Rundgang 6, Station 3

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Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I)

Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel auf dem Opernplatz, vor 1883. Das Palais Waitz von Eschen (Königsstraße 33-35) wird flankiert von den Seitenflügeln des Hoftheaters (links) und des Hauses Königsstraße 37 (rechts); an der Stelle des rechten Flügels mündet seit 1897 die Theaterstraße in den Platz, an der Stelle des linken Flügels steht seit 1910 das Haus Opernstraße 2
Der Opernplatz bildete den westlichen Auftakt der 1767 begonnenen Stadterweiterung, welche die Oberneustadt mit der Kasseler Kernstadt verband. Auf der linken Platzseite erhob sich damals bereits das Opernhaus (vgl. Rundgang 3, Station 8-9), und als Gegenstück entstand ab 1772 das Haus Königsstraße 37 (vgl. Station 4). Für das mittlere Gebäude konnte Landgraf Friedrich II. seinen Staatsminister Waitz von Eschen (1698-1776) als Bauherrn gewinnen, der zu jener Zeit das große Anwesen Obere Karlsstraße 17 besaß (vgl. Rundgang 2, Station 3).

Jacob Sigismund Waitz

Jacob Sigismund Waitz war als Sohn des Gothaer Bürgermeisters Heinrich Sigismund Waitz geboren worden und hatte in Jena Theologie, Rechtswissenschaft, Mathematik und Physik studiert. In Münden war er als Advokat tätig gewesen, hatte sich währenddessen aber in Clausthal im Bergbau weitergebildet. Dort war er 1732 von Landgraf Karl als „Mathematicus“ angeworben worden. In der Folge hatte er das hessische Montanwesen modernisiert, war 1757 zum Staatsminister ernannt worden, hatte in den Wirren des Siebenjährigen Krieges die Regierungsgeschäfte geführt und seither weitere hohe Ämter erhalten. 1764 war er durch Kaiser Franz II. in den erblichen Reichsfreiherrnstand erhoben worden und führte nun den Namenszusatz Freiherr von Eschen.

Er war maßgeblich beteiligt unter anderem an der hessischen Münzreform 1763, an der Gründung des Kasseler Commerzien-Collegiums 1763 sowie an der Gründung der Brandkasse 1767. Seine Zusage, das Palais zu errichten, bereute er jedoch sehr bald: Als Friedrich II. 1773 die Landesverwaltung neu organisierte und die Kompetenzen Waitz von Eschens beschnitt, reichte dieser seinen Rücktritt ein und trat in preußische Dienste. Damit erübrigten sich auch seine Planungen, in Nebengebäuden des Palais eine Muster-Bierbrauerei einzurichten; Brauhaus, Malz- und Getreideböden standen noch im späten 19. Jahrhundert im nördlichen Hof des Gebäudes, und im Hintergebäude an der Wolfsschlucht sollte das Bier ausgeschenkt werden.

Da seine Söhne früh gestorben waren, adoptierte Waitz von Eschen 1768 seinen Schwiegersohn Johann Friedrich Hilchen zu Nauheim, Amtmann in Sontra. Dessen ältester Sohn, Friedrich Siegmund Waitz von Eschen (1745-1808), stieg zum Präsidenten des Kommerzienkollegiums (1783) und des hessischen Montanwesens (1786) auf, wurde 1796 Staatsminister und 1804 Mitglied der Althessischen Ritterschaft. Von seinem 1805 verstorbenen Bruder Karl erbte er das Gut Winterbüren, welches sich noch heute im Besitz der Familie befindet. 1795 handelte er zwischen Hessen und Frankreich den Frieden von Basel aus, und er führte die Verhandlungen, die 1803 in die Erhebung Hessens zum Kurfürstentum mündeten.

Angesichts des französischen Vorrückens entwickelte er bereits ein Konzept, wie es erst 1866 in Form des Norddeutschen Bundes durch Bismarck initiiert wurde, konnte sich damit bei Kurfürst Wilhelm I. aber nicht durchsetzen.

Bewohner des Palais

Das Palais war im Inneren in ungewöhnlicher Weise aufgeteilt, indem die Eingangshalle in zwei getrennte Treppenhäuser führte. Zu den Bewohnern des Palais zählten neben der Eigentümerfamilie im 19. Jahrhundert der preußische Gesandte von Canitz und der Reichsgerichtsrat Otto Bähr, der in Kassel durch seine Erinnerungen „Eine deutsche Stadt vor 60 Jahren“ populär wurde. Aus dem September 1813, als das napoleonische Königreich Westphalen seinem Ende entgegen ging, ist folgende Episode überliefert: Die russischen Truppen unter General Tschernitscheff hatten Stellung auf dem Forst zwischen Bettenhausen und Waldau bezogen und richteten gerade ihre Kanonen aus. Da traten die Damen des Hauses auf den Altan des Palais, um das Geschehen zu beobachten, als auf einmal ein Kanonenschuss zu hören war und eine Kugel dicht über ihre Köpfe hinweg flog.

