Rotes Palais

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Das Rote Palais entstand im Jahre 1821 als Stadtresidenz des Landgrafen im nordhessischen Kassel. Das Palais lag direkt am Friedrichsplatz.
Historisches Foto: links neben der Landgraf-Friedrich-Statue - das "Rote Palais"

Heute gehört der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Nachfolgebau (mit dem vorgesetzten Portikus des ehemaligen Palais) zum Modekaufhaus SinnLeffers.

Geschichte

Aus der Geschichte des Roten Palais

Da das alte Stadtschloss an der Fulda 1811 während der Zeit des Königreichs Westphalen abgebrannt war, musste die kurfürstliche Familie nach ihrer Rückkehr 1813 auf verschiedene Provisorien zurückgreifen. Deshalb überließen die Landstände das ehemalige Palais von Jungken am Friedrichsplatz im Jahre 1814 dem Kurprinzen Wilhelm, der erste Um- und Anbauten in Auftrag gab und es nach seinem Regierungsantritt 1821 zum „Residenzpalais“ erweiterte. Den großen, von seinem Vater begonnenen Schlossneubau an der Stelle des abgebrannten Stammsitzes ließ Wilhelm dagegen als Bauruine liegen; dieser „Chattenburg“ genannte Palast wäre viermal so groß wie das alte Schloss geworden. Das neue Residenzpalais, zwischen den Bürgerhäusern der Oberneustadt gelegen, nahm sich dagegen geradezu bescheiden aus.

Der wiedererrichtete Portikus des ehemaligen Roten Palais am Friedrichsplatz (heute: Sinn-Leffers).

Als Kurfürst Wilhelm II. 1831 Kassel verlassen und die Regierungsgeschäfte seinem Sohn übergeben hatte, überließ er diesem jedoch nur das Weiße Palais. Das noch nicht ganz vollendete Rote Palais blieb ungenutzt liegen. Gleichwohl erschien es den Zeitgenossen bedeutend genug, um sein Interieur selbst in unfertigem Zustand ausführlich in Reiseführern zu würdigen. Erst nach dem Tod Wilhelms II. konnte Friedrich Wilhelm I. über alle Gebäude verfügen und ließ die Ausstattung des Roten Palais nach den ursprünglichen Plänen und mit den bereits angeschafften und eingelagerten Stoffen und Möbeln vollenden.

Das ältere „Weiße Palais“ enthielt die privaten Wohn- und Arbeitsräume sowie einzelne Audienzräume; Höhepunkt war ein 1816-21 angebauter, über 9 m hoher Tanzsaal.

Das angrenzende, 1821 begonnene „Rote Palais“ mit Fassaden aus rotem und gelblichem Sandstein nahm die prächtigen staatlichen Empfangs- und Festsäle auf. Hier wurden nach der Regierungsübernahme Wilhelms II. im Jahr 1821 nach den Plänen von Johann Conrad Bromeis weitere Repräsentationsräume errichtet.

Bromeis war ab dem Jahr 1821 als Hofbaumeister des Kurfürsten Wilhelm II. von Hessen tätig und wurde 1830 Oberbaudirektor im Kurfürstentum Hessen. Der ehemalige Residenzpalais in Kassel mit farbenprächtiger Innenausstattung im Empirestil gilt als sein Hauptwerk.

Die Arbeiten wurden hauptsächlich von Kasseler Handwerkern ausgeführt, so dass die Bauten vom hohen Stand heimischer Handwerkskunst zeugten; Werner Henschel fertigte mehrere bronzene Öfen, und an den Schreinerarbeiten war unter anderem Carl Lauckhardt beteiligt. Einzelne Ausstattungsstücke wie Uhren bezog man allerdings auch aus Paris, und die Seidentapeten kamen aus Lyon. Die nördliche Platzfront war als Gesamtheit behandelt: Weißes Palais und Elisabethkirche hatte Bromeis vollständig in einem grau-grünlichen Weißton streichen lassen, das Museum Fridericianum in einem hellen Weiß; für das Rote Palais hatte der Kurfürst eine rote Sandsteinfassade mit Einzelheiten aus hellem Sandstein gewünscht, und das neue Hofverwaltungsgebäude hatte als Gegenstück einen entsprechenden Anstrich erhalten.

Das Residenzpalais nach 1866

Auf dem Bild (mit Blick über die Nordseite des Friedrichsplatzes) von links: das Weiße Palais, daneben das Rote Palais, das Museum Fridericianum und das Hofverwaltungsgebäude, dahinter der Turm der damaligen Elisabethkirche.

Die Annexion Kurhessens 1866 wurde vom Altan des Roten Palais verkündet, und im Jahr darauf logierte das preußische Königspaar im Residenzpalais. Auch als Wilhelm I. nach dem Nobilingschen Attentat 1878 Kassel besuchte, wohnte er im Stadtschloss und zeigte sich der Menge auf dem Balkon des Weißen Palais, den verletzten Arm in einer Schlinge tragend. Ebenso nutzte auch Wilhelm II., der in Kassel das Gymnasium besucht hatte, das Schloss mehrfach als Wohnung sowie als Schauplatz für Festlichkeiten.

1923 wurde in dem Komplex das Deutsche Tapetenmuseum eröffnet, 1924 folgte ein Werner-Henschel-Museum, 1927 wurden die Wohn- und Festräume als Schlossmuseum geöffnet, und 1938 richtete man im Erdgeschoss des Roten Palais das Kurhessische Heeresmuseum ein. Bis 1930 waren für kurze Zeit auch die städtischen Kunstsammlungen im 2. Obergeschoss des Weißen Palais untergebracht.

