Rundgang 6, Station 1

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Café Nenninger, Friedrichsplatz 8

Der Friedrichsplatz wurde 1767 als Verbindung zwischen der Kasseler Kernstadt und der 1688 gegründeten Oberneustadt konzipiert und zählte bald zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Kassels.

Zuvor war die Kernstadt von mächtigen Festungswerken des 16. und 17. Jahrhunderts umgeben gewesen, die der verbesserten Kriegstechnik inzwischen jedoch nicht mehr gewachsen waren; so war Kassel im Siebenjährigen Krieg (1756-63) mehrmals kampflos übergeben worden. 1761/62 drohten die französischen Besatzer Kassels sogar damit, die Stadt von den Wällen aus in Schutt und Asche zu schießen, wenn sie von den alliierten Belagerern angegriffen würden; in der Oberneustadt hatten sie bereits dürres Reisig verteilt, um die Häuser schnell in Brand setzen zu können.

So ließ Landgraf Friedrich II. die Festungswerke ab 1767 ersatzlos abtragen. Als Verbindung zwischen der historischen Kernstadt und der modernen Oberneustadt entwarf Hofbaumeister Simon Louis du Ry zwei große Platzanlagen nach Pariser Vorbild: Königsplatz und Friedrichsplatz. Auf diese Weise konnte zwischen den unterschiedlichen Richtungen der Straßen, den gegensätzlichen Charakteren der Bebauung und den Höhenunterschieden beider Städte am geschicktesten vermittelt werden, und der schlechte Baugrund an der Stelle der alten Gräben und Wälle ließ sich größtenteils umgehen. Der Friedrichsplatz öffnete zudem die Sicht von der Königsstraße in die Landschaft des Kasseler Beckens (vgl. Station 7 und 8).

Die großen Dimensionen des Friedrichsplatzes, die sich daraus ergaben, standen jedoch in keinem Verhältnis zu den zwei- bis dreigeschossigen Häusern der Oberneustadt. Da der Platz als echter Stadtplatz somit nicht zu bewältigen war, wurde er als großes Gartenparterre konzipiert; Baumreihen bildeten die eigentlichen Platzwände und schufen schattige Promenaden. Als Bezugspunkt diente kein Schloss, sondern das Museum Fridericianum – kein Herrschaftsbau, sondern ein öffentlich zugänglicher Bildungstempel (vgl. Station 2).

In größerem Abstand rahmten zwei Gebäude das Museum ein: das Palais des Staatsministers von Jungken an der Königsstraße (Station 5) und das „Geistliche Haus“ mit der katholischen Privatkirche des Fürsten (Station 9). An der Ostseite reichte der Blick bis zu den Höhenzügen des Kaufunger Waldes und der Söhre (Station 7) und der Platz ging in die angrenzende Karlsaue über.

Denkmal Landgraf Friedrichs II.

Da große Plätze in ihrer Mitte einen Anziehungspunkt brauchen, um angenommen und genutzt zu werden, hatte du Ry dort ein Denkmal vorgesehen. 1771 stifteten die hessischen Landstände eine Statue Landgraf Friedrichs II., mit deren Ausführung der Hofbildhauer Johann August Nahl d. Ä. (vgl. Station 6) beauftragt wurde. (Die Landstände vertraten die Ritterschaft, die Städte und die lehnsabhängigen Grafen sowie bestimmte Institutionen aus Hessen gegenüber dem Landesherrn und traten zu sog. Landtagen zusammen; ihre Zustimmung war z. B. für Steuererhebungen erforderlich.)

Der italienische Carrara-Marmor wurde 1778 auf dem Postament aufgestellt, und ein umgebender Bretterverschlag diente als Werkstatt. Prominester Besucher war 1779 Johann Wolfgang von Goethe. Nahl litt zunehmend jedoch unter heftigen Gichtschmerzen und ließ sich in einer Sänfte zum Gerüst tragen; 1780/81 arbeitete schließlich sein Sohn Samuel gemeinsam mit weiteren Künstlern unter Anleitung des Vaters, und nach dessen Tod stellte er die Statue 1781-83 selbständig fertig.

Der Sockel war mit grünlichem Marmor verkleidet. Für die Inschrift wählte man einen kurzen Text des Professors Hassenkamp aus Rinteln, der die Schenkung prägnant zum Ausdruck brachte: „Friderico II. Patria MDCCLXXXIII“, auf Deutsch: Friedrich dem Zweiten, das Vaterland, 1783. Die Einweihung erfolgte in Abwesenheit des solchermaßen geehrten Landgrafen, der sich taktvoll nach Haydau zurückgezogen hatte.

Gebäude im Hintergrund

Auf der historischen Ansicht erkennt man von links nach rechts:

  • die Spitze des Druselturms (vgl. Rundgang 3, Station 8),
  • davor die Rückseite des Gebäudes Königsplatz 34,
  • die Martinskirche mit ihrem damals einzigen Südturm (vgl. Rundgang 3, Station 9, Rundgang 4, Station 1),
  • die Garnisonkirche (vgl. Rundgang 3, Station 6),
  • das Museum Fridericianum mit dem Zwehrener Turm (vgl. Rundgang 3, Station 1),
  • das Kunsthaus (Ottoneum) mit den Aufbauten für die Sternwarten sowie
  • ganz rechts das Geistliche Haus (Station 9).

Das Kunsthaus

Das Kunsthaus war um 1696 durch den Umbau des Ottoneums entstanden, eines 1603-06 errichteten Theatergebäudes. Es war zur Aufnahme der landgräflichen Kunst- und Wunderkammer aus dem Obergeschoss des Marstalls bestimmt und diente seit 1709 als Sitz des Collegium Carolinum, einer neugegründeten Lehranstalt mit technischem Schwerpunkt; die ausgestellten naturwissenschaftlichen und technischen Sammlungen konnten unmittelbar als Anschauungsobjekte für den Unterricht und für wissenschaftliche Versuche verwendet werden. Die Kuppel enthielt im unteren Teil einen Anatomiesaal, im oberen eine Sternwarte, die durch ein kleines Treppentürmchen zugänglich war. Der Giebel der neuen Rückfront sollte anscheinend über die Festungswälle hinweg sichtbar sein; möglicherweise stellte sich die erhoffte Fernwirkung aber nicht ein, so dass auf den geplanten Skuplturenschmuck verzichtet wurde.

Unter Landgraf Friedrich II. wurden die Sammlungen erweitert und 1779 im neuen Museum Fridericianum aufgestellt; die Sternwarte verlegte er auf den Zwehrener Turm. Außerdem Collegium Carolinum wurden im Kunsthaus Wohnungen für ausländische Studenten und ein Kadettenhaus zur Offiziersausbildung eingerichtet. Wilhelm IX. schloss nach seinem Regierungsantritt das Collegium Carolinum und versetzte die meisten Professoren nach Marburg; das Kadettenhaus ergänzte er um die Ausbildung der Pagen und um eine Kriegsschule. Seit der westphälischen Zeit gab es wechselnde Nutzungen, und 1884 nahm das Gebäude die naturkundlichen Sammlungen des Museum Fridericianum auf. Die Aufbauten für die Sternwarte wurden im frühen 19. Jahrhundert entfernt, der Unterbau mit dem Anatomiesaal 1943 zerstört.

Das Stockhaus

Die Ansicht von 1789 enthält die einzige bekannte Darstellung des Kasseler Stockhauses. Dieses Gefängnis, in dem die sogenannten Eisengefangenen inhaftiert waren, erkennt man am Knick der Unteren Karlsstraße (mit Dreiecksgiebel, vor der Garnisonkirche). Die Insassen stammten aus ganz Hessen. Die Gefangenen der ersten Klasse (die den Verlust der Ehre bedeutete) trugen besonders schwere angeschmiedete Beineisen, hatten im Stockhaus Arbeiten wie das Raspeln von Holz zu verrichten, außerhalb reinigten sie unter Bewachung die Straßen und (vor 1767) die Festungsgräben, ebenso die Kloaken der Militärgebäude und Gefängnisse.

Die Gefangenen der zweiten, „ehrlichen“ Klasse hatten Hilfsarbeiten für Handwerker, beim Wasserbau und in der Karlsaue zu verrichten und wurden bis 1767 auch für Arbeiten an den Festungswerken eingesetzt. 1786 führte man für leichte Vergehen eine weitere Klasse ohne Beineisen ein, und ab 1817 bestanden drei Klassen mit und eine vierte ohne Eisen. Unter Landgraf Wilhelm IX. wurden die Eisengefangenen nach 1789 nach Art der französischen Revolutionäre gekleidet.

Das Stockhaus war um 1747-49 an der Innenseite des Festungswalls errichtet worden; nach dessen Abtragung kam die fensterlose Rückfront genau im Blick von Friedrichs- und Königsplatz zu stehen und erhielt deshalb aufgemalte Fenster und jenen Giebel. Die Einrichtung erregte jedoch – nicht nur wegen der dortigen Exekutionen – Anstoß bei den Nachbarn, und in den 1820er Jahren galt sie auch wegen der neuen Nachbarschaft des Residenzpalais am Friedrichsplatz (Station 5) und des Regierungsgebäudes am Königsplatz (Nr. 32-34) als unpassend. Daher verlegte man 1823 die erste Klasse nach Ziegenhain (wo die Strafanstalt noch heute besteht); die übrigen Klassen kamen in das bisherige „Spinnhaus“ am Unterneustädter Mühlenplatz, welches zuvor nur weibliche Gefangene aufgenommen hatte. Das Gebäude wurde auf Abbruch verkauft und durch Wohnhäuser ersetzt.

siehe auch

Video: Das Café Nenninger fertigt Pralinen

Verlorene Stadt

Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)