Rundgang 6, Station 2

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Brillen Vesper, Frierichsplatz 6

Ansichtskarte: auf dem Friedrichsplatz, unter den westlichen Baumreihen zwischen Karlsstraße und Königsstraße

Das 1779 eröffnete Museum Fridericianum enthielt die Antikensammlung, naturkundliche, physikalische und mathematische Kabinette, Kupferstiche, Musikinstrumente, Münzen und Medaillen, historische Waffen und verschiedene andere Objekte; der mittelalterliche Zwehrener Turm wurde 1779/80 als Sternwarte angegliedert (vgl. Rundgang 4, Station 1). Im Obergeschoss am Friedrichsplatz befand sich ein 78m langer, über 8m hoher Bibliothekssaal. An der Bibliothek waren 1814/16-29 auch die Brüder Wilhelm und Jacob Grimm angestellt.

Vorbild für die Einrichtung dieses ersten öffentlich zugänglichen Museums auf dem europäischen Kontinent war das Britische Museum in London; das wichtigste Wissen der Zeit sollte in Form von Exponaten und wissenschaftlicher Literatur möglichst vollständig widergespiegelt werden – von der Naturgeschichte bis zur menschlichen Kulturgeschichte. Neben echten Antiken, die der Landgraf eigens in Italien erwarb, wurden daher auch Antikenabgüsse sowie Korkmodelle und Kupferstiche antiker römischer Gebäude ausgestellt. Über dem Eingang erinnern bis heute die allegorischen Figuren der Philosophie, Malerei, Baukunst, Bildhauerei, Geschichtsschreibung und Astronomie an das breite Wissensspektrum, das hier repräsentiert wurde. (Die umfangreiche Gemäldegalerie Landgraf Wilhelms VIII. war allerdings nicht im Museum, sondern in einem eigenen Galeriegebäude an der Fünffensterstraße ausgestellt, als eigenständige Institution.)

Zudem gründete Friedrich II. 1777 eine Altertumsgesellschaft, die sich vor allem der Erforschung der antiken griechischen und römischen Geschichte und Kunstgeschichte, aber auch anderer Kulturkreise widmen sollte. Bis zu seinem Tod nahm der Landgraf großen Anteil an der weiteren Ergänzung der Sammlungen und ließ sich – wie seinerzeit Landgraf Karl im Kunsthaus – auch Versuche in den naturwissenschaftlich-technischen Abteilungen vorführen. Zu den Zeiten der Kasseler Messe wurde zusätzliches Personal eingestellt, um die Fremden betreuen zu können, und zahlreiche bekannte Persönlichkeiten trugen sich im Laufe der Jahrzehnte in die Benutzerbücher des Museums ein.

Nicht nur die Institution, sondern auch die Architektur orientierte sich an modernen englischen Vorbildern; heute gilt das Museum Fridericianum als erstes rein klassizistisches Gebäude auf dem europäischen Kontinent. Die Bauaufgabe eines Museums war indessen neu und wurde durch Simon Louis du Ry geschickt gelöst. Einzelne Anregungen, etwa für den großen Bibliothekssaal, die Sternwarte und die Markierung eines Meridians im Fußboden, hatte der Baumeister zudem in Bologna gefunden. Die lange Bauzeit (von 1769 bis 1779) war auf Fundamentierungs-Probleme im Gebiet der alten Festungswerke zurückzuführen; die Keller mussten auf Pfahlgründungen errichtet werden, die mehr als 8m tief unter das Platzniveau reichten.