Sofort zogen sie sich in das Gebäude zurück, und bald darauf begann die Kanonade, bei der auch zwei Kugeln in das Palais einschlugen. Nachdem die Russen Kassel besetzt hatten, meldete sich ein junger baltischer Offizier bei der Familie und erklärte, dass er den ersten Schuss abgegeben habe. Er habe durch das Fernrohr die helle Kleidung der Damen gesehen und zu ihrer Warnung jene Kugel abgefeuert.

Der Brunnen auf dem Opernplatz

In der Stützmauer vor dem Palais befand sich ein Laufbrunnen, der von der Wilhelmshöher Prinzenquelle gespeist wurde. Da die Druselleitung (vgl. Rundgang 4, Station 8) außer der historischen Kernstadt inzwischen auch die Oberneustadt mitversorgen musste, glich man 1733/34 den erhöhten Bedarf durch jene zusätzliche Leitung aus. Sie versorgte vor allem die herrschaftlichen Gebäude der Stadt, durfte auch von Staatsbediensteten genutzt werden und hatte mehrere Ausläufe im Stadtgebiet. Angesichts der geschlossenen Rohrleitung war ihre Qualität besser als die der Druselleitung, die vor der Stadt in einem offenen Graben geführt wurde. Der Brunnen auf dem Opernplatz wurde um 1900 neu gestaltet und erhielt eine Bronzefigur des Kasseler Bildhauers Heinrich Gerhardt (1823-1915), das sogenannte Entenmännchen.

Der junge Gerhardt hatte die Kasseler Kunstakademie besucht, war von Werner Henschel gefördert worden und diesem 1844 nach Rom gefolgt. Nach jahrzehntelangem Aufenthalt in der Ewigen Stadt – 1886 war er sogar zum Präsidenten des dortigen deutschen Künstlervereins gewählt worden – kehrte er in seine Heimat zurück und ließ sich 1905 ein Atelierhaus auf dem Rammelsberg errichten (das sogenannte „Mausoleum“), in dem er zugleich einige seiner Kunstwerke aufstellte. Das bronzene Entenmännchen fiel nach dem Zweiten Weltkrieg – wie vieles andere auch – Metalldieben zum Opfer; der Brunnen wurde zusammen mit der Balustrade um 1958 zerstört.

Der Opernplatz im 19. und 20. Jahrhundert

Seit 1883 steht auf dem Opernplatz ein Denkmal für den Kasseler Hofkapellmeister Louis Spohr (vgl. Rundgang 3, Station 9); seine Umgebung wurde wenige Jahre später gärtnerisch gestaltet, mit zwei Trauerweiden vor der Stützmauer.

Zwischen dem Palais und dem Seitenflügel der Kommandantur begann seit der Mitte des 19. Jahrhunderts das sogenannte „Gnadengässchen“, welches den Opernplatz mit der Wolfsschlucht verband (vgl. Rundgang 1, Station 5); im Hintergrund erkennt man das Haus Wolfsschlucht 19 (vgl. Rundgang 1, Station 7). 1897 verbreiterte man den schmalen Fußweg zur Theaterstraße (vgl. Rundgang 1, Station 6) und brach zu diesem Zweck den Seitenflügel ganz ab (vgl. Station 4). Als ab 1909 auch das Hoftheater abgebrochen und die Opernstraße angelegt wurde (vgl. Rundgang 3, Station 10), trat der Neubau Opernstraße 2 an die Stelle des Theater-Seitenflügels und erhielt im Volksmund wegen seiner Form den Spottnamen „Lokomotive“.

Die Symmetrie der einst harmonischen Platzanlage war nun vollständig zerstört. Da in der Innenstadt bereits wiederholt überdimensionale Neubauten die Maßstäbe der Oberneustadt gesprengt hatten, und da mehrfach wichtige historische Bauten geopfert oder durch Umbauten entstellt worden waren, regte sich zu jener Zeit verstärkt öffentlicher Unmut. Tatsächlich leitete drei Jahre später der neue Oberbürgermeister Erich Koch-Weser eine grundlegende Wende in der Kasseler Baupolitik ein, trieb ein Statut gegen Verunstaltung voran, das 1915 auch verabschiedet wurde, und richtete eine städtische Bauberatungsstelle ein (vgl. Rundgang 5, Station 8). Planungen der späten 20er Jahre, die Bausünden am Opernplatz zu lindern, kamen angesichts der Weltwirtschaftskrise jedoch nicht zur Ausführung.

Das Palais brannte beim Großangriff 1943 aus; das Grundstück wurde nach 1952 durch die Neue Fahrt zerteilt, und die Stadt Kassel beanspruchte den Standort des Palais für ein Parkhaus. 1955 wurde die gesamte Rampenanlage mit einer Behelfsbaracke überbaut; sie enthielt außer einem provisorischen Postamt während der Bundesgartenschau auch eine Verkaufsstelle des benachbarten Kaufhofs, solange der benachbarte Neubau des Warenhauses (vgl. Rundgang 3, Station 10) errichtet wurde. Seit 1959 steht an der Stelle der Baracke ein Modehaus.

siehe auch

Verlorene Stadt

Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)