Palais Hessen-Rotenburg (Kassel)

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Das Palais Hessen-Rotenburg in Kassel war die Stadtresidenz der Nachfahren der Landgrafen von Hessen-Rotenburg, die seit 1629 die teilselbständige Landgrafschaft Hessen-Rotenburg regierten.

Das dreigeschossige Monumentalgebäude stand an der Südostecke der Einmündung der Oberen Königsstraße auf den Königsplatz und wurde 1767-1769 im Auftrag des Landgrafen Konstantin von Hessen-Rotenburg von dem Architekten Christoph Philipp Diede gebaut, mit Hauptfront an der Königsstraße.

Geschichte

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Das Palais der Landgrafen von Hessen-Rotenburg war das größte und prächtigste Stadtpalais Kassels. Es wurde 1769 errichtet, wobei der Hofbaumeister Christoph Philipp Diede als Architekt gilt; die Fassadenstruktur dürfte allerdings im Hofbauamt gemeinsam mit der übrigen Randbebauung des Platzes entwickelt worden sein. 1813 wurde das Palais durch den Staat erworben und diente bis 1866 als „Kurhessisches Staatsministerium“: Hier hatten die einzelnen Ministerien des Inneren, des Äußeren, der Finanzen und der Justiz ihren Sitz. Das Kriegsministerium befand sich dagegen im Gebäude Königsstraße 29 (vgl. Rundgang 3, Station 7).

Nach der Annexion des Landes durch Preußen wurde das Ministerialgesbäude zum Regierungspräsidium umgewidmet. Nachdem 1881/82 der Neubau des Regierungs- und Justizpalastes an der Fulda bezogen worden war, ging der Gebäudekomplex 1883 in städtischen Besitz über. Zu den Nutzern zählten auch einige städtische Behörden sowie (seit 1895) die Stadtsparkasse, bis 1909 das neue Rathaus an der Königsstraße vollendet war; die übrigen Räume wurden vermietet. Überlegungen, den Rathausneubau an dieser Stelle zu errichten, waren um 1900 wieder verworfen worden.

Der Zustand des Gebäudes um 1910 zeigt bereits mehrere Schaufenstereinbrüche; zudem fehlt oberhalb der Tordurchfahrt und des Balkons ein halbrunder Giebelaufbau, der die Mitte der Hauptfassade betont und das hessische Wappen enthalten hatte.

Rechts neben dem Palais erkennt man das Haus Königsstraße 30: Es war um 1772 für den Staatsminister General Wilhelm von Gohr errichtet worden, der – als Leiter des Bau-Departements – auch für die Verwaltung des landgräflichen Bauwesens verantwortlich war. Seit 1818 gehörte das Wohnhaus zu den höfischen Bauten, und 1821 übergab Kurfürst Wilhelm II. das Gebäude an seine Geliebte Emilie Ortlöpp: eine Berliner Goldschmiedetochter, die er zur Gräfin Reichenbach erhoben hatte. Hofbaumeister Johann Conrad Bromeis baute es um und verband es mit dem angrenzenden Residenzpalais am Friedrichs¬platz.

Die Ehe des Kurfürsten mit der preußischen Prinzessin Auguste war formal geschieden, Auguste betrieb demonstrativ einen oppositionellen Nebenhof, und die Kasseler Gesellschaft war tief gespalten. Vor dem Palais der Gräfin kam es wiederholt zu sogenannten Katzenmusiken, bei denen nächstens die Fenster eingeworfen wurden. Als 1831 eine aufgebrachte Menge nach Wilhelmshöhe stürmen wollte, um die Gräfin zu vertreiben, verließ Wilhelm II. gemeinsam mit ihr die Stadt und trat die Regierung an seinen Sohn Friedrich Wilhelm ab.

Der Königsplatz in Kassel - Historische Ansicht

Das Palais diente nun für dessen Frau Gertrude als Wohnsitz. Gertrude, geb. Falkenstein, geschiedene Lehmann, war zwar 1831/32 durch den Kurprinzen und Mitregenten zur Gräfin von Schaumburg, 1853 zur Fürstin von Hanau erhoben worden, doch galt sie nicht als ebenbürtige Gemahlin; die Kinder des Paares hatten damit keinen Anspruch auf die Thronfolge und wurden als Fürsten von Hanau (vgl. auch Station 1) und durch Ankauf der böhmischen Herrschaft Horschowitz materiell abgesichert, während das Haus Hessen von der Rumpenheimer Linie weitergeführt wird (sie geht auf einen Sohn Landgraf Friedrichs II. zurück).

