Philosophenweg

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Der Philosophenweg am Rande der Südstadt war ein einsamer Feldweg

Im Hof des Hörmannschen Hauses, einer Gastwirtschaft mit Tanzsaal, spazierten Perlhühner, Pfauen, Gänse, türkische Enten, ein zahmes Reh und edle Pferde umher. In der Nachbarschaft wohnten Schreiner, Bleicher und Mechaniker. Und in dem aus Herrenhaus, Wohnhaus und Gartenhaus bestehenden Sanssouci-Ensemble weilte gar ein König: Jérôme Bonaparte, der jüngste Bruder Napoleons und von 1807 bis 1813 Regent des Königreichs Westphalen.

Doch von Philosophen weit und breit keine Spur - weder unter den zahlreichen Nachbesitzern von Jeromes Kasseler Jagd- und Lustschloss noch in den übrigen Häusern am Fuße des Weinbergs.

Und so gilt der Name Philosophenweg in alten Schriften und Adressbüchern schlicht als Scherzname für einen früher sehr einsamen und anmutigen Feldweg zwischen Frankfurter Thor und Stillingstraße. Ein Pfad, auf dem man genüsslich wandeln und seinen Gedanken in Abgeschiedenheit freien Lauf lassen konnte.

Mitte des 19. Jahrhunderts war der Philosophenweg ein enger Heckenweg. So schmal, dass sich zwei begegnende Fuhrwerke nicht ausweichen konnten. Nur acht kleine Häuser standen auf beiden Seiten des Weges. Kanal, Pflaster, Bürgersteig und Straßenbeleuchtung waren hier unbekannt.

Dafür ließen im Frühling sechs bis zehn Nachtigallen und jede Menge andere gefiederte Sänger im Buschwerk am Druselbach und am Weinberg ihre Lieder ertönen. Am Bach nisteten mehrere Paare des prächtigen und damals schon selten gewordenen Eisvogels. Sie waren mit Fischen aus dem noch glasklaren Bächlein bestens versorgt.

Im April und Mai strahlte der Weinberg, auf dem vom Philosophenweg aus nur ein einziges Haus zu sehen war, von oben bis unten in einer solch üppigen Baumblüte, dass es sonntags reichlich Spaziergänger in den sonst ganz einsamen Weg zog. Nachts hörte man bei Windstille den Nachtwächter in der Frankfurter Straße und bei Westwind den in Wehlheiden die Stunden ausrufen. Sonst störte nichts weiter die Ruhe des Weges.

Doch schon 1927 beklagt Karl Wisselbach in der Kasseler Post den Bau neuer Straßen durch altes Wiesengelände und eine Überwölbung des Druselbachs. Dieser wird dann östlich der Bundesstraße B3 - der "Frankfurter", am Nordwestrand der Karlsaue, bzw. am Fuße der "Innenstadtklippe", als Kleine Fulda zum Nordende der Karlsaue geführt, um dort dann "hinter" der Orangerie in die Fulda zu münden.

Für den Chronisten, der unter Weinberg und Terrasse aufgewachsen ist, verschwindet 1927 mit dem Bach das letzte Stück der idyllischen Romantik des alten Philosophenwegs.