Raum sprengende Skulptur

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Konfrontation 1: Iole de Freitas und Charlotte Posenenske

Wie die documenta 12 die Kunst präsentiert

In der Serie "Wie die documenta 12 die Kunst präsentiert" wollen wir Werke einzelner oder mehrerer Künstler vorstellen, um zu zeigen, wie die Arbeiten aufeinander bezogen oder gegeneinander gesetzt sind.

Unter den Augen der Passanten wächst an der Außenfassade des Museums Fridericianum eine spektakuläre Skulptur heran. In großen Bögen umspannen Stahlrohre zwei Fenster im ersten Stock. Die Rohre tragen gebogene transparente Platten, die wie gespannte Segel wirken.

Ein zweites, die Fenster umfassendes Element wird direkt neben dem Eingangsportal im Erdgeschoss montiert, und vorbereitete Montagelöcher an der Fassade künden an, dass die Skulptur noch um die Ecke des Gebäudes herumwachsen und sich auch an der Straßenfront ausbreiten wird.

Der Entwurf für die Arbeit stammt von der brasilianischen Künstlerin Iole de Freitas (Jahrgang 1945), die mit ihrer Skulptur die klassizistische Fassade umhüllt und damit das Haus der Aufklärung mit seiner strengen Architektur auflöst. Für documenta-Leiter Roger Buergel lädt die entstehende Arbeit nicht nur zur Auseinandersetzung mit dem 1779 errichteten Gebäude ein. Sie liefert für ihn auch einen Verweis auf den Aue-Pavillon, der mit seinen Elementen aus Stahl und Polycarbonat aus denselben Materialien und in der gleichen Leichtigkeit konstruiert worden ist.

Die Arbeit der Brasilianerin setzt sich auch nach innen fort. Das heißt: Sie füllt einenSaal voll aus und entwickelt eine Raum sprengende Kraft. Für Buergel steht sie in der Tradition der modernen Architektur und Skulptur, die die Starre überwinden und den Raum dynamisieren. Die für die documenta 12 entworfene Arbeit verrät zudem das Herkommen der Künstlerin: Iole de Freitas hatte viele Jahre als Tänzerin gearbeitet, bevor sie über die Fotografie und den Film zur Kunst und zur Installation kam. Die Arbeit im und am Fridericianum nimmt die tänzerische Bewegung auf. Es ist, als würden die transparenten Elemente der Konstruktion die Bewegungen nachzeichnen, die eine durch den Raum schwebende und wirbelnde Figur vollzogen hat.

Die klassische, in sich geschlossene und somit klar definierte Skulptur ist aufgelöst, und gleichzeitig wird ein Gegenentwurf zum gegebenen Raum vorgestellt. Auch Charlotte Posenenske (1930-1985) hat sich mit ihren minimalistischen Arbeiten Mitte der 60er-Jahre von der traditionellen Form abgewandt. Die Künstlerin, die zeitweise mit dem in Kassel lehrenden Architekten Paul Posenenske (1920-2004) verheiratet war, kehrte 1968 dem Kunstbetrieb den Rücken, weil Kunst politisch nichts bewegen könne. Ihre radikalen Ansätze waren für die Kunst folgenreich. Sie entwickelte ebenfalls eine Skulptur, die auf die Bewegung abzielt: Auf quadratischer Grundfläche schuf sie einen Raum mit vier Drehflügeltüren, die die Menschen, die sie benutzen wollen, zwingen, sich gegenseitig abzustimmen.

Diese Arbeit wird ebenso in Kassel zu sehen sein wie Beispiele ihrer industriell wirkenden Skulpturen, die wie Abluftschächte aussehen. Während diese Arbeiten rein technisch erscheinen, ist sie im Umfeld der Skulptur von Iole de Freitas mit farbigen Reliefbögen vertreten, die aus der Malerei entwickelt wurden und ebenfalls der reinen Schönheit verpflichtet sind. Nächste Woche: Öffnung und Abgrenzung.

HNA 19.04.2007