Rundgang 6, Station 10

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Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)

Der Bau der Oberneustadt begann 1688 mit der Anlage der Frankfurter Straße, und am 28. Juni desselben Jahres legte Landgraf Karl persönlich den Grundstein zur neuen Stadt. Am rechten vorderen Eckhaus (Friedrichsplatz 12) erinnerte bis 1943 eine Inschrift an dieses Ereignis.

Die Gründung der Oberneustadt

Blick vom Friedrichsplatz in die Frankfurter Straße. In der Häuserfront erkennt man das Hauptportal der Oberneustädter Kirche, im Hintergrund links das Türmchen des Elisabethkrankenhauses

Den Anstoß für die Gründung der Oberneustadt hatte die Aufnahme der Hugenotten in Hessen gegeben – französische Reformierte, die ab 1685 wegen ihres Glaubens aus ihrer Heimat fliehen mussten. In Hessen erhoffte man sich von ihnen eine Modernisierung der Wirtschaft, welche noch immer unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges litt; man setzte auf die Einführung neuer französischer Handwerkstechniken und Maschinen sowie auf die Gründung von Manufakturen.

Für Kassel beabsichtigte Karl zunächst, eine neue Vorstadt für Manufakturen auf dem Forst zu gründen (zwischen Bettenhausen und Waldau), samt einer Kanal-Anbindung zur Fulda. Vorbilder dafür hatte er 1685 in den Niederlanden kennengelernt, als er Wilhelm III. von Oranien besucht hatte. Wegen der Überschwemmungsgefahr, des wertvollen Weidelands und strategischer Überlegungen nahm er von diesem Plan jedoch wieder Abstand und forderte seine Baumeister zu einem Ideenwettbewerb auf. Schließlich fiel die Entscheidung zugunsten des Kleinen Weinberg vor dem alten Zwehrener Tor. Das Gelände war teilweise bereits fürstlicher Besitz gewesen und gewährleistete eine gute Anbindung an die Kernstadt. Geplant war ein Straßenkreuz mit vier Häuserblöcken und kostengünstigen, schmalen Reihenhäusern.

Mit Gründung der französischen Kolonien in Kassel und im nördlichen Hessen vertraute man dem Festungsbaumeister Paul du Ry das neue „Französische Bauwesen“ an; es war der „Französischen Kanzlei“ zugeordnet, unter der Oberleitung des „Französischen Sekretärs“ Robert. Du Ry war selbst Hugenotte und bereits 1684 aus den Niederlanden an Landgraf Karl vermittelt worden. Seine Aufgabe beschränkte sich allerdings auf die Bauleitung, und die Fachwerkhäuser in den ländlichen Kolonien wurden nach Entwürfen einheimischer Zimmerleute errichtet.

Wer die Entwürfe für die Oberneustadt erstellte, lässt sich nicht mehr ermitteln, aber die Konzeption dürfte ganz wesentlich vom Landgrafen mitbestimmt worden sein. Nach niederländischem Vorbild errichtete man die Häuser zeit- und kostensparend aus Backstein, anschließend wurden sie weiß verputzt. Einige Einzelheiten waren farbig abgesetzt, wie die Umrahmungen der Türen und Fenster.

Dem ursprünglichen Plan folgen in der Photographie das siebte und achte Haus von rechts, Frankfurter Straße 10 und 12. Du Ry wandelte das vorgesehene Konzept allerdings eigenmächtig ab und führte zusätzlich breitere, zweigeschossige Häuser mit Mansarddach und einem mittleren Giebelaufbau ein (vgl. Rundgang 3, Station 1). Damit entsprach er vermutlich einem Bedürfnis mancher Bauwilliger, denn in den breiten Häusern konnten nun auch Torwege zu den Höfen angelegt werden, was eine gewerbliche Nutzung erleichterte. Die meisten abgebildeten Bauten sind im Laufe der Zeit allerdings aufgestockt und verändert worden. Die höhere Portalfassade der Oberneustädter Kirche hob sich in der Anfangszeit also deutlich aus der übrigen Straßenfront ab.

Langsamer Baufortschritt

Der Baufortschritt der ersten Häuser kam nur langsam voran; 1690 standen erst drei Dreifensterhäuser auf der linken Straßenseite (Nr. 9-13) sowie die beiden Dreifensterhäuser Nr. 10 und 12, beinahe vollendet war das Fünffensterhaus Nr. 4 (drittes Haus von rechts). Bei einzelnen weiteren Häusern, darunter dem rechten vorderen Eckhaus, war die Baugrube ausgehoben, bei einigen wenigen auch schon der Keller begonnen oder (wie beim linken vorderen Eckhaus) bereits gewölbt.

Du Ry verweigerte zudem die Kooperation mit der landgräflichen Baudirektion, und ihm waren Baufehler unterlaufen. Da viele Hugenotten lieber in der Kernstadt ansässig blieben, wo sie bessere Geschäftsbedingungen vorfanden, dienten ab 1690 Privilegien zur Förderung des Zuzugs: Grundstücke aus landgräflichem Besitz wurden kostenlos abgegeben, desgleichen alle Baumaterialien und Fuhren. Befristete Abgabenfreiheit wurde gewährt, und wer die Baukosten in voller Höhe übernahm, konnte ab einer bestimmten Bausumme sogar ewige Freiheit erlangen. Zoll- und Akzisegelder wurden nicht erhoben, mit Ausnahme der Gastwirte; ihre Abgaben sollten dem Straßenbau zugutekommen. Zudem war man schlesische Weber und Spinner an sowie reformierte Pfälzer, die unter der neuen katholischen Herrschaft die Auswanderung vorzogen; als Bauherren der beiden Fünffensterhäuser Nr. 2 und 4 sind tatsächlich zwei Mannheimer überliefert, das Nachbarhaus Nr. 6 ließ ein Melsunger Bürger errichten.

Als 1692-94 die eingesetzten Militärpferde eingezogen werden mussten, bedeutete dies sogar eine Unterbrechung der Arbeiten. 1698 legte der Landgraf den Grundstein zur Kirche (vgl. Rundgang 2, Station 6), und 1699 richtete man einen Baufond ein, um jährlich ein bis zwei Häuser zu bauen und sie dann zu verkaufen. Außerdem ließ Landgraf Karl ab 1703 ein eigenes Palais an der Frankfurter Straße errichteten, und mehrere hessische Würdenträger folgten an der Schönen Aussicht seinem Beispiel (vgl. Station 8); die Entwürfe lieferten vermutlich die beiden Hofbaumeister Wessel und Giesler. Zunehmend lernte man die Oberneustadt auch als ruhiges, modernes Wohngebiet schätzen.

Der Bau eines Observatoriums (heute Palais Bellevue) gab um 1714 den Anstoß für eine Erweiterung bis zur Friedrichsstraße sowie bis zur Königsstraße, die bald auch beidseitig bebaut wurde. Um 1740 war die neue Stadt bis auf wenige verbliebene Lücken vollendet. Zwischen der Oberneustadt und den nahen Festungswerken der alten Kernstadt legte man eine Esplanade mit regelmäßigen Baumreihen an, die nach 1767 zum heutigen Friedrichsplatz erweitert wurde.

Das moderne, schlichte Stadtbild stand in völligem Gegensatz zur lebhaften Fachwerkbauweise der alten Kasseler Kernstadt. Dort wurden die neuen Bauformen nur zögerlich aufgegriffen, aber spätestens Landgraf Friedrich II. (ab 1760) trieb eine Vereinheitlichung des gesamten Stadtbildes voran: Die Oberneustadt diente als Vorbild für Neubauten, und allmählich verschwand auch das alte Fachwerk unter Putz. Wenn im 18. und 19. Jahrhundert aber die besondere Schönheit Kassels gerühmt wurde, so bezog sich dies in der Regel auf die geraden und einheitlichen Straßen der Oberneustadt und auf ihre einzigartige Lage oberhalb der Aue, mit einem kilometerweiten Fernblick auf Kaufunger Wald und Söhrewald (vgl. Station 7 und 8).

Friedrichsplatz 12 und die Manufakturisten-Familie Landré

Auch einzelne Manufakturisten hatten sich in der Oberneustadt niedergelassen, und besonders die von den Hugenotten eingeführten Strumpfwirkstühle erwiesen sich als voller Erfolg. Der Aufstieg der Woll- und Hutfabrik der Familie Landré kann anhand der Gebäude gut nachvollzogen werden: Um 1710 gehörte das rechte vordere Eckhaus Friedrichsplatz 12 / Frankfurter Straße Daniel Landré jun., das angrenzende Nachbarhaus (Friedrichsplatz 11) seinem gleichnamigen Vater. Nach 1714 ließen die Landrés einen großen Gebäudekomplex an der Ecke Karlsplatz / Karlsstraße erbauen (vgl. Rundgang 2, Station 5), und um 1736/37 folgte das große Gebäude Königsstraße 29 (vgl. Rundgang 3, Station 7). Im Jahre 1760 beschäftigte die Manufaktur der Familie Landré immerhin 649 Personen.

siehe auch

Verlorene Stadt

Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)