Rundgang 4, Station 10

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Rundgang 1: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Wilhelmsstraße | Station 2: Engelsburg | Station 3: Wolfsschlucht 5-11 | Station 4: Opernstraße 15 | Station 5: Gnadengässchen | Station 6: Theaterstraße | Station 7: Wolfsschlucht 19-21 | Station 8: Theaterstraße 4 und 2 | Station 9: Blick auf das Friedrichsgymnasium | Station 10: Wolfsschlucht / Kölnische Straße
Rundgang 2: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 11: Obere Karlsstraße 32 | Station 12: Obere Karlsstraße 26-28 | Station 13: Obere Karlsstraße bis Friedrichsplatz | Station 14: Obere Karlsstraße bis Weinbergstraße | Station 15: Hercules Bierbrauerei | Station 16: Karlskirche | Station 17: Wilhelmsstraße 15 | Station 18: Stadtpark | Station 19: Garde-du-Corps-Straße | Station 20: Garde-du-Corps-Platz
Rundgang 3: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Karl Bernhardi Straße | Station 2: Dock 4 auf der Seite Oberste Gasse | Station 3: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 1 | Station 4: Porzellanhaus Hornschu in der Obersten Gasse 5 - Teil 2 | Station 5: Fingerz Kleidung & Accessoires Entenanger 2 | Station 6: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 1 | Station 7: Jugendbücherei Oberste Gasse 24 - Teil 2 | Station 8: Hochzeitsatelier Oberste Gasse 30 | Station 9: Druselplatz 3 | Station 10: Reformhaus Kräuterhilde Martinsplatz 1
Rundgang 4: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Martinsplatz | Station 2: Martinsplatz nach dem Abbruch des Tuchhauses | Station 3: Das Säulenportal am Martinsplatz | Station 4: Mittelgasse | Station 5: Das Grimmsche Märchenhaus | Station 6: Barockhaus von Oberst Georg du Mont | Station 7: Der Freiheiter Durchbruch | Station 8: Laubengänge am Freiheiter Durchbruch | Station 9: Kassels erste Fußgängerzone | Station 10: Der untere Abschnitt der Marktgasse
Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)
Rundgang 7: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Haus Königsstraße 45 | Station 2: Lyceum Fridericianum, Am Friedrichsplatz 19-20 | Station 3: Das Palais der Landgrafen von Hessen Rotenburg um 1910 | Station 4: Der Königsplatz nach Nordosten 1820, ehem. Kaskade | Station 5: Brühlsches Haus um 1890 | Station 6: Obere Königsstraße und Kölnische Straße, um 1898–1905 | Station 7: Königsplatz 34 und Königsstraße 32, um 1905–1911 | Station 8: Die Baugruppe Nr. 38–46, um 1888–1890 | Station 9: Die Baugruppe Königsplatz 57–59, vor 1898 | Station 10: Das Posthaus am Königsplatz vor 1878



Station 10: Reformhaus Kräuterhilde Martinsplatz 1

Das zweite Haus von links, Oberste Gasse 61, zählte zu den wenigen Häusern der alten Kernstadt, die sich durch eine steinerne Fassade auszeichneten (vgl. auch Oberste Gasse 47, Station 7). Es war um 1622/1623 errichtet worden, für den Ratsherrn Michael Vogel.
Blick auf die Westseite der Obersten Gasse zwischen Druselplatz und Hedwigstraße, in den 1920er-Jahren. Das Haus mit der steinernen Fassade und dem großen Giebel ist Oberste Gasse Nr. 61, zwei Häuser weiter erkennt man die Einmündung der Hedwigstraße. An der Stelle von Nr. 59 (links angeschnitten) und Nr. 61 befindet sich heute ein privater Parkplatz.
Dieser hatte um 1605 zunächst das (später geteilte) Haus Töpfenmarkt 11-13 besessen, es dann mit der Witwe Weiss gegen Judenbrunnen 5 eingetauscht, bis er schließlich ein Gebäude an der Obersten Gasse erwarb und durch jenen Neubau ersetzen ließ.

