Ricardo Basbaum

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Das documenta-Lexikon
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Ricardo Basbaum ist ein Künstler aus Brasilien (Jahrgang 1961), der an der documenta 12 teilgenommen hat.[1]

Werk

Objekte von Ricardo Basbaum werden ausgeliehen

Roger M. Buergel, der künstlerische Leiter der documenta 12 (16. 6. - 23. 9. 2007) liebt es, mit den Erwartungen der Öffentlichkeit zu spielen: Da alle Welt seine Künstlerliste kennen lernen will, gab er vor einem halben Jahr den ersten und letzten Namen der alphabetisch geordneten Liste bekannt. Und auf die ständige Frage, was er wo zur documenta im öffentlichen Raum zeigen werde, präsentierte er gestern, also neun Monate vor Ausstellungsbeginn, ein Objekt, das auf ganz andere Weise im öffentlichen Raum wirksam wird, als man gemeinhin denkt.

Denn das von dem brasilianischen Künstler Ricardo Basbaum (Jahrgang 1961) entworfene weißblaue, wannenförmige Objekt, das Buergel regelmäßig nur „Ding“ nannte, wird im öffentlichen Raum nicht aufgestellt, sondern wandert ab sofort durch Wohnungen und Büros, wo es als Sammelbox, Aquarium oder Servierschale benutzt werden kann. An jeder Station soll das Objekt, das in einer Serie von 20 Stück angefertigt wurde, für einen Monat bleiben, bevor es an die nächste Adresse weitergereicht wird.

Es ist, als hätte die documenta 12 mit der Arbeit von Iole de Freitas, die an der Außenfassade des Museums Fridericianum heranwächst, ein Leitsymbol gewonnen: Die vielfach geschwungene Skulptur, die sich im Innern des Gebäudes fortsetzt, führt vor, wie die Grenze zwischen innen und außen überwunden werden kann. Die Arbeit frisst sich förmlich durch die gemauerten Wände durch. Es ist nicht die einzige Arbeit in der documenta 12, die sich mit dem Gegensatz zwischen Öffnen und Abgrenzen beschäftigt. Die radikalste Position vertritt der Brasilianer Ricardo Basbaum (Jahrgang 1961), der alle herkömmlichen Grenzen niederreißt. Basbaums Projekt, seine weiß-blauen Wannen-Objekte wandern zu lassen und die Menschen, die zeitweise Verfügungsgewalt über sie haben, das zu dokumentieren, was sie mit den Objekten anstellen, ist schon mehrfach vorgestellt worden.

Dmitri Gutov verarbeitet diese Krickeleien von Karl Marx in seiner documenta-Arbeit Der Brasilianer kehrt den Kunstbegriff um. Er als Künstler hat zwar die Grundidee gehabt, hat aber nach der Herstellung der Objekte alle Gestaltungsansprüche aufgegeben. Er hat sich zur Gesellschaft geöffnet und per Partizipation denen die Autorenrechte übertragen, die zeitweise Besitzer der Objekte sind. Alle Grenzen sind aufgehoben. Und so wird Basbaum auch seinen Platz in dem Aue-Pavillon, auf dem er die Aktion dokumentieren will, wie einen offenen Marktplatz (Agora) gestalten.


Basbaums Idee ist, das schalenartige Objekt mit der kreisrunden Öffnung im Zentrum an Einzelne oder Gruppen zu geben und es den Betreffenden zu überlassen, in welcher Form sie es mit Vorstellungen füllen und wie sie es nutzen. Allerdings werden diejenigen, die an dem Projekt „Would you like to participate in an artistic experience?“ (Würden Sie gern an einer künstlerischen Erfahrung teilnehmen?) beteiligt sind, gebeten, ihren Umgang mit dem Objekt in Text und Bild zu dokumentieren. Diese Erfahrungsberichte sollen auf der Website www.nbp.pro.br veröffentlicht werden.

Ricardo Basbaum ist ein Künstler, der in vielen seiner Projekte das Publikum beteiligt. In seiner Arbeit bezieht er sich stark auf Lygia Clark, die 1997 in der documenta erstmals ausführlich vorgestellt wurde und deren Arbeiten sich intensiv mit den Grenzerfahrungen von Körper und Außenwelt, von Berührung und Ferne auseinander setzen. Auch Basbaum zielt in diese Richtung, indem er den künstlerischen Prozess umkehrt: Er gibt keine Inhalte vor, sondern bietet eine Form an, die von den anderen mit Gegenständen und mit Sinn gefüllt werden soll.

Und indem die Objekte weitergereicht werden, entsteht eine Kette von Beziehungen von Menschen, die sonst nichts miteinander zu tun haben. Ein erstes Mal hatte Basbaum 1994 eine solche Aktion gestartet. Zehn dieser Objekte werden in Brasilien hergestellt und in Lateinamerika in Umlauf gegegeben. Die anderen zehn Exemplare wurden von Auszubildenden von Rheinmetall und Thyssen-Krupp in Kassel hergestellt. Nach der Vorstellung bei Thyssen-Krupp wurden gestern Abend sechs Objekte im Schlachthof in einen Kreislauf durch die documenta-Stadt gegeben. Vier weitere Objekte wandern durch Europa und Afrika.

Offiziell gilt Ricardo Basbaum nicht als documenta-Künstler. Sein Projekt begleitet den Vorlauf zur Ausstellung. Allerdings wird die Dokumentation der Stationen, die Basbaums Objekte durchlaufen, in einer Installation zur documenta 12 präsentiert. Wer sich an der Aktion beteiligen will, kann sich an nbp@documenta.de wenden.

Aus der HNA vom 19. September 2006

siehe auch

Weblinks und Quellen

  1. Wikipedia-Eintrag zu Ricardo Basbaum