Rundgang 7, Station 3

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Das Palais der Landgrafen von Hessen-Rotenburg war das größte und prächtigste Stadtpalais Kassels (vgl. auch Station 7). Es wurde 1769 errichtet, wobei der Hofbaumeister Christoph Philipp Diede als Architekt gilt; die Fassadenstruktur dürfte allerdings im Hofbauamt gemeinsam mit der übrigen Randbebauung des Platzes entwickelt worden sein. 1813 wurde das Palais durch den Staat erworben und diente bis 1866 als „Kurhessisches Staatsministerium“: Hier hatten die einzelnen Ministerien des Inneren, des Äußeren, der Finanzen und der Justiz ihren Sitz. Das Kriegsministerium befand sich dagegen im Gebäude Königsstraße 29 (vgl. Rundgang 3, Station 7).

Nach der Annexion des Landes durch Preußen wurde das Ministerialgesbäude zum Regierungspräsidium umgewidmet. Nachdem 1881/82 der Neubau des Regierungs- und Justizpalastes an der Fulda bezogen worden war, ging der Gebäudekomplex 1883 in städtischen Besitz über. Zu den Nutzern zählten auch einige städtische Behörden sowie (seit 1895) die Stadtsparkasse, bis 1909 das neue Rathaus an der Königsstraße vollendet war; die übrigen Räume wurden vermietet. Überlegungen, den Rathausneubau an dieser Stelle zu errichten, waren um 1900 wieder verworfen worden.

Der Zustand des Gebäudes um 1910 zeigt bereits mehrere Schaufenstereinbrüche; zudem fehlt oberhalb der Tordurchfahrt und des Balkons ein halbrunder Giebelaufbau, der die Mitte der Hauptfassade betont und das hessische Wappen enthalten hatte.

Rechts neben dem Palais erkennt man das Haus Königsstraße 30: Es war um 1772 für den Staatsminister General Wilhelm von Gohr errichtet worden, der – als Leiter des Bau-Departements – auch für die Verwaltung des landgräflichen Bauwesens verantwortlich war. Seit 1818 gehörte das Wohnhaus zu den höfischen Bauten, und 1821 übergab Kurfürst Wilhelm II. das Gebäude an seine Geliebte Emilie Ortlöpp: eine Berliner Goldschmiedetochter, die er zur Gräfin Reichenbach erhoben hatte. Hofbaumeister Johann Conrad Bromeis baute es um und verband es mit dem angrenzenden Residenzpalais am Friedrichs¬platz.

Die Ehe des Kurfürsten mit der preußischen Prinzessin Auguste war formal geschieden, Auguste betrieb demonstrativ einen oppositionellen Nebenhof, und die Kasseler Gesellschaft war tief gespalten. Vor dem Palais der Gräfin kam es wiederholt zu sogenannten Katzenmusiken, bei denen nächstens die Fenster eingeworfen wurden. Als 1831 eine aufgebrachte Menge nach Wilhelmshöhe stürmen wollte, um die Gräfin zu vertreiben, verließ Wilhelm II. gemeinsam mit ihr die Stadt und trat die Regierung an seinen Sohn Friedrich Wilhelm ab.

Das Palais diente nun für dessen Frau Gertrude als Wohnsitz. Gertrude, geb. Falkenstein, geschiedene Lehmann, war zwar 1831/32 durch den Kurprinzen und Mitregenten zur Gräfin von Schaumburg, 1853 zur Fürstin von Hanau erhoben worden, doch galt sie nicht als ebenbürtige Gemahlin; die Kinder des Paares hatten damit keinen Anspruch auf die Thronfolge und wurden als Fürsten von Hanau (vgl. auch Station 1) und durch Ankauf der böhmischen Herrschaft Horschowitz materiell abgesichert, während das Haus Hessen von der Rumpenheimer Linie weitergeführt wird (sie geht auf einen Sohn Landgraf Friedrichs II. zurück).