Auch wenn sonst nur wenig über Vogel bekannt ist, legen seine Wohnorte und seine Funktion die Vermutung nahe, dass er als Kaufmann tätig war. Weitere Eigentümer waren um 1701 Oberst Steinfeld und später die Witwe des 1719 verstorbenen Geheimen Kriegsrats Freiherr von Görtz; als eine geborene von Wallenstein war sie zugleich Alleinerbin dieses Geschlechts.

Das Testament der kinderlosen Freifrau verursachte nach ihrem Tod 1762 erhebliche Verwicklungen: 1763 wurde in jenem Haus in der Obersten Gasse sogar ihr Nachlassverwalter, der Reichsgraf von Wartensleben verhaftet, was nicht nur großes Aufsehen erregte, sondern auch diplomatische Verstimmungen zwischen den Generalstaaten der Vereinigten Niederlande und der Landgrafschaft Hessen nach sich zog – immerhin stand der Graf als bevollmächtigter Minister und Gesandter in niederländischen Diensten. Es würde zu weit führen, auf die zwei unterschiedlichen Fassungen des Testaments, auf ein offensichtliches Taktieren der Erblasserin und ihres Nachlassverwalters sowie auf diverse nachträglich hinzugefügte Bestimmungen einzugehen, die den Argwohn der hessischen Regierung erweckt und den Vorwurf der Untreue und Urkundefälschung begründet hatten. Im Kern ging es darum, ob das beträchtliche Erbe der Witwe dem Lande zugute käme oder nicht. Die Freifrau von Görtz, die vor ihrem Tode noch mit der Landgrafschaft Hessen gebrochen hatte und nach Frankfurt gezogen war, hatte verfügt, damit ein adliges Fräuleinstift zu begründen; der Streit drehte sich nun darum, ob das Stift in Homberg oder außerhalb Hessens eingerichtet würde. Verdacht erregte auch der Umstand, dass ausgerechnet mehrere Familienangehörige des Grafen von Wartensleben die ersten Begünstigten sein sollten, und Gerüchte besagten, dass bereits Wertgegenstände beiseite geschafft worden seien. Erst nach zehn Monaten gelang es, die Verstimmungen zwischen Hessen und den Generalstaaten wegen der Verhaftung beizulegen. Von Wartensleben, der schon nach neun Tagen wieder aus dem Arrest entlassen worden war, bat 1765 um Entbindung von seinen Pflichten als Nachlassverwalter, und der Kaiser beauftragte damit den Fürsten Karl von Usingen. Das Wallensteinsche Stift wurde erst 1783, fünf Jahre nach dem Tod des Grafen, im Homberger Burgsitz der Mutter der Verstorbenen gegründet, wie es in der ersten Fassung des Testaments geschrieben stand; und auch eine direkte Unterstellung des Stifts unter den deutschen König scheiterte. Die Stiftungs-Angelegenheit war damit im hessischen Sinne ausgegangen. 1830 wurde das Stift schließlich nach Fulda verlegt, ging 1992 in der Althessischen Ritterschaft auf und wurde in der Folge aufgelöst. Das Görtzsche Haus in der Obersten Gasse wurde 1790 vom Sattlermeister Simon Seippell erworben, 1828 vom Bierbrauer Ernst Ludwig Schulz, der hier einen Gasthof einrichtete. 1870 kam das Haus in den Besitz des Bierbrauers Heinrich Eissengarthen, der aus einer alten Kasseler Bierbrauerfamilie stammte. 1897 ging es an die neugegründete Herkulesbrauerei über, 1911 an den Kaufmann Friedrich Chartier, dem bereits der rückseitig angrenzende Gebäudekomplex an der Königsstraße / Hedwigstraße gehörte. Der Gasthof „Zur Börse“, später „Landgraf Philipp“, war besonders zwischen den Weltkriegen als Vereinslokal für Sänger und Kleintierzüchter beliebt.

Das Gebäude wurde beim Großangriff 1943 zerstört, die massiven kreuzgewölbten Keller sind jedoch noch heute erhalten. Eine Anzahl von Weinflaschen befindet sich unter den Beständen des Stadtmuseums. Links daneben, im Haus Oberste Gasse 59, erkennt man das Fischgeschäft Ehlers und den Kurzwarenladen von Ludwig Welsbacher („Barmer Band-Lager“), rechts daneben, im Haus Oberste Gasse 63, das Lebensmittelgeschäft Kratzenberg.

siehe auch