Bei einem Bombenangriff 1941 wurden das Palais Reichenbach und die Dächer der Saalbauten durch Feuer zerstört. Noch in der Brandnacht konnten aus dem Roten Palais zumindest Teile des Mobiliars geborgen werden, bevor die brennenden Saaldecken einstürzten; und vorsorglich brachte man auch das gesamte Mobiliar des Weißen Palais in Sicherheit. Notdächer sicherten die Bausubstanz mit den erhaltenen Teilen der Wanddekorationen. Im Großangriff 1943 brannte das Weiße Palais vollständig aus, und die Gebäudeecke zur Königsstraße stürzte durch einen Sprengbombentreffer ein.

Die Notdächer über den Sälen wurden teilweise zerstört, aber das Erdgeschoss des Roten Palais einschließlich des großen Vestibüls hinter dem Portikus blieb so weit intakt, dass Regierungsbaurat Schwarzer eine provisorische Vermietung für Geschäftszwecke vorschlug. Eine solche Nutzung hätte den weiteren Erhalt begünstigt, stieß aber beim Landeskonservator auf Ablehnung.

Die Außenmauern des Weißen Palais wurden bis 1948 schrittweise beseitigt. Verschiedene Initiativen zum Erhalt des Roten Palais blieben erfolglos, und das Land Hessen investierte kein Geld in notwendige Erhaltungsmaßnahmen, solange keine Verwendung feststand; als schließlich mehrere Verwendungsmöglichkeiten, etwa als Amerikahaus oder Haus der freien Berufe, öffentlich diskutiert wurden, drängte das Kasseler Bauaufsichtsamt zunehmend auf Abbruchmaßnahmen. Der Leiter des Staatsbauamtes gab bereitwillig nach, zumal mit den großen Raumhöhen ja doch nichts anzufangen sei. Anfang 1955, wenige Monate vor der Bundesgartenschau, setzte sich in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung die FDP nochmals für einen Wiederaufbau ein, während die SPD für den Abbruch plädierte.

Als das städtische Bauaufsichtsamt demonstrativ einen Bauzaun um die Ruine aufstellen ließ und zudem Abbruchpläne zugunsten eines Justizgebäudes bekannt wurden, unternahmen Kasseler Bürger um den Apotheker Cybulla einen letzten Versuch, nochmals eine Verwendung als Haus der freien Berufe zu erreichen. Auf eine Anfrage der FDP-Fraktion im hessischen Landtag sicherte der Finanzminister zwar den Erhalt zu, doch kurz darauf erreichte das Kasseler Bauaufsichtsamt wegen angeblicher Einsturzgefahr einen weitgehenden Abbruch.

Abriss und Kaufhaus-Neubau

Das "Rote Palais" (richtig: der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Nachfolgebau) bei Nacht im Jahr 2011.

Das Abtragen des äußerst soliden Mauerwerks gestaltete sich dabei als außergewöhnlich aufwändig. So stand zur Bundesgartenschau 1955 nur noch das Erdgeschoss des Hauptflügels. 1958 verkaufte das hessische Finanzministerium das Areal an den Hertie-Konzern, der seit 1956 bereits über fertige Pläne für einen Kaufhausneubau verfügte. Das Palais wurde nun vollständig abgebrochen, der Portikus anschließend wieder aufgebaut, allerdings ohne das abschließende Gitter und mit einem zusätzlichen steinernen Aufsatz. An der Stelle des einstigen Kasseler Residenzpalais eröffnete schließlich das „Bilka“ (= Billigkaufhaus) seine Pforten, während die Rettung und Einbeziehung des Portikus als denkmalpflegerische Leistung gefeiert wurde.

Die erhaltenen Teile des zerstörten Palais Reichenbach wurden dagegen zunächst vorbildlich in ein neues Geschäftshaus einbezogen. Ihr Abbruch erfolgte erst im Jahre 2006.

Das erhaltene Mobiliar des Residenzpalais stellt heute einen einzigartigen Gesamtbestand aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dar. Es ist größtenteils magaziniert; einige besonders herausragende Stücke sind im Wilhelmshöher Schloss ausgestellt, andere sind an das Bundespräsidialamt, an die Potsdamer Schlösserverwaltung sowie an das Schlossmuseum in Bad Homburg vor der Höhe ausgeliehen.

Kunstwerk

Auf dem Portikus des ehemaligen Palais befindet sich eine Figurengruppe, die den Titel "Die Fremden" trägt. Es handelt sich um ein ehemaliges documenta-Kunstwerk.

Tapetenmuseum

Am 30. Juni 1923 wurde das Deutsche Tapetenmuseum im Roten Palais am Friedrichsplatz eröffnet.

Elf Jahre später zog das Museum ins benachbarte Weiße Palais um. Teilbestände wurden 1941 nach Einbeck ausgelagert, der Rest wurde im Krieg zerstört.

siehe auch

Verlorene Stadt

Rundgang 6: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Café Nenninger, Friedrichsplatz 8 | Station 2: Brillen Vesper, Friedrichsplatz 6 | Station 3: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (I) | Station 4: Köhler Herrenbekleidung, Obere Königsstraße 37 (II) | Station 5: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (I) | Station 6: Sinn Leffers, Friedrichsplatz 19-20 (II) | Station 7: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (I) | Station 8: AOK Geschäftsstelle, Friedrichsplatz 14 (II) | Station 9: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (I) | Station 10: Laufladen, Friedrichsplatz 12 (II)


Weblinks


Burgen und Schlösser in Kassel

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