Rundgang 7, Station 4

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Der Königsplatz bildete ein genial konzipiertes Gelenk zwischen Oberneustadt und historischer Kernstadt. Seine Randbebauung war bis in die Einzelheiten aufeinander abgestimmt. Das gemusterte Pflaster der Platzfläche bestand aus allen in Hessen vorkommenden Gesteinsarten, und den Mittelpunkt markierte bis 1810 ein Obelisk. Für die Planungen war im Hofbauamt vermutlich Simon Louis du Ry verantwortlich.

Die Größe des Platzes umging den schwierigen Baugrund eines Festungs-Ravelins, und die Kreisform verband die Königsstraße der Oberneustadt mit der Neue-Tor-Straße der Kernstadt (An der Garnisonkirche). Diese wurde sogar zur Hauptachse des Platzes aufgewertet, indem an ihr anderes Ende, ungefähr an der heutigen Spohrstraße, das Kölnische Tor gelegt wurde: Der Platz bildete damit ein wichtiges Entrée in die Stadt.

Im Osten wurde diese Achse beidseitig von zwei symmetrischen Gebäuden flankiert, den sog. Hallen. Sie wurden in erster Linie an Gewerbetreibende vermietet und boten dem Ankommenden ein einheitliches, harmonisches Bild, über dem sich die Türme der Kernstadt erhoben. Die Dächer fielen einseitig zur Rückfront hin ab; so endigten die Hallen genau mit der Trauflinie der Garnisonkirche und traten aus Richtung der Obersten Gasse nicht als hoher Riegel in Erscheinung. Wegen des schlechten Baugrunds waren sie nur als verblendete und verputzte Fachwerkbauten errichtet. Die Ansicht zeigt bereits den Zustand nach Umbauten aus der Zeit des Königreichs Westphalen (1807–1813), als man etwa die Laubengänge im Erdgeschoss schloss und auch das Posthaus (links) veränderte.

Das Posthaus (Station 10) und das Palais Hessen-Rotenburg (Station 3 und 7) rahmten die Hallen beidseitig ein. Diese höheren Baukomplexe verliehen dem Platz seitlichen Halt und standen sich in Geschosseinteilung und Fassadengliederung als Gegenpole gegenüber; die übrigen Baublöcke vermittelten geschickt zwischen ihnen, indem etwa die Hallen ihre Mittelbetonung vom Postgebäude übernahmen, ihre Geschosseinteilung hingegen vom Palais (zwei Vollgeschosse, ein Halbgeschoss); vgl. dagegen Station 6 und 9 zur Westseite des Platzes.

Die Hallen waren um 1772/73 errichtet worden; im Inneren enthielten sie einzelne, an Gängen gelegene „Boutiquen“, in der rechten, „Zweiten“ Halle war anfangs außerdem eine Seidenfabrik untergebracht. Als Mieter sind 1778 beispielsweise ein Glashändler, ein Schreiner, ein Kaufmann für Galanterie-Waren, eine Putzmacherin, und ein „Billardeur“ bezeugt, der ein Pariser Caféhaus betrieb, später unter anderem ein Perückenmacher, ein Bäcker, ein Konditor, ein Kronleuchtermacher, ein Juwelier, ein Glasschneider, ein Strumpffabrikant, ein Töpfer, ein Tanzmeister, ein Mundkoch und ein Schenkwirt. Während die Erste Halle 1829 abgebrochen wurde (vgl. Station 8), blieb die Zweite Halle noch bis 1886 bestehen. 1848 hatte die Kasseler Bürgergarde darin ihr Wachlokal, Ludwig Mohr betrieb dort einen Laden mit optischen Instrumenten, Julius Braun ein Porzellangeschäft, und die populäre „Dippenmüllerin“ verkaufte dort bis 1886 in einem zugigen Gang ihre Waren.

