Psychiatrie Göttingen

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen ist ein Fachklinikum, das zum Klinikbetreiber Asklepios gehört. Das Haus gilt als drittälteste Universitätspsychiatrie in Deutschland.

Heutige Nutzung und Privatisierung

Seit der Privatisierung der Landeskrankenhäuser 2007 gehören Tiefenbrunn und die Klinik auf dem Leineberg zum Asklepios Konzern. In dem Fachklinikum, das über mehr als 400 Betten verfügt, wird ein großes Spektrum psychischer Erkrankungen behandelt. Zusätzlich zum stationären Angebot gibt es eine gerontopsychiatrische und eine Sucht-Tagesklinik, zwei allgemeine Tageskliniken in Göttingen und Seesen sowie eine psychiatrische Institutsambulanz.

90 Jahre nach der Anstaltsgründung auf dem Leineberg wurde eine weitere psychiatrische Einrichtung eröffnet: 1955 zog die Universitätsnervenklinik in das neu errichtete Gebäude in der Von-Siebold-Straße ein.

Die heutige Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen verfügte im Jahr 2016 über neun Stationen mit 96 vollstationären und 53 teilstationären Plätzen.

Heute gehört die Einrichtung zum Maßregelvollzugszentrum Niedersachsen, im Frühjahr 2016 wurde der Neubau in Betrieb genommen. Seitdem steht das so genannte „Feste Haus“ leer.

Geschichte

1866 nahm das erste psychiatrische Krankenhaus in Göttingen seinen Betrieb auf. Dessen Ärztlicher Direktor übernahm gleichzeitig die neu eingerichtete Professur für Psychiatrie der Georg-August-Universität. Göttingen war damit nach der Berliner Charité und der Universität München die dritte Universitätspsychiatrie in Deutschland.

Gründung

Bei der Gründung im Jahr 1866 hieß die Einrichtung auf dem Leineberg, die später als Landeskrankenhaus (LKH) fungierte, noch Königliche Landesirrenanstalt zu Göttingen. Die Behörden im damaligen Königreich Hannover hatten sich für den Standort Göttingen entschieden, weil sich dort durch die Anbindung an die Universität zwei Missstände beheben ließen: Man konnte endlich die Medizinstudenten auch im Bereich Psychiatrie ausbilden und die „beschämende Unwissenheit der Sachverständigen“ verringern, die in Gerichtsverhandlungen als psychiatrische Gutachter auftraten.

Der erste Klinikleiter Ludwig Meyer war ein Verfechter einer freiheitlichen Psychiatrie, die auf Zwangsmittel weitgehend verzichtete. Behandlung und Pflege, so sein Credo, waren der beste Schutz. Meyer hatte zuvor als Klinikleiter in Hamburg alle Zwangsjacken auf dem „Dom“ versteigern lassen. In Göttingen waren erst gar keine angeschafft worden.

Expansion

Unter Meyers Nachfolger August Cramer (1900 bis 1912) expandierte die Klinik: Er richtete eine Poliklinik in der Geiststraße ein, aus der sich später die Universitätsklinik und Poliklinik entwickelte, gründete das Nervensanatorium Rasemühle (heute Klinik Tiefenbrunn) und die Heil- und Erziehungsanstalt für psychopathische Fürsorgezöglinge, aus der die heutige Jugendanstalt hervorgegangen ist. 1909 wurde das Landesverwahrungshaus erbaut.

Klinik-Direktoren

Als Gutachter des Massenmörders Fritz Haarmann wurde Klinikdirektor Ernst Schultze (1912 bis 1934) bekannt. Er befasste sich auch mit originellen Themen wie „Der Alkohol in den französischen Kolonien“.

Die beiden folgenden Direktoren sind mit dem bislang dunkelsten Kapitel der Psychiatriegeschichte verbunden: Gottfried Ewald (1934 bis 1954) befürwortete auf zwar die vom NS-Regime angeordnete Zwangssterilisation von psychisch Kranken. Er war aber auch der erste Psychiater, der im August 1940 in einer Denkschrift gegen das Euthanasie-Programm zur Ermordung psychisch Kranker protestierte. Mindestens 70 Patienten konnte er vor der Deportation bewahren. 238 Patienten aber wurden 1940/41 aus der Göttinger Klinik deportiert, mindestens 185 von ihnen wurden danach getötet. Sein Nachfolger Gerhard Kloos (1954 bis 1967) war tief in die Euthanasieverbrechen verstrickt gewesen: Er hatte in der NS-Zeit die Landesheilanstalt in Stadtroda geleitet, in der auch Kindertötungen stattfanden.

Unter dem folgenden Klinikdirektor Ulrich Venzlaff (1968 bis 1986) wehte ein gänzlich neuer Wind. Venzlaff widmete sich unter anderem der Behandlung traumatisierter Personen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Vor allem aber wurde er zum Nestor der Forensischen Psychiatrie. Sein Handbuch „Psychiatrische Begutachtung“ gilt bis heute als Standardwerk für Mediziner und Juristen. Sein Nachfolger Gunter Heinz (1987 bis 1994) erhielt den deutschlandweit ersten Lehrstuhl für Forensische Psychiatrie. Seit 2006 leitete Professor Jürgen Müller die Forensik.

siehe auch

Weblinks und Quellen