Rotunde

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Rotunde in Münden Wappen: An der Rotunde prangt das farbenprächtige Wappen des Welfenherzogs.FOTO: GRUGEL

Hann. Münden - Die Rotunde

Oberes Tor machte die größten Wandlungen durch

Alle größeren Städte waren im Mittelalter von einem Mauerring umgeben, der in einigermaßen regelmäßigen Abständen mit Türmen besetzt war. Der Ring hatte eine doppelte Funktion. Als Befestigungseinrichtung diente er der Verteidigung der Stadt. Außerdem umgrenzte er den Bereich der stadtbürgerlichen Freiheit. Außerhalb der Stadt galt anderes Recht.

Von der Mündener Stadtmauer ist nicht mehr allzu viel erhalten geblieben. Das Kriegsministerium in Hannover überließ sie 1836, als ihr militärischer Zweck längst durch die modernen großkalibrigen Feuerwaffen hinfällig geworden war, wieder der alleinigen Verfügungsgewalt des Magistrats, der umgehend mit ihrer Niederlegung begann, um nicht mehr Kosten für ihre völlig zwecklose Erhaltung aufwenden zu müssen.

Abgesehen von einigen spärlichen Resten sind heute längere Abschnitte der ehemaligen Stadtmauer nur noch am Dielengraben und an der Wanfrieder Schlagd oberhalb des Nadelwehrs in der Werra sowie am Natermannplatz (früher Wasserwall) und südlich anschließend an den Neubau des Herzogin-Elisabeth-Stifts am Wall vorhanden. Aber auch sie vermitteln nur einen unvollständigen Eindruck. Denn die von Schießscharten unterbrochene Bekrönung und der Laufgang für die Verteidiger mit dem ziegelgedeckten Dach darüber sind durchweg verschwunden. Demgegenüber haben die meisten Türme die Zeiten überdauert, wenngleich sie auch mancherlei Veränderungen unterworfen worden sind. Abgesehen vom Pulverturm in Höhe der St.Ägidienkirche, dem Siebenturm am Ende der Siebenturmstraße und dem Mühlentor am Ende der Mühlenstraße mit dem Turm darüber, die gänzlich verschwunden sind, hat das obere Tor im Laufe der Jahrhunderte die größten Wandlungen durchgemacht. Von der einst mächtigen Tor- und Verteidigungsanlage ist nur noch die Rotunde übrig geblieben. Sie wurde, nachdem sie sich jahrzehntelang praktisch als Ruine hatte präsentieren müssen, in den Jahren 1985/86 restauriert. Dabei erhielt sie ein schiefergedecktes Dach.

Urkundlich erscheint das Obere Tor erstmals 1318. Reichlich 80 Jahre später ist seit 1400 in den Kämmereirechnungen mehrfach von einem neuen Tor die Rede, vor dem sich ein Haus befand. Es muss sich also um das obere Tor handeln, denn die Stadt hatte nur zwei Tore und vor dem anderen Tor zur steinernen Werrabrücke am unteren Ende der Langen Straße kann kein einzelnes Haus gestanden haben. Offenbar war das obere Tor inzwischen zu einer Doppeltoranlage erweitert worden, denn es werden zwei Torbögen (valva) und ein Steinweg im Tor erwähnt. Dass im übrigen Kosten für die Reinigung eines Wassergrabens anfielen, lässt darauf schließen, dass sich innerhalb der Toranlage eine Zugbrücke befand. Das Aufkommen der Feuerwaffen seit dem späteren 14. Jahrhundert führte zu einem grundlegenden Wandel in der Verteidigungstechnik. Die Bekämpfung eines angreifenden Feindes durch Bogenschützen und Wurfgeschosse von der Höhe der Türme wurde aufgegeben. Der Standort der jetzt mit Gewehren ausgerüsteten Verteidiger wurde nach unten auf die Mauerkrone verlegt, während die Geschütze auf so genannten Bollwerken platziert wurden, die aus dem Mauerring hervorsprangen. Von dort konnten Angreifer auch seitlich unter Feuer genommen werden. Diese Veränderungen in der Verteidigungstechnik wirkten sich auch auf die Befestigungen der Stadt Münden aus. Auf Veranlassung von Herzog Erich I. begann der Rat der Stadt 1500 mit einer sehr weit gehenden Umgestaltung des Oberen Tores. Die Kämmereirechnungen weisen zunächst Ausgaben für Bauholz aus. 1501 wurden behauene Steine herangeführt und 7000 Dachziegel bezogen, die allerdings zum Teil für eine Apsis der St.Blasiuskirche bestimmt waren. Kosten entstanden auch für den Wall und den Graben und nicht zuletzt für die Pflasterung des Steinweges im Tor. Im Laufe der mehrjährigen Bauzeit, die in ihren letzten Ausläufern bis zum Jahr 1546 reichte, entstand eine ausgedehnte, weit vorgeschobene Verteidigungsanlage.

Ein 1637 anscheinend von Militärpersonen begonnener, aber nicht vollendeter Stadtplan, der offenbar im Zusammenhang mit nie realisierten Planungen zum Ausbau der Stadt zu einer Festung entstand, zeigt den damaligen Grundriss des Oberen Tores. Es bestand danach aus einer mächtigen Rotunde und einem etwas westlich davon gelegenen schlankeren Turm. Dazwischen war das eigentliche Torgebäude eingesetzt. Vom alten Tor verliefen zwei Mauern zur Rotunde und zum Turm. Davor setzten sich die Befestigungen zu beiden Seiten der Straße fort auf der rechten Seite wahrscheinlich als Palisadenzaun, auf der linken dagegen wieder als Mauer - bis zu einem etwa 25 Meter entfernten Durchlass. Der auf dem Grundriss sehr breit dargestellte Wassergraben gibt hingegen möglicherweise eine 1637 geplante Verbreiterung wieder. In dieser Gestalt dürfte das Obere Tor mehr oder weniger unverändert bis in die Mitte der 1770er Jahre bestanden haben, als wegen des Chausseebaus der Torbau zwischen den Türmen und wohl auch alle Befestigungen davor niedergelegt wurden. Der schlankere Turm wurde 1847 abgebrochen.

Von Dr. Johann D. von Pezold

siehe auch