Rundgang 6, Station 4

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Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II)

Denkmälerinventar Cassel-Stadt, 1923, Tafel 384,2 Standort: am Opernplatz, mit Blick auf Königsstraße 37, um 1910

Bauherr des Hauses Königsstraße 37 war um 1772-74 der Kasseler Großkaufmann Jacques Roux, der bereits den Neubau Marktgasse 15 / Graben besaß. Als Architekt beider Häuser gilt der Hofbaumeister Simon Louis du Ry. Das Grundstück am Opernplatz erstreckte sich bis zur heutigen Wolfsschlucht, und ein Seitenflügel reichte bis zum Palais Waitz von Eschen (vgl. Station 3).

Wie alle anderen Häuser der Kasseler Oberneustadt war das Gebäude weiß gestrichen, mit farbig abgesetzten Architekturteilen. Im Inneren war ein repräsentatives Treppenhaus mit dreiläufiger Holztreppe bemerkenswert, das in jedem Geschoss in einen geräumigen Vorsaal mündete. In der Mitte des 1. Obergeschosses, hinter der Balkontür, befand sich ein schmales Vorzimmer, und angrenzend trat man in einen großen Saal, der zur Königsstraße vier Fenster, zum Opernplatz zwei Fenster zählte.

Durch den Torbogen auf der Opernplatzseite gelangte man in den Hof, und direkt neben der großen Durchfahrtshalle führte eine Treppe in den Keller. Unter dem Hauptflügel an der Königsstraße lagen große Kellergewölbe, die – jeweils an Vorder- und Rückseite – über die gesamte Gebäudebreite durchliefen und vielleicht als Lagerkeller des Kaufmanns gedacht waren. Ein weiterer Gebäudeflügel an der Seite zum Nachbarhaus Nr. 39 nahm unter anderem die Stallungen auf.

Die weitere Gebäudegeschichte bis 1963

In der Zeit des Königreichs Westphalen (1807-13) galt das Gebäude als wertvollstes Privathaus Kassels. 1837 wurde es vom kurhessischen Staat für die örtliche Militärverwaltung erworben; fortan fungierte es als Dienst- und Wohnsitz des Kasseler Stadtkommandanten, der zuvor das Haus Martinsplatz 2 genutzt hatte (vgl. Rundgang 5, Station 3). Ein Grund für den Umzug in die Oberneustadt war die 1833 erfolgte Verlegung der Hauptwache vom Martinsplatz (vgl. Rundgang 5, Station 1) in das Auetor am Friedrichsplatz (Station 7).

Nach der Annexion Kurhessens durch Preußen 1866 wurde das Gebäude weiterhin als Kommandantur der Kasseler Garnison und für Dienstwohnungen verwendet, außerdem für weitere militärische Dienststellen.

Dem Bau der Theaterstraße (links im Bild) opferte man um 1897 den niedrigen Seitenflügel (vgl. Station 3) und einen gleichfalls vorspringenden Teil des Hauptgebäudes, dessen Ansatzstelle durch den linken Giebel geschlossen wurde. Diese Vorbauten hatten jenen des gegenüberliegenden Hoftheaters entsprochen (vgl. Rundgang 3, Station 9).

Im Zweiten Weltkrieg blieb das Haus unbeschädigt, als einziges Wohnhaus der barocken Oberneustadt, einschließlich der historischen Holztreppe. Nach dem Kriegsende und der Auflösung der Wehrmacht diente es zunächst als Finanzamt, bis im Jahre 1958 dessen Umzug in die Spohrstraße abgeschlossen war. Die Räume wurden vermietet, im Erdgeschoss erste Schaufenster eingebrochen.

Der Kampf um den Erhalt

Im April 1963 wurde in Kassel bekannt, dass das Bundesschatzministerium Verkaufsabsichten hegte. Befürchtungen wegen eines bevorstehenden Abbruchs wurden laut, zumal das damalige hessische Denkmalpflegegesetz die Baudenkmäler zwar vor Veränderungen, aber nicht vor dem Abbruch schützte. Der Direktor der Staatlichen Museen Kassel, Erich Herzog, und Bezirkskonservator Gottfried Ganßauge setzten sich für den Erhalt ein, und zahlreiche Leserbriefe erschienen in der Presse.

