Philipp Scheidemann

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Philipp Scheidemann

Philipp Heinrich Scheidemann (* 26. Juli 1865 in Kassel; † 29. November 1939 in Kopenhagen) war ein sozialdemokratischer Politiker. Er war Reichstagsabgeordneter und der erste Reichskanzler der Weimarer Republik. In den Jahren 1920 bis 1925 war er Oberbürgermeister der Stadt Kassel.

Aus Leben und Wirken

Friedrich Wilhelm I., Kurfürst von Hessen, saß noch in Kassel auf dem Thron, als am 26. Juli 1865 Philipp Scheidemann in der Kasseler Michelsgasse Nr. 7 das Licht der Welt erblickte. Philipp war der erste Sohn des Tapeziermeisters Friedrich Scheidemann und seiner Frau Wilhelmine.

Nach dem Schulbesuch machte Philipp eine Lehre als Schriftsetzer und trat 1883 in die damals verbotene SPD ein. 1885 kehrte Scheidemann seiner Vaterstadt den Rücken, um bei verschiedenen Tageszeitungen als Redakteur zu arbeiten.

Er heiratete 1889 Johanna Dibbern (1864 bis 1926). Aus dieser Ehe stammten die Töchter Lina, Luise und Hedwig.

1905 kam er nach Kassel zurück, um Chefredakteur des Volksblattes zu werden. Gleichzeitig kletterte er die Karriereleiter in der SPD hinauf: Scheidemann saß seit 1903 im Reichstag, war unter anderem Fraktions- und Parteivorsitzender.

Überregional bekannt wurde er, als er am 9. November 1918 vom Balkon des Reichstags die Republik ("Weimarer Republik" erst 1919 durch die in Weimar verabschiedete Verfassung) ausrief. 1920 bis 1925 war er Oberbürgermeister von Kassel.

Der berühmteste Oberbürgermeister der Fuldastadt

Im Januar wurde er in das Amt des Kasseler Oberbürgermeisters eingeführt. Es war keine leichte Aufgabe für Philipp Scheidemann in diesen unruhigen Zeiten: Im März bedrohte der Kapp-Putsch die Republik.

Er hatte längst in der großen Politik mitgemischt, als er zum Oberbürgermeister seiner Heimatstadt gewählt wurde. Philipp Scheidemann war 1918 Staatssekretär unter Reichskanzler Max von Baden geworden, stand neben Friedrich Ebert an der Spitze der Revolution und wurde erster Ministerpräsident der neuen Reichsversammlung. Scheidemann kehrte Berlin den Rücken, als sich die Mehrheit der Nationalversammlung für die Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages einsetzte. Scheidemann war immer ein Gegner des Vertrages gewesen.

In seiner Heimatstadt war seine Wahl zum Oberbürgermeister allerdings nicht unumstritten. Noch eine Woche vor der Wahl durch die Stadtverordneten am 19. Dezember 1919 hatten sich rund 3000 Bürger in der Stadthalle bei einer Großkundgebung versammelt, um gegen Scheidemann zu protestieren. Dort hieß es: "Der Bürgerbund und der Große Bürgerverein ... erheben in ihrer heutigen ... Versammlung einmütig ihre Stimme gegen die Wahl Scheidemanns ... Sie halten es für unmöglich, dass ein auf kommunalem Gebiet unerfahrener und nicht in der Verwaltungsarbeit groß gewordener Mann einer so schweren Aufgabe gewachsen ist ..."

Trotz dieser Proteste wurde Scheidemann mit den Stimmen der Sozialdemokraten und des Zentrums zum Oberbürgermeister gewählt. Als er am 17. Januar 1920 schließlich in das Amt eingeführt wurde, versprach er: "Ich bin entschlossen, mich mit meinen Kräften der Arbeit in meiner Vaterstadt zu widmen, die ich liebe, deren Schönheit ich geschildert und deren Ruhm ich verkündet habe, wo immer ich Gelegenheit dazu hatte."

