgang 2: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 11: Obere Karlsstraße 32 | Station 12: Obere Karlsstraße 26-28 | Station 13: Obere Karlsstraße bis Friedrichsplatz | Station 14: Obere Karlsstraße bis Weinbergstraße | Station 15: Hercules Bierbrauerei | Station 16: Karlskirche | Station 17: Wilhelmsstraße 15 | Station 18: Stadtpark | Station 19: Garde-du-Corps-Straße | Station 20: Garde-du-Corps-Platz
Rundgang 3: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Karl Bernhardi Straße | Station 2: Dock 4 auf der Seite Oberste Gasse | Station 3: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 1 | Station 4: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 2 | Station 5: Fingerz Kleidung & Accessoires Entenanger 2 | Station 6: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 1 | Station 7: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 2 | Station 8: Hochzeitsatelier Oberste Gasse 30 | Station 9: Druselplatz 3 | Station 10: Reformhaus Kräuterhilde Martinsplatz 1
Rundgang 4: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Martinsplatz | Station 2: Martinsplatz nach dem Abbruch des Tuchhauses | Station 3: Das Säulenportal am Martinsplatz | Station 4: Mittelgasse | Station 5: Das Grimmsche Märchenhaus | Station 6: Barockhaus von Oberst Georg du Mont | Station 7: Der Freiheiter Durchbruch | Station 8: Laubengänge am Freiheiter Durchbruch | Station 9: Kassels erste Fußgängerzone | Station 10: Der untere Abschnitt der Marktgasse
Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)
Rundgang 7: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Haus Königsstraße 45 | Station 2: Lyceum Fridericianum, Am Friedrichsplatz 19-20 | Station 3: Das Palais der Landgrafen von Hessen Rotenburg um 1910 | Station 4: Der Königsplatz nach Nordosten 1820, ehem. Kaskade | Station 5: Brühlsches Haus um 1890 | Station 6: Obere Königsstraße und Kölnische Straße, um 1898–1905 | Station 7: Königsplatz 34 und Königsstraße 32, um 1905–1911 | Station 8: Die Baugruppe Nr. 38–46, um 1888–1890 | Station 9: Die Baugruppe Königsplatz 57–59, vor 1898 | Station 10: Das Posthaus am Königsplatz vor 1878