Die Zweite Halle diente zeitweise auch zu Schulzwecken: So richtete Landgraf Wilhelm IX. 1791 insgesamt sechs Freischulen in Kassel, d.h., dass für ihren Besuch kein Schulgeld erhoben wurde. Die sechs Schulen waren nach Geschlechtern getrennt, drei für Jungen und drei für Mädchen, wobei einige Schulen in der Zweiten Halle, andere im Waisenhaus in der Unterneustadt eingerichtet wurde. Sie nahmen insgesamt 600 Kinder auf. Während der Französischen Fremdherrschaft versuchte der Staat allerdings, die kostenträchtige Unterhaltung der Freischulen auf die Stadt Kassel abzuwälzen. Zudem wurden die unteren Klassen des Lyceums als Bürgerschule abgetrennt (vgl. Station 2), in der Zweiten Halle untergebracht, erweitert und in drei Zweige aufgeteilt: Vorbereitungsschule, Bürgerschule und Realschule. 1823 wurde diese Schule endgültig auch von der Aufsicht des Lyceums gelöst. Ein 1836 geplanter Neubau als Schulhaus scheiterte, und erst 1844 konnte ein modernes städtisches Schulgebäude an der Hedwigstraße bezogen werden (derzeit noch Standort des Stadtbads Mitte).

1836 hatte die Stadt Kassel auch einen Rathausneubau an der Stelle der Zweiten Halle erwogen, doch wurde dieser Plan 1838 durch die kurfürstliche Regierung abgelehnt: Das Rathaus der Residenzstadt erfordere eine besondere, sich aus der Umgebung abhebende Bauweise, doch genau dies sei am Königsplatz nicht möglich, ohne das Bausystem des ganzen Platzes zu stören. – Dreißig Jahre später spielten derart umsichtige Gedanken jedoch keine Rolle mehr: An die Stelle der Zweiten Halle trat nach 1886 das etwa doppelt so hohe Geschäftshaus des Kaufmanns Scholl, das die Garnisonkirche vollständig verdeckte und mit seinen Dimensionen und Stilformen die Proportionen des Platzes sprengte.

Rundgang 1: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Wilhelmsstraße | Station 2: Engelsburg | Station 3: Wolfsschlucht 5-11 | Station 4: Opernstraße 15 | Station 5: Gnadengässchen | Station 6: Theaterstraße | Station 7: Wolfsschlucht 19-21 | Station 8: Theaterstraße 4 und 2 | Station 9: Blick auf das Friedrichsgymnasium | Station 10: Wolfsschlucht / Kölnische Straße
Rundgang 2: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 11: Obere Karlsstraße 32 | Station 12: Obere Karlsstraße 26-28 | Station 13: Obere Karlsstraße bis Friedrichsplatz | Station 14: Obere Karlsstraße bis Weinbergstraße | Station 15: Hercules Bierbrauerei | Station 16: Karlskirche | Station 17: Wilhelmsstraße 15 | Station 18: Stadtpark | Station 19: Garde-du-Corps-Straße | Station 20: Garde-du-Corps-Platz
Rundgang 3: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Karl Bernhardi Straße | Station 2: Dock 4 auf der Seite Oberste Gasse | Station 3: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 1 | Station 4: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 2 | Station 5: Fingerz Kleidung & Accessoires Entenanger 2 | Station 6: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 1 | Station 7: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 2 | Station 8: Hochzeitsatelier Oberste Gasse 30 | Station 9: Druselplatz 3 | Station 10: Reformhaus Kräuterhilde Martinsplatz 1
Rundgang 4: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Martinsplatz | Station 2: Martinsplatz nach dem Abbruch des Tuchhauses | Station 3: Das Säulenportal am Martinsplatz | Station 4: Mittelgasse | Station 5: Das Grimmsche Märchenhaus | Station 6: Barockhaus von Oberst Georg du Mont | Station 7: Der Freiheiter Durchbruch | Station 8: Laubengänge am Freiheiter Durchbruch | Station 9: Kassels erste Fußgängerzone | Station 10: Der untere Abschnitt der Marktgasse
Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)
Rundgang 7: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Haus Königsstraße 45 | Station 2: Lyceum Fridericianum, Am Friedrichsplatz 19-20 | Station 3: Das Palais der Landgrafen von Hessen Rotenburg um 1910 | Station 4: Der Königsplatz nach Nordosten 1820, ehem. Kaskade | Station 5: Brühlsches Haus um 1890 | Station 6: Obere Königsstraße und Kölnische Straße, um 1898–1905 | Station 7: Königsplatz 34 und Königsstraße 32, um 1905–1911 | Station 8: Die Baugruppe Nr. 38–46, um 1888–1890 | Station 9: Die Baugruppe Königsplatz 57–59, vor 1898 | Station 10: Das Posthaus am Königsplatz vor 1878