Um ein Schicksal als Spekulationsobjekt zu verhindern, wurde die Stadt Kassel in Bonn vorstellig, und im Oktober 1963 sicherte das Ministerium zu, das Gebäude nicht zum Verkauf auszuschreiben. Statt dessen verhandelte man mit einem Wohntextil-Unternehmer, der bereits als Mieter in dem Gebäude ansässig war. Für den Bund sei die Wiederherstellung des vernachlässigten Hauses nicht tragbar, und das Land Hessen erklärte, kein Interesse an einem Kauf zu haben; entsprechende städtische Forderungen wurden abgelehnt: Die Stadtverwaltung habe 5 Jahre lang Zeit gehabt, sich um das Gebäude zu kümmern. Das Gebäude sei zudem kein national bedeutendes Kulturdenkmal. Man werde den Abbruch allerdings nicht zulassen – tatsächlich aber enthielt der Entwurf des Kaufvertrags keine entsprechende Klausel.

Im November 1963 kam es in Kassel sogar zu Demonstrationen zugunsten des Erhalts, und im März 1964 verlangte ein Bundestagsausschuss, dass die Käufer durch einen Grundbucheintrag zum Erhalt der Fassaden verpflichtet werden müssten. Der Bund verkaufte unter dieser Bedingung das Anwesen schließlich an eine Käufergemeinschaft, die aus jenem Kasseler Unternehmer und einem Aschaffenburger Interessenten bestand. 1966 setzten sich nochmals 47 namhafte Persönlichkeiten des Kulturlebens aus Kassel und ganz Deutschland für das Gebäude ein; die Käufer hätten vom Denkmalwert des Hauses gewusst, und der Kaufpreis sei ausdrücklich ermäßigt gewesen, zudem sei der Bauzustand zufriedenstellend und kein unzumutbarer Aufwand erforderlich. Doch im Sommer 1967 stellten beide Käufer den Abbruchantrag. Das Grundstück sollte geteilt werden; die Fassade an der Königsstraße und den vorderen Giebel am Opernplatz wollte man erhalten und dahinter neu bauen, auf dem übrigen Gelände war der vollständige Neubau eines Hotels geplant.

Obwohl dies gegen die Kaufbedingungen verstieß, sprach sich die Lokalpolitik mit den Stimmen von SPD und CDU für die Genehmigung aus; allein die FDP widersetzte sich und kritisierte, dass aus Furcht vor Schadensersatzforderungen auf die Umsetzung der Grundbuchforderung verzichtet werde. In der Landesdenkmalpflege sah man die Angelegenheit ähnlich, und Ende 1967 hatte sich das hessische Kultusministerium mit den Eigentümern geeinigt: Auch der zweite Giebel sollte erhalten bleiben, statt des Hotels ein Appartementhaus gebaut werden.

Im Sommer 1968 wurde jedoch das Ergebnis eines statischen Gutachtens bekannt, wonach der Erhalt der Fassaden nicht durchführbar sei; die Gründungstiefe des historischen Mauerwerks werde durch den Neubau unterschritten. Man einigte sich darauf, das Gebäude gänzlich abzubrechen und die Fassaden anschließend wieder neu zu errichten.

1968 erfolgte der vollständige Abbruch des Hauses. Die barocken Fassaden wurden in leicht veränderter Form nachgebaut, unter Verzicht auf den 1897 errichteten nördlichen Giebel. Der Balkon an der Königsstraße und einzelne Ornamente sind als Originalsubstanz in den Nachbau integriert worden. 1969/70 wurde der Neubau fertig gestellt; der Kasseler Heimtextil-Handel zog in das Erdgeschoss des Appartementhauses ein, der Aschaffenburger Geschäftsmann nutzte die Hauptfront an der Königsstraße. Die Tieferlegung des Erdgeschosses und der Verzicht auf den Sockel veränderten die Proportionen des Gebäudes nachteilig.

siehe auch

Verlorene Stadt

Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)