Rückersfest

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Alle sieben Jahre an Ostern findet im nordhessischen Laisa das Rückersfest statt.

Rückers thront über Laisa

Symbolfigur des Traditionsfestes wurde gesteckt - Um Mitternacht Mädchen versteigert

Mit dem Rückersstecken am alten Rathaus hat auch im Jahr 2006 das Rückersfest in Laisa seinen Auftakt gefeiert. Um 19 Uhr hat die Burschenschaft der Öffentlichkeit erstmals seit sieben Jahren wieder den Rückers, die Symbolfigur des Traditionsfestes, präsentiert.

Die fast drei Meter lange Holzfigur, die einen pflügenden Bauern hinter einem Fünfer-Pferdegespann zeigt, wurde auf dem Dachfirst des heutigen Heimatmuseums angebracht, wo sie 40 Tage lang thronen wird, um auf das Rückersfest am Osterwochenende (15. bis 17. April 2006) hinzuweisen.

In der Nacht fand auch die erste Mädchenversteigerung statt. In geheimer Sitzung haben die jungen Laisaer Männer für die konfirmierten, aber noch ledigen Mädchen des Dorfes geboten. Am Gründonnerstag findet eine zweite Versteigerung statt, aber erst mit dem Rückerstanz am Ostersonntag im Festzelt wird aufgelöst, welcher Jungen welches Mädchen ersteigert hat.

Zudem wurde das neue Laisaer Rückersbuch vorgestellt. „Legende und Mythos eines alten Fruchtbarkeitsfestes“ lautet sein Untertitel. Auf 61 bebilderten Seiten stellen die Laisaer darin die Geschichte ihres Festes dar.

Es wird erklärt, warum man früher, in heidnischer Zeit - denn dort soll das Rückersfest seinen Ursprung haben -, überhaupt Fruchtbarkeitsfeste feierte.

Das Buch erklärt die Deutung des Festes und seiner Symbolfigur. Die fünf Pferde (zwei Rappen, zwei Füchse und ein Schimmel), die den Pflug des Bauern ziehen, sollen germanischen Gottheiten gewidmet sein.

Die beiden Rappen sind danach Freya, auch Frau Holle genannt, der Göttin der Fruchtbarkeit und der körperlichen Liebe gewidmet. Hier ergibt sich eine Verbindung zum pflügenden Bauersmann, aber auch zur Mädchenversteigerung des Rückersfestes.

Thor, dem Gott des Donners, sind die Füchse gewidmet. Er bringt nicht nur Blitz, Donner und Regen, sondern vertreibt auch Frost und zerschmettert die Eisriesen, so die Sage. Das Rückersfest wird in diesem Zusammenhang auch mit Rückkehrs-Fest übersetzt, das die Rückkehr des Frühlings feiert.

Der Schimmel an der Spitze der Rückersfigur symbolisiert Wodan, den Gott der Weisheit. In verschiedenen Landschaften Deutschlands sollen ihn die Bauern früher mit einem kleinen Ritual um Segen und Fruchtbarkeit für das nächste Jahr gebeten haben.

In der Literatur über die germanische Götterwelt kommt auch Rigr vor, womit offenbar Wodan gemeint war. Hierin könnte der Rückers - auf Platt „Riggersch - seinen sprachlichen Ursprung haben.

Das Buch ist zum Preis von drei Euro bei Heinz-Günther Schneider (u 06452-3498) in Laisa erhältlich. Rechtzeitig zum Rückersfest wird zudem ein Ergänzungsband zum Laisaer Heimatbuch (1999) erscheinen.

... und zum Dritten!

2006: Julia Debus aus Laisa macht bei der Mädchenversteigerung mit

Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten - beim Laisaer Rückersfest 2006 kommen die ledigen Mädchen des Dorfes unter den Hammer. Julia Debus ist eine von ihnen: Die 15-Jährige stammt aus Laisa, ist nicht verlobt und wurde im vergangenen Jahr konfirmiert - damit erfüllt sie alle Kriterien, um an der Mädchenversteigerung teilzunehmen.

In diesem Jahr machen 24 junge Frauen und etwa 40 Männer im Alter von 15 bis 35 Jahren bei der Versteigerung mit. Julia Debus ist die Jüngste und zum ersten Mal dabei. Dass sie sich versteigern lässt, war für die 15-Jährige keine Frage: „Es ist Tradition in unserem Dorf, und ich bin damit aufgewachsen.“

„Ich wäre schon ein bisschen enttäuscht gewesen, wenn Julia nicht mitgemacht hätte“, sagt Beate Debus. Für die Mädchen sei das alles total aufregend - und Julias Mutter weiß, wovon sie spricht: 1978 wurde sie selbst versteigert, nun will sie vor der Bühne mitfiebern, wenn Julia und die anderen Mädchen darauf warten, welcher Junge sie zum Tanzen auffordert.

Julia selbst sieht diesem Moment noch gelassen entgegen: „Ich lasse mich überraschen, wer mich ersteigert hat. Einen Favoriten habe ich nicht.“ Nach ein paar Tänzen geht es dann mit den anderen Paaren zum Eierbacken. Ob mehr daraus werden könnte? „Darüber mache ich mir keine Gedanken, mir geht es um den Spaß und das Gefühl, dabei zu sein“, sagt die 15-Jährige.

Dass einige ihrer Klassenkameraden die Laisaer Mädchenversteigerung belächeln, stört Julia Debus nicht: „Mir ist egal, was andere darüber denken“, sagt die 15-Jährige selbstbewusst.

