Rundgang 6, Station 8

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AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II)

an der Ostseite des Friedrichsplatzes, mit Blick auf die Bellevue

Die Bellevue galt bis 1943 als eine der schönsten Wohnstraßen Europas. Sie bildete die weithin sichtbare Schaufront der Oberneustadt, mit eleganten Palais und Wohnhäusern sowie einem kilometerweiten Fernblick. Zu den prominenten Hausbesitzern gehörten unter anderem die Hofmaler Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (Nr. 11, zweites Haus von rechts) und Wilhelm Böttner (Nr. 7, sechstes Haus von rechts). In Nr. 10 komponierte Louis Spohr 1822 die Oper Jessonda, in Nr. 7 wurde 1816 Malwida von Meysenbug geboren, und in Nr. 9 und 7 wohnten zeitweise die Brüder Grimm.

Ursprüngliche Straßenfront

Die eigentliche Straßenfront erstreckte sich zwischen Fünffensterstraße und Friedrichsplatz; genau in der Mitte führte die Georgenstraße zum Hauptportal der Oberneustädter Kirche. Links der Georgenstraße standen mehrere Palais hessischer Würdenträger aus den Jahren 1690-1709, während die Wohnhäuser Nr. 7-12 zwischen Georgenstraße und Friedrichsplatz 1715-38 errichtet worden waren. Diese jüngeren Wohnhäuser gehen auf Hofbaumeister Johann Nicolaus Prizier zurück, der das vordere Eckhaus Nr. 12 (errichtet 1715-20) selbst bezog.

Die Gebäude hatten ursprünglich nur zwei Geschosse, allein die beiden Häuser Nr. 11 und 12 waren dreigeschossig, um das Gefälle der Straße aufzufangen; eine geschickte Staffelung sorgte für eine einheitliche Wirkung der gesamten Front: So erhielten Nr. 9-10 einen höheren Sockel, der bei Nr. 11-12 zum Erdgeschoss wurde. Letzteres bedingte wiederum ein schrittweises Ansteigen der Traufhöhe von Nr. 7-8 bis Nr. 11-12. Um die Höhensprünge zu verschleiern und die Mitte der Häuserzeile zu betonen, erhielten Nr. 9-10 höhere Geschosse, zusätzliche Seitenrisalite mit Giebelaufbauten und in den Mittelachsen Balkone.

Seit dem späten 18. Jahrhundert bauten die Eigentümer von Nr. 7-12 jedoch nach und nach die Mansarddächer aus und setzten teilweise neue Giebel auf, was die Silhouette veränderte. Auch die Balkone der Häuser Nr. 7-8 und 11-12 und zusätzliche Schmuckelemente an Nr. 11-12 sind jüngere Ergänzungen.

Palais Bellevue

Das abseits stehende Palais Bellevue war bis 1714 als Observatorium errichtet worden – ganz bewusst in größerer Entfernung zu der Häuserfront, um deren Symmetrie mit der Kirche in der Mitte nicht zu stören. Ebenso endete auch die Fahrbahn der Bellevue an der Fünffensterstraße, und das Palais Bellevue stand bis ca. 1811 inmitten eines großen Gartens.

Am Auehang waren zunächst Terrassengärten geplant, die durch unterirdische Gänge mit den Kellern der jeweiligen Häuser verbunden werden sollten. Allerdings wurde nur der Garten des Eckhauses Bellevue / Georgenstraße 6 in dieser Weise ausgeführt (seit 1922 Kurhessische Kriegergedächtnisstätte); der übrige Hang wurde im Laufe der Zeit in fürstliche Gärten umgewandelt. Ursprünglich hatten sie an die Fahrbahn herangereicht, bis im Königreich Westphalen (1807-13) ein breiter Fußweg oberhalb der Hangkante angelegt wurde. Berichtet wird auch über Planungen jener Zeit, die gesamte Straße in einen Denkmäler-Boulevard mit Statuen und Büsten berühmter Franzosen zu verwandeln, doch gelangte davon nichts zur Ausführung.

Das Eckhaus Nr. 12 wurde 1926 von der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) erworben, 1941 beschädigt und beim Großangriff 1943 zusammen mit Nr. 11 vollständig zerstört. Bei Kriegsende standen zwischen Georgenstraße und Friedrichsplatz nur noch Reste von Nr. 9 und das ausgebrannte Haus Nr. 10; während Nr. 9 wieder aufgebaut wurde, wurde Nr. 10 abgebrochen, und anstelle der Häuser Nr. 10-12 entstand in den Jahren 1956/57 ein Neubau der AOK, nach Plänen von Konrad Proll.

siehe auch

Verlorene Stadt

Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)