Veränderungen im 19. Jahrhundert

Nach der napoleonischen Besetzung Hessens 1806 wurden zahlreiche Sammlungsobjekte als Beutekunst nach Paris gebracht, um im neuen Musée Napoléon aufgestellt zu werden – darunter der Kasseler Apoll und weitere Stücke der Antikensammlung. Der Direktor der verbliebenen Sammlungen, Ludwig Völkel, konnte nur mit Mühe verhindern, dass die neuen Herren Wohnungen in das Museumsgebäude einbauten oder den großen Bibliothekssaal in einen Tanzsaal umwandelten. 1808-10 wurde das Gebäude allerdings zum Ständehaus (Parlament) des neuen Königreichs Westphalen umgebaut, wobei man unter anderem einen halbrunden Sitzungssaal anstelle des bisherigen Haupttreppenhauses anfügte. Die Ständeversammlung soll bis 1813 allerdings nur zweimal, nach anderen Angaben zwölfmal in dem Gebäude getagt haben. Im Zuge der Befreiungskriege konnten 1814/15 zahlreiche Museumsstücke in Paris ermittelt und nach Kassel zurückgebracht werden, unter entscheidender Beteiligung Jacob Grimms. Der frühere Ständesaal wurde 1828 zu einem neuen Haupttreppenhaus und weiteren Sälen umgebaut.

Einzelne Sammlungsteile verlagerte man 1879 in das Erdgeschoss der neuen Gemäldegalerie, weitere kamen 1884 in das Naturalienmuseum (Ottoneum), und 1913 wurde das Gebäude ganz zur Landesbibliothek umgewidmet; die anderen Sammlungen bezogen den Neubau des Hessischen Landesmuseums am heutigen Brüder-Grimm-Platz. 1941 brannte die Bibliothek bei einem Luftangriff aus. 1950-53 begann der Wiederaufbau, der sich auch im Inneren eng an das historische Vorbild anlehnte, angesichts einer bevorstehenden Neuordnung der Kasseler Bibliotheken jedoch gestoppt wurde. So wurde der Rohbau 1955 zum Ausstellungsort der ersten documenta, und 1957 erfolgte die Zusammenführung der Landesbibliothek mit der städtischen Murhardbibliothek in deren Gebäude. Ein neues, hohes Dach, das um 1950 als Magazingeschoss der Bibliothek vorgesehen war, beeinträchtigt heute die Wirkung des Museumsgebäudes. Ein begonnener Ausbau des Museum Fridericianum für die astronomischen und technischen Sammlungen sollte Ende der 1970er Jahre an die ursprüngliche Nutzung anknüpften und führte zu einer vollständigen Entkernung, kam dann aber nicht mehr zum Abschluss. Seither wird das Gebäude zwischen den documenta-Jahren als Kunsthalle für wechselnde Ausstellungen genutzt.

Der Friedrichsplatz ab 1807

Der Friedrichsplatz verlor im 19. und 20. Jahrhundert seinen ursprünglichen, einzigartigen Charakter. Die französische Fremdherrschaft beseitigte 1807 die Rasenflächen, um einen Ersatz für den aufgegebenen und zerstörten Paradeplatz vor dem Schloss zu gewinnen. Zumindest das abgebaute Standbild Friedrichs II. konnte 1818 wieder aufgestellt werden, nun mit anderer Blickrichtung und neuem Sockel. In den 1820er Jahren wurden die vermeintlichen Lücken beiderseits des Museums geschlossen (vgl. Station 5 und 9), und 1907-09 entstand auf der offenen Ostseite ein Neubau des Hoftheaters (zur Vorgeschichte vgl. Rundgang 3, Station 9-10). Im Ergebnis führten diese Veränderungen dazu, dass die Randbebauung entgegen der ursprünglichen Intention echte Platzwände bildete und für die Größe des Platzes zu niedrig wirkte; zu den prominentesten Kritikern gehörte 1875 der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt. Gleichwohl bot der Friedrichsplatz noch immer ein geschlossenes Gesamtbild, bis er nach dem Zweiten Weltkrieg zerteilt und das Museum Fridericianum seiner symmetrischen Umfassung beraubt wurde. Das Denkmal steht seither am Platzrand.

siehe auch

Verlorene Stadt

Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)