Rundgang 7, Station 10

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Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel. Blick aus dem Gebäude Königsplatz 34 auf das Posthaus (Königsplatz 61), vor 1878
Das Posthaus am Königsplatz war der zentrale Abfahrts- und Ankunftsort für die Postkutschen, welche regelmäßig auf festgelegten Routen verkehrten. Hinzu kamen Kuriere, Stafetten und Eilwagen, die eigens in Auftrag gegeben werden konnten. Briefe und Pakete wurden im Postamt aufgegeben und abgeholt, Reisende langten mit den Postkutschen oder Eilwagen in Kassel an oder fuhren von hier ab. So enthielt das Gebäude neben dem hessischen Oberpostamt und den Dienstwohnungen der Beamten auch einen Gasthof. Zu seinen prominentesten Gästen zählt Johann Wolfgang von Goethe, der hier insgesamt viermal „bey Mad. Goullon“ einkehrte: in den Jahren 1779, 1783, 1792 und 1801. Rechts war der Abfahrts- und Aufgabebereich, links der Ankunfts- und Abholungsbereich. Die Remisen und Stallungen lagen bis 1825/29 in der Unteren Königsstraße und wurden danach in die Nebenflügel verlagert.

Über seine Ankunft 1792 in Kassel, auf der Rückreise aus der Champagne, schrieb Goethe: „Wie düster aber auch in der letzten und schwärzesten aller Nächte meine Gedanken mochten gewesen sein, so wurden sie auf einmal wieder aufgehellt, als ich in das mit hundert und aberhundert Lampen erleuchtete Cassel hineinfuhr. Bei diesem Anblick entwickelten sich vor meiner Seele alle Vortheile eines bürgerlich städtischen Zusammenseins, die Wohlhäbigkeit eines jeden Einzelnen in seiner von innen erleuchteten Wohnung, und die behaglichen Anstalten zur Aufnahme der Fremden. Diese Heiterkeit jedoch ward mir für einige Zeit gestört, als ich auf dem prächtigen tageshellen Königsplatze an dem wohlbekannten Gasthofe anfuhr; der anmeldende Diener kehrte zurück mit der Erklärung: es sei kein Platz zu finden. Als ich nicht weichen wollte, trat ein Kellner sehr höflich an den Schlag [der Postkutsche] und bat in schönen französischen Phrasen um Entschuldigung, da es nicht möglich sei, mich aufzunehmen. Ich erwiderte darauf in gutem Deutsch: wie ich mich wundern müsse, daß in einem so großen Gebäude, dessen Raum ich gar wohl kenne, einem Fremden in der Nacht die Aufnahme verweigert werden wolle. Sie sind ein Deutscher, rief er aus, das ist ein anderes! und sogleich ließ er den Postillon in das Hoftor hineinfahren.“ Tatsächlich erschütterte zu jener Zeit die Französische Revolution Europa. – Die helle Beleuchtung der Kasseler Straßen und Plätze war ein Verdienst Landgraf Friedrichs II., der Straßenlaternen an allen neu angelegten Verkehrsflächen und schrittweise auch an den älteren Straßen und Gassen aufstellen ließ (vgl. auch die Abbildung bei Station 4).

Das 1771/72 errichtete Postgebäude löste das bisherige Posthaus Hohentorstraße 19 ab (nördlich der Martinskirche gelegen), das 1775 wieder in Privathand verkauft wurde. Der Neubau am Königsplatz war wegen des schlechten Baugrunds in Fachwerk errichtet, verblendet und verputzt. Ursprünglich war er wesentlich aufwändiger gestaltet und verfügte auch über einen Balkon in der Mitte, bis in der Zeit des Königreichs Westphalen (1807–1813) eine durchgreifende Vereinfachung der Fassade erfolgte. Den niedrigeren Seitenflügel an der Unteren Königsstraße ersetzte man 1831 durch einen Neubau.

Die Photographie lässt gut die ursprünglichen Proportionen und die Weite des Platzes erkennen. Vergleicht man am linken Bildrand das Palais von Schlieffen (Station 9), so wird auch die Höhenstaffelung der Gebäude deutlich, welche dem natürlichen Gefälle des Platzes folgte – umso mehr, wenn man bedenkt, dass am rechten Bildrand das einstige Hallengebäude (Station 4) nur knapp bis zu den Fensterstürzen im 2. Obergeschoss des 1829/30 errichteten Neubaus reichte.

Für die feinen Proportionen der Randbebauung hatte man um 1878 jedoch kein Empfinden mehr, als man das Posthaus durch einen fast doppelt so hohen Neubau ersetzte, dessen Fassade aus Sandstein und rotem Backstein zudem die einheitlichen Putzfronten des Platzes durchbrach.

siehe auch

Verlorene Stadt

Rundgang 1: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Wilhelmsstraße | Station 2: Engelsburg | Station 3: Wolfsschlucht 5-11 | Station 4: Opernstraße 15 | Station 5: Gnadengässchen | Station 6: Theaterstraße | Station 7: Wolfsschlucht 19-21 | Station 8: Theaterstraße 4 und 2 | Station 9: Blick auf das Friedrichsgymnasium | Station 10: Wolfsschlucht / Kölnische Straße
Rundgang 2: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 11: Obere Karlsstraße 32 | Station 12: Obere Karlsstraße 26-28 | Station 13: Obere Karlsstraße bis Friedrichsplatz | Station 14: Obere Karlsstraße bis Weinbergstraße | Station 15: Hercules Bierbrauerei | Station 16: Karlskirche | Station 17: Wilhelmsstraße 15 | Station 18: Stadtpark | Station 19: Garde-du-Corps-Straße | Station 20: Garde-du-Corps-Platz
Rundgang 3: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Karl Bernhardi Straße | Station 2: Dock 4 auf der Seite Oberste Gasse | Station 3: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 1 | Station 4: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 2 | Station 5: Fingerz Kleidung & Accessoires Entenanger 2 | Station 6: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 1 | Station 7: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 2 | Station 8: Hochzeitsatelier Oberste Gasse 30 | Station 9: Druselplatz 3 | Station 10: Reformhaus Kräuterhilde Martinsplatz 1
Rundgang 4: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Martinsplatz | Station 2: Martinsplatz nach dem Abbruch des Tuchhauses | Station 3: Das Säulenportal am Martinsplatz | Station 4: Mittelgasse | Station 5: Das Grimmsche Märchenhaus | Station 6: Barockhaus von Oberst Georg du Mont | Station 7: Der Freiheiter Durchbruch | Station 8: Laubengänge am Freiheiter Durchbruch | Station 9: Kassels erste Fußgängerzone | Station 10: Der untere Abschnitt der Marktgasse
Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)
Rundgang 7: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Haus Königsstraße 45 | Station 2: Lyceum Fridericianum, Am Friedrichsplatz 19-20 | Station 3: Das Palais der Landgrafen von Hessen Rotenburg um 1910 | Station 4: Der Königsplatz nach Nordosten 1820, ehem. Kaskade | Station 5: Brühlsches Haus um 1890 | Station 6: Obere Königsstraße und Kölnische Straße, um 1898–1905 | Station 7: Königsplatz 34 und Königsstraße 32, um 1905–1911 | Station 8: Die Baugruppe Nr. 38–46, um 1888–1890 | Station 9: Die Baugruppe Königsplatz 57–59, vor 1898 | Station 10: Das Posthaus am Königsplatz vor 1878