Rundgang 6, Station 7

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AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I)

vor dem „Geistlichen Haus“ St. Elisabeth, mit Blick auf das Friedrichstor, 1783 (Stich von G. W. Weise nach J. H. Tischbein und S. L. du Ry); rechts angeschnitten erkennt man das Eckhaus Bellevue 12.

An der Ostseite des Friedrichsplatzes (vgl. Station 1) akzentuierten zwei kleine Wachthäuser den Blick in die Landschaft. Ebenso wie das anschließende Gitter oberhalb des Auehangs waren sie Teil einer neuen Zollmauer, mit der die gesamte Stadt nach Schleifung der Festungswerke umgeben worden war.

Am Hang führten große ovale Rampen in die Karlsaue. Das Tor bildete etwa die Mitte einer rund 820m langen, öffentlichen Terrasse oberhalb des Auehangs, die, an der Fünffensterstraße beginnend, über Bellevue (Station 8), Friedrichsplatz, Rennbahn und Paradeplatz (heute Teil des Staatstheater-Areals und Parkplatz am Regierungspräsidium) sowie den alten Schlosswall bis zum Rondell an der Fulda reichte und – ungestört durch hohe Hangvegetation – einen einzigartigen Ausblick gewährte. Diese enge Verbindung zwischen Stadt und Landschaft galt als besondere Sehenswürdigkeit Kassels.

Die beiden Gebäude wurden in den Jahren 1779-82 nach längerer Planungsdebatte errichtet. Sie erhoben erst gar keinen Anspruch, die riesige Platzfläche wirkungsvoll abschließen zu wollen, bildeten aber einen angemessenen Akzent an der Platzkante. Der linke Pavillon diente als Wache, das symmetrische Gegenstück wurde als Offiziersarrest genutzt. Auf den Gebäuden standen Trophäen, die der Bildhauer Johann August Nahl d. Ä. (vgl. Station 6) in Anlehnung an antike römische Vorbilder geschaffen hatte.

Wenige Jahrzehnte später hatte man jedoch keinen Sinn mehr für diese subtile Verbindung zwischen Platz, Landschaft und Architektur. Im Königreich Westphalen (1807-13) wäre nach der Zerstörung der Rennbahn auch das Friedrichstor beinahe dem Abbruch anheimgefallen, und 1824 sollte ein Umbau eine repräsentativere Wirkung erzielen: In der Mitte errichtete man Kolonnaden mit einem Triumphbogen, und die Torgebäude wurden erheblich vergrößert. Der Blick in die Landschaft wurde dadurch jedoch beeinträchtigt, und angesichts der Weite des Friedrichsplatzes erschien das neue Tor als zu klein geraten.

Hauptwache und Paraden

Nachdem am Martinsplatz 1833/34 Tuchhaus und Hauptwache abgebrochen worden waren (vgl. Rundgang 5, Station 1), fand die Hauptwache im Auetor eine neue Unterkunft; ein Neubau auf der gegenüberliegenden Platzseite an der Königsstraße gelangte nicht zur Ausführung. Im Zusammenhang mit dem Umzug der Hauptwache verlegte man auch den Sitz des Stadtkommandanten vom Martinsplatz in das Haus Königsstraße 37 (vgl. Station 4).

Fortan fanden auf dem Friedrichsplatz allsonntäglich zwei Paraden statt, die der Regent persönlich abnahm: um 11.00 Uhr die „Kirchenparade“ nach dem Gottesdienst in der Garnisonkirche (vgl. Rundgang 4, Station 6) und eine halbe Stunde später die tägliche Wachtparade. Den Gottesdienst hatten in regelmäßigem Wechsel jeweils verschiedene Truppenteile der Infanterie und Kavallerie oder der Infanterie und Artillerie zu besuchen. Nach der täglichen Wachtparade zog das Musikcorps zum Auetor und spielte dort vier Stücke. Dieses Ereignis zog regelmäßig zahlreiche Schaulustige an, zumal besonders die Kapelle des Leibgarde-Regiments als die beste Militärkapelle in ganz Deutschland galt. Ihre Musiker waren zumeist Mitglieder des Hoftheater-Orchesters. Die Noten wurden damals noch nicht befestigt, sondern von Soldaten oder Kasseler Jungen gehalten, die sich um diesen Dienst drängelten.

Das weitere Schicksal des Tores

Nach der Annexion Kurhessens durch Preußen wurde 1866 die Zollmauer aufgegeben, 1875/76 der Bogen zu einem Kriegerdenkmal umgestaltet. Die Kirchenparade entfiel, und die Konzerte bei der Wachtparade wurden auf die Sonntage beschränkt. 1907 musste das Auetor dem umstrittenen Neubau des Hoftheaters weichen. Die Wachthäuser wurden abgebrochen, die Trophäen in den Gärten der Militärintendantur Königsstraße 29 und des Militärlazaretts wieder aufgestellt; ihr weiteres Schicksal nach 1943 ist unbekannt. Torbogen und Kolonnaden versetzte man neben das Regierungspräsidium, wo sie im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden.

Der Abbruch des Auetors bedeutete einen erneuten Umzug der Hauptwache, die zunächst im Haus Königsstraße 45 unterkam und schließlich im alten Wachthaus des Wilhelmshöher Tors (am heutigen Brüder-Grimm-Platz) eine Bleibe fand. Bis 1918 waren dort 9 Mann, ein Unteroffizier und ein Spielmann stationiert.

siehe auch

Verlorene Stadt

Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)