Und ebenso stolz wie auf die Traditionen ihres Heimatortes ist Julia auf ihre Tracht, die sie beim Rückersfest tragen wird. „Das gehört einfach dazu“, sagt die 15-Jährige, „denn wenn wir alle in Jeans und T-Shirt kämen, ginge der Reiz verloren.“

Wenn Julia Debus beim nächsten Rückersfest in sieben Jahren noch nicht verheiratet ist, darf sie wieder bei der Mädchenversteigerung mitmachen. Dann weiß sie zwar, wie alles abläuft, doch eines wird sie wohl nie erfahren: „Ich würde schon gern wissen, wie viel für mich geboten wird“, gibt die 15-Jährige zu. Doch das bleibt das Geheimnis der Laisaer Burschen.

Gehofft, gebangt, geheiratet

1971 ersteigerte Günther Belz die Frau, mit der er inzwischen Silberhochzeit feierte

Dass aus einem Tanz beim Laisaer Rückersfest nicht mehr werden muss, aber durchaus mehr werden kann, zeigt die Geschichte von Günther (55) und Inge Belz (50). Mit der Mädchenversteigerung fing 1971 alles an, nun sind die beiden seit mehr als 25 Jahren verheiratet.

„Heute würde man sagen, ich hatte ein Auge auf sie geworfen“, sagt Günther Belz und schmunzelt. Damals war er gerade 20, Inge fünf Jahre jünger. Die beiden kannten sich schon seit frühester Kindheit.

Doch was nach einem filmreifen Happy-End klingt, endete bei der Mädchenversteigerung beinahe mit einer Enttäuschung: Um nicht gleich zu verraten, wer seine Wunschkandidatin ist, bot Günther Belz zunächst für ein anderes Mädchen. „Die Jungs hätten mir sonst den Preis hochgetrieben“, erklärt der 55-Jährige seine Taktik.

Doch damit hätte er sich beinahe verspekuliert, denn niemand wollte sein Gebot für das andere Mädchen übertreffen: „Ich habe gehofft und gebangt und dann hat es doch noch geklappt“, sagt Günther Belz. Heute kann er herzlich über die Geschichte lachen.

Was auf dem Rückersfest begann, entwickelte sich langsam: Wenn Günther an den Wochenenden von der Bundeswehr nach Hause kam, trafen sich die beiden. 1973 verlobten sie sich, vier Jahre später wurde geheiratet. Ihr erster Sohn Ingo kam ein Jahr später. In diesem Jahr lässt sich Tochter Maike (19) zum ersten Mal versteigern. „Es ist wichtig, dass diese Tradition weitergeführt wird“, sagt Günther Belz. Als Ortsvorsteher leitet er zum vierten Mal die Organisation des Festes.

Am Ablauf der Versteigerung hat sich seit 1971 wenig geändert, „doch das Ganze wird heute nicht mehr so verbissen gesehen“, sagt Günther Belz. „Wir wussten damals wenig über die Bedeutung des Rückersfestes und der Mädchenversteigerung“, ergänzt seine Frau Inge, das sei bei den jungen Leuten heute anders.

Mit Single- oder Heiratsmarkt habe diese Tradition nichts zu tun - und doch ist nicht ausgeschlossen, dass auch im Jahr 2006 aus einem Rückerstanz mehr wird.

Freya bringt die Ledigen zusammen

Die Mädchenversteigerung des Rückersfestes geht auf eine Sage zurück: Freya, die germanische Göttin der Fruchtbarkeit, wollte nicht, dass Unverbundene an dem Fest teilnehmen. Deshalb werden für die Dauer des Festes alle ledigen Mädchen des Dorfes unter den Laisaer Burschen versteigert.

Die Mädchenversteigerung des Laisaer Rückersfestes ist nicht mit der Schnüreversteigerung einer Kirmes zu verwechseln. Bei der Kirmes wird zunächst nur eine bestickte Borte - die Kirmesschnur - ersteigert. Die Männer wissen nicht, welches Mädchen sie ersteigern. Mitmachen können bei der Kirmes in der Regel alle Männer im Festzelt.

Beim Rückersfest sind Auswärtige von der geheimen Versteigerung ausgeschlossen. Die Jungen wissen bei ihren Geboten genau, welches Mädchen sie ersteigern. Durch die Ersteigerung kann ein Junge einem Mädchen also durchaus seine Sympathie zeigen.

„Gehört zum Fest“

Karsten Ludwig (25) aus Laisa macht zum zweiten Mal bei der Mädchenversteigerung mit. Er verrät uns, warum er diesen Brauch pflegt und was seine Freundin dazu sagt.

Warum machen Sie bei der Mädchenversteigerung mit?

Karsten Ludwig: Für mich war immer klar, dass ich mitmachen werde. Ich komme aus Laisa, das Rückersfest gehört zu Laisa und die Versteigerung gehört zum Fest dazu.

Wissen Sie denn schon, welches Mädchen Sie ersteigern wollen?

Ludwig: Das kann ich natürlich noch nicht verraten. Ich schaue danach, mit welchen Mädchen ich auch privat zu tun habe. Genauere Gedanken mache ich mir aber nicht. Das ergibt sich am Abend der Versteigerung. Vor sieben Jahren habe ich das Mädchen bekommen, das ich ersteigern wollte.

Sie haben eine Freundin, die nicht aus Laisa kommt. Was sagt die dazu, wenn Sie beim Rückersfest ein anderes Mädchen ersteigern?

Ludwig: Für meine Freundin ist das kein Problem. Sie findet es sogar gut, dass in Laisa die Traditionen so hoch gehalten werden.


Von Christina Hermann und Jörg Paulus (HNA - 8.3.2006)

siehe auch

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