Es war keine leichte Aufgabe, die Scheidemann bewältigen mußte: Kurz nach seinem Amtsantritt wurde auch Kassel, wie der Rest der Republik, von dem Kapp-Putsch (siehe "Daten der Geschichte") bedroht.

Am 13. März wurde in Kassel bekannt, daß in Berlin Putschisten ihr Unwesen trieben. Es war ein Glück, daß sich die Reichswehrbrigade 11 in Kassel sofort und rückhaltlos zur bisherigen demokratischen Regierung bekannte, am 15. März setzte ein Generalstreik ein. Am Dienstag, 16. März, folgten über 10.000 Männer und Frauen einem Aufruf der Parteien zu einer Kundgebung auf dem Friedrichsplatz, um gegen das landesverräterische Treiben in Berlin zu protestieren. Gleichzeitig begannen gefährliche Unruhen in der Stadt, die in den nächsten Tagen ganz im Zeichen von Maschinengewehren und Panzerwagen standen. Mindestens 17 Tote, 43 Schwer- und 21 Leichtverletzte hatte die Stadt am 18. März zu beklagen, nachdem es zwischen Jugendlichen und Reichswehrsoldaten zu einem Schußwechsel auf dem Friedrichsplatz gekommen war.

Gefahr von "links"

Einen Tag später schienen die Unruhen in Kassel vorbei, die Republik gerettet. Das Kasseler Gewerkschaftskartell und die SPD gaben noch am selben Tag ein Flugblatt heraus: "Arbeiter! Genossen! Lasst Euch nicht durch junge Schreihälse ... um Euren klaren Kopf bringen. Der Feind von rechts ist niedergeschlagen, der Feind von links erhebt sein Haupt ...".

Das Attentat auf Scheidemann

Nur drei Tage nach dem Säure-Attentat trat Scheidemann im Juni 1922 bei einer Kundgebung vor dem Kasseler Rathaus auf

56 Jahre war Philipp Scheidemann alt, als er am Pfingstsonntag 1922 mit seiner Tochter Luise und seiner neunjährigen Enkelin Hanna im Bergpark Wilhelmshöhe spazieren ging. Dieser 4. Juni wäre um Haaresbreite sein Todestag geworden.

Zwei rechtsradikale Attentäter wollten den SPD-Oberbürgermeister mit giftiger Blausäure umbringen. Aus einem Klistierball spritzten sie ihm die Flüssigkeit ins Gesicht. Eine ehrenvolle Kugel sei für den Verbrecher viel zu schade, tönten die Attentäter später. Scheidemann drehte im letzten Moment seinen Kopf zur Seite und wurde nicht voll getroffen. Obwohl er sich mit Krämpfen am Boden wälzte, gelang es ihm noch, seinen Revolver zu ziehen und die Angreifer zu vertreiben. Mit viel Glück überlebte er das Attentat.[1]

Der Angriff ist der unrühmliche Höhepunkt der Anfeindungen, denen Scheidemann ausgesetzt war, und er ist typisch für die buchstäblich vergiftete politische Atmosphäre dieser Zeit.

Betätigung als Schriftsteller

Scheidemann veröffentlichte unter dem Pseudonym Henner Piffendeckel[2] 1910 den Mundartband Casseläner Jungen - Mundartliche Geschichderchen, der noch zweimal aufgelegt wurde, weiterhin unter seinem richtigen Namen [1920] den Sammelband Zwischen den Gefechten.[3]

Bekannt ist auch sein Reim aus Anlaß der Rathauseinweihung in Kassel im Jahre 1909. Zur Eröffnungsfeier hatte Kaiser Wilhelm II. als Geschenk sein Bild geschickt, das künftig den Sitzungs- und Festsaal zieren sollte. Doch das Parlament, das hier tagte, war noch kein volksvertretendes im heutigen Sinn. Es galt das Dreiklassen-Wahlrecht, was Scheidemann zu dem Vorschlag veranlaßte, folgende Inschrift anzubringen:

"Kasseler Dreiklassenhus
Was hot'n das for'n Sinn ?
De armen Luder bliewen drus.
De Reichen kommen nin!"