Das Palais Königsstraße 30 blieb auch nach dem Ende des Kurstaates 1866 im Besitz der Fürstin von Hanau, die mit ihrem Ehemann im böhmischen Exil lebte; ihre Erben verkauften es 1881 an den Bauunternehmer Heinrich Schmidtmann, der das Gebäude in ein Geschäftshaus umwandelte. In einigen Räumen, unter anderem im großen Festsaal des Seitenflügels, richtete man das „Palais-Restaurant“ ein; die prächtigen Raumdekorationen dienten nun als festlicher Rahmen für Hochzeiten, Bälle, Vereinsfeste, Tanzstunden und Karnevalsfeiern. 1912 wurden Restaurant und Gebäude einem Umbau unterzogen, der Innenhof mit einem großen Saal überbaut; das neue „Hackerbräurestaurant“ mit Münchener Spezialitäten musste jedoch 1923 aufgegeben werden. Abgelöst wurde es durch die „Billard-Akademie“ (im Ergeschoss und Obergeschoss der Hintergebäude und des Seitenflügels) und den „Herkulesbräu“ (im zweiten Obergeschoss des Vorderhauses).

Bei einem Luftangriff 1941 brannte das Gebäude aus, aber das halbrunde Treppenhaus und der Saalbau (beide von 1821) konnten nach 1945 vorbildlich in einen Neubau einbezogen werden – die letzten größere Zeugnisse des einstigen kurfürstlichen Residenzpalais. Sie wurden erst 2006 für den Neubau eines Geschäftshauses abgebrochen.

Umgebung

Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel. Standort: auf der Osthälfte des Königsplatzes, mit Blick auf Königsplatz 34 und Königsstraße 32, um 1905–1911; ganz links Untere Karlsstraße 7 und 9

Das Palais Hessen-Rotenburg hatte am Königsplatz nur die westliche Hälfte des Baublocks eingenommen. Die Osthälfte wurde wegen des schlechten Baugrunds erst um 1780 bebaut. Dieses Privathaus bildete äußerlich zwar eine weitgehend symmetrische Ergänzung, war aber angesichts der Gründungsprobleme nur in leichterer Fachwerkbauweise errichtet, verblendet und verputzt.

Das Palais der Landgrafen von Hessen-Rotenburg war nicht der erste Kasseler Stadtsitz dieser Seitenlinie, die neben Rotenburg an der Fulda auch weitere einzelne Gebiete in den hessischen Territorien besaß. Diese sogenannte Rotenburger Quart war 1627 eingerichtet worden, um die Söhne aus der zweiten Ehe des Landgrafen Moritz (mit Juliana von Nassau) materiell abzusichern. Als Nebensitz in Kassel diente zunächst der Nassauer Hof an der Schlagd (der frühere Oberstenhof), den die Landgräfin als Witwensitz genutzt hatte. Um 1769 war die Hofanlage jedoch schon seit längerem unbewohnt, und Landgraf Friedrich II. erwarb sie von Konstantin von Hessen-Rotenburg, um dort verschiedene Behörden und ein Warenlager für den Handel unterzubringen. Dabei machte Friedrich II. zur Bedingung, dass Konstantin von dem Kaufpreis ein Palais an der neuen Königsstraße errichte. 1834 erlosch die Rotenburger Seitenlinie, und ihre hessischen Territorien fielen an Kurhessen zurück.

Nachdem das Palais Hessen-Rotenburg bereits 1813 als Ministerialgebäude angekauft worden war, erwarb der Staat um 1864 auch das Nachbarhaus Nr. 34 hinzu. Nach der Annexion Kurhessens durch Preußen 1866 war es naheliegend, das bisherige „Kurhessische Staatsministerium“ als Regierungspräsidium weiterzunutzen, aber bereits 1875 wurde ein zeitgemäßerer Neubau an der Fulda begonnen (1881/82 vollendet).

1911 fiel der gesamte Baukomplex am Königsplatz dem Abbruch zum Opfer, und der Hessische Bankverein errichtete an seiner Stelle ein neues Geschäftshaus. Der Bankverein war 1908 als Zusammenschluss der Bankhäuser J.C. Plauth & Co. in Eschwege und Leopold Plauth & Co in Kassel entstanden und hatte sich durch die Übernahme weiterer Banken auf weitere Städte und Orte ausgedehnt. 1922 wurde er von der Commerzbank AG übernommen.

Aus dem alten Palais Hessen-Rotenburg hatte man das Geländer des Treppenhauses teilweise in den Neubau übernommen, wo es beim Brand des Hauses in der Bombennacht 1943 unterging. Einzelne Brüstungsgitter des Palais waren dem Landesmuseum überwiesen worden, wo sie sich noch heute befinden, und zwei Vasen der Dachbalustrade stehen im Park Schönfeld, unterhalb des Schlösschens.

siehe auch

Verlorene Stadt

Ausstellung: Verlorene Stadt

Rundgang 7: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 1: Haus Königsstraße 45 | Station 2: Lyceum Fridericianum, Am Friedrichsplatz 19-20 | Station 3: Das Palais der Landgrafen von Hessen Rotenburg um 1910 | Station 4: Der Königsplatz nach Nordