Rundgang 6, Station 6

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Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II)

Blick von der Auffahrt des Weißen Palais auf das Haus Königsstraße 41, nach 1937

Das 1771 errichtete Haus des Kasseler Hofbildhauers Johann August Nahl d. Ä. (1710-1781) gehörte zu den wichtigsten deutschen Künstlerhäusern des 18. Jahrhunderts. Der in Berlin geborene Nahl hatte in jungen Jahren Paris und Italien bereist und in Straßburg gearbeitet. 1741-46 war er maßgeblich an den Innenausstattungen der Schlösser in Potsdam und Berlin tätig gewesen. 1755 hatte ihn Landgraf Wilhelm VIII. aus Bern nach Kassel angeworben, wo er unter anderem an der Ausstattung des Schlosses Wilhelmsthal arbeitete und seit 1767 als Professor für Bildhauerei lehrte. Sein letztes großes Werk war ab 1775 das Standbild Landgraf Friedrichs II. auf dem Kasseler Friedrichsplatz (vgl. Station 1 und 2), das durch seinen Sohn Samuel Nahl (1748-1813) vollendet wurde.

Innengestaltung

Der Fassadenschmuck zeigte Symbole der Bildhauerkunst, der Malerei und der Wissenschaften. Statuen auf den Giebeln wurden später wegen Verwitterung abgenommen. Durch eine Eingangshalle betrat man das große Treppenhaus, in dem eine dreiläufige gemauerte Treppe mit schmiedeeisernem Gitter in das Obergeschoss hinaufführte. Die Wände waren marmoriert, mit Statuen geschmückt und schlossen in einer stukkierten Voute ab, und ein großes Deckengemälde überspannte den Raum. Auch die Repräsentationsräume im Obergeschoss enthielten Deckengemälde von der Hand des jüngeren Sohnes Johann August Nahl d. J. (1752-1825), und die Wände des mittleren Salons waren mit Gemälden biblischer Szenen bespannt. Der große Garten des Hauses reichte bis zur heutigen Wolfsschlucht und war mit Skulpturen geschmückt.

Umbauarbeiten ab 1878

Nach dem Tod Samuel Nahls erwarb der Kaufmann Franz Heinrich Thorbecke 1814 das Haus und richtete in einem Seitenflügel eine Tabaksfabrik ein.

1878 wurde das Erdgeschoss für Läden umgebaut, und 1930 konnte nur mit Mühe verhindert werden, dass das Gebäude zugunsten eines neuen Geschäftshauses abgebrochen wurde: Die bisherige Eigentümerfamilie von Griesheim hatte das Haus während der Weltwirtschaftskrise nicht halten können und es an die Kasseler Grundstücksverwaltung Kölsch verkauft. Damit begann ein unablässiger Kampf des Bezirkskonservators Friedrich Bleibaum um den Erhalt des Hauses, bis 1931 schließlich ein durchgreifender Umbau des Erdgeschosses erfolgte, den die Denkmalpflege begleitete.

Das große Kellergewölbe brach man aus, um den Fußboden auf Straßenniveau bringen zu können, Mauern wurden durchbrochen, die Seitenflügel ganz oder teilweise abgetragen. Die Planung lag in den Händen des bekannten Kasseler Architekturbüros Catta und Groth, und die Presse vermeldete zufrieden, dass die gesamten Arbeiten von Kasseler Handwerksbetrieben ausgeführt wurden. Insgesamt mussten 760 Wagen Schutt abgefahren werden.

Die Proportionen waren zwar durch die neuen Schaufenster nachteilig verändert, aber dieser Kompromiss hatte den Erhalt des Hauses anscheinend überhaupt erst ermöglicht. Während des Umbaues fand man auf dem Dachboden neben historischen Stichen auch einige Kisten mit 25 verschiedene Tapeten, die dem Kasseler Tapetenmuseum überwiesen wurden. Das Obergeschoss sollte als Caféhaus genutzt wurden, was sich aber bald zerschlug; verschiedene Mieter zogen ein, unter anderem das niederländische Konsulat. 1935 erfolgte schließlich ein erneuter Um- und Ausbau des linken Ladenlokals für das Textilhaus A. Barthel, das beträchtlich erweitert wurde.

Brand 1943

Beim Großangriff 1943 brannte das Gebäude aus, doch blieben die Mauern und sogar der Fassadenschmuck weitgehend erhalten. 1947 sicherte der Bildhauer Timaeus die Stukkaturen, und 1949 ließen die Eigentümer Entwürfe für den Wiederaufbau erstellen – durch das Büro Catta und Groth, welches bereits die Umbauten 1931 und 1935 betreut hatte.

Die Stadt Kassel plante jedoch an dieser Stelle die Einmündung der neuen Treppenstraße, und alle Bemühungen des Landeskonservators, zumindest den Mittelteil zu erhalten und in ein neues Eckhaus einzubeziehen, blieben erfolglos: 1950 ließ die Stadtverwaltung die Fassade abbrechen. Die Steine wurden angeblich nummeriert und auf dem städtischen Bauhof eingelagert; heute sind nur noch die beiden Schlusssteine der seitlichen Torbögen erhalten.

Neubau

In den Neubau zogen das Stoffhaus A. Barthel und die Kaffeehandlung Hooss wieder ein, die sich bereits vor 1943 im Nahlschen Haus befunden hatten. Weiterer Nutzer war 1955-64 das Amerikahaus, in dessen Räumen auch die Wandgemälde aus dem Mittelsaal des Obergeschosses eine neue Aufstellung fanden. 1994 waren sie in einer Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen nochmals öffentlich zu sehen. Heute erinnert vor Ort nur noch eine Kanonenkugel an das Nahlsche Haus, die im Treppenhaus des Neubaus wieder eingemauert worden ist. Sie hatte das Gebäude 1813 bei der Belagerung Kassels durch den russischen General Tschernitscheff getroffen (vgl. Station 3). Auf der historischen Photographie erkennt man sie eingemauert links neben dem Haupteingang.

siehe auch

Verlorene Stadt

Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)