Das Palais Königsstraße 30 blieb auch nach dem Ende des Kurstaates 1866 im Besitz der Fürstin von Hanau, die mit ihrem Ehemann im böhmischen Exil lebte; ihre Erben verkauften es 1881 an den Bauunternehmer Heinrich Schmidtmann, der das Gebäude in ein Geschäftshaus umwandelte. In einigen Räumen, unter anderem im großen Festsaal des Seitenflügels, richtete man das „Palais-Restaurant“ ein; die prächtigen Raumdekorationen dienten nun als festlicher Rahmen für Hochzeiten, Bälle, Vereinsfeste, Tanzstunden und Karnevalsfeiern. 1912 wurden Restaurant und Gebäude einem Umbau unterzogen, der Innenhof mit einem großen Saal überbaut; das neue „Hackerbräurestaurant“ mit Münchener Spezialitäten musste jedoch 1923 aufgegeben werden. Abgelöst wurde es durch die „Billard-Akademie“ (im Ergeschoss und Obergeschoss der Hintergebäude und des Seitenflügels) und den „Herkulesbräu“ (im zweiten Obergeschoss des Vorderhauses).

Bei einem Luftangriff 1941 brannte das Gebäude aus, aber das halbrunde Treppenhaus und der Saalbau (beide von 1821) konnten nach 1945 vorbildlich in einen Neubau einbezogen werden – die letzten größere Zeugnisse des einstigen kurfürstlichen Residenzpalais. Sie wurden erst 2006 für den Neubau eines Geschäftshauses abgebrochen.


Rundgang 1: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Wilhelmsstraße | Station 2: Engelsburg | Station 3: Wolfsschlucht 5-11 | Station 4: Opernstraße 15 | Station 5: Gnadengässchen | Station 6: Theaterstraße | Station 7: Wolfsschlucht 19-21 | Station 8: Theaterstraße 4 und 2 | Station 9: Blick auf das Friedrichsgymnasium | Station 10: Wolfsschlucht / Kölnische Straße
Rundgang 2: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 11: Obere Karlsstraße 32 | Station 12: Obere Karlsstraße 26-28 | Station 13: Obere Karlsstraße bis Friedrichsplatz | Station 14: Obere Karlsstraße bis Weinbergstraße | Station 15: Hercules Bierbrauerei | Station 16: Karlskirche | Station 17: Wilhelmsstraße 15 | Station 18: Stadtpark | Station 19: Garde-du-Corps-Straße | Station 20: Garde-du-Corps-Platz
Rundgang 3: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Karl Bernhardi Straße | Station 2: Dock 4 auf der Seite Oberste Gasse | Station 3: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 1 | Station 4: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 2 | Station 5: Fingerz Kleidung & Accessoires Entenanger 2 | Station 6: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 1 | Station 7: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 2 | Station 8: Hochzeitsatelier Oberste Gasse 30 | Station 9: Druselplatz 3 | Station 10: Reformhaus Kräuterhilde Martinsplatz 1
Rundgang 4: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Martinsplatz | Station 2: Martinsplatz nach dem Abbruch des Tuchhauses | Station 3: Das Säulenportal am Martinsplatz | Station 4: Mittelgasse | Station 5: Das Grimmsche Märchenhaus | Station 6: Barockhaus von Oberst Georg du Mont | Station 7: Der Freiheiter Durchbruch | Station 8: Laubengänge am Freiheiter Durchbruch | Station 9: Kassels erste Fußgängerzone | Station 10: Der untere Abschnitt der Marktgasse
Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)
Rundgang 7: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Haus Königsstraße 45 | Station 2: Lyceum Fridericianum, Am Friedrichsplatz 19-20 | Station 3: Das Palais der Landgrafen von Hessen Rotenburg um 1910 | Station 4: Der Königsplatz nach Nordosten 1820, ehem. Kaskade | Station 5: Brühlsches Haus um 1890 | Station 6: Obere Königsstraße und Kölnische Straße, um 1898–1905 | Station 7: Königsplatz 34 und Königsstraße 32, um 1905–1911 | Station 8: Die Baugruppe Nr. 38–46, um 1888–1890 | Station 9: Die Baugruppe Königsplatz 57–59, vor 1898 | Station 10: Das Posthaus am Königsplatz vor 1878