Exil und Tod

Scheidemann emigrierte nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 nach Kopenhagen. Dort starb er nach einem Schlaganfall am 29. November 1939. - Am 18. Dezember 1954 wurde die Urne Philipp Scheidemanns auf dem Kasseler Hauptfriedhof beigesetzt.

Zum 75. Todestag am 29. November 2014: HNA-online vom 29.11.2014: Vor 75 Jahren starb Philipp Scheidemann - Ein Kuss im Exil

Geschichtliche Würdigung

Der "Große Brockhaus" schreibt in seiner Ausgabe von 1980 über Philipp Scheidemann detailliert zu seinem Lebenslauf:

"Scheidemann, Philipp, Politiker (SPD), * Kassel 26.7.1865, † Kopenhagen 29.11.1939, Buchdrucker, später Journalist, 1903-18 MDR., seit 1911 im Vorstand der SPD, seit 1913 einer der Führer der sozialdemokratischen Fraktion im Reichstag, vertrat die gemäßigte, von der Mehrheit seiner Partei getragene polit. Linie (Mehrheitssozialist). In der Reg. des Prinzen Max von Baden (Okt. bis Nov. 1918) war er Staatssekretär o.G. Nach Ausbruch der Novemberrevolution rief S. am 9.11.1918 die Rep. aus und war Mitgl. des Rates der Volksbeauftragten (Nov. 1918 bis Jan. 1919), 1919-20 gehörte er der Weimarer Nationalversammlung, 1920-33 dem Reichstag an. Seit Feb. 1919 MinPräs. an der Spitze einer Weimarer Koalition, trat S. schon im Juni 1919 zurück, da er den Versailler Friedensvertrag für unannehmbar hielt. 1920-25 war er Oberbürgermeister von Kassel. 1933 ging er ins Exil."

Literatur

  • Hamecher, Holger: Bibliographie der selbständigen Veröffentlichungen Kasseler Mundartliteratur. In: Zeitschr. d. Vereins f. hess. Geschichte u. Landeskunde Bd. 101, 1996, S. 159 ff.; hier: S. 172 f.

Publikationen

  • Henner Piffendeckel (Pseud.): Casseläner Jungen - Mundartliche Geschichderchen. Kassel 1910, 2. veränd. Aufl. 1910, 3. Aufl. 1926. - Die erste Aufl. enthält: [1.] Blos'n baar Worde im vorus! [Vorwort, abgezeichnet mit "Cassel, im November 1909"]. [2.] De Schmanddibberchen. [3.] D'r Quetschenfrieder. [4.] De Drillerpiffe. [5.] Zappenschtreich. [6.] Schänkel Burzelbaum. [7.] Wie mä Oflaufe machden. [8.] D's Hosenknobbdheader. [9.] D'r kleine Ballewutz. [10.] Freikonzert. [11.] Bibbelhuhns Silwerne. [12.] Casseler Usschdellungen. [13.] D'r scheiwe Chrischtoff im Mannehwer. [14.] Hirschfang mit Schnubbdewack. [15.] Im Rotskeller. [16.] Casseläner Allerlei.
  • Philipp Scheidemann: Zwischen den Gefechten [Sammlung]. Berlin, Leipzig [1920]. - Enthält: [1.] Casseläner Jungen. [2.] Plaudereien. [3.] Eine Amerikafahrt.

siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. HNA v. 27. Oktober 2011: Anfeindungen bis zum Attentat.
  2. Hiernach benannt der Henner-Piffendeckel-Platz vor dem Philipp-Scheidemann-Haus.
  3. Hamecher 1996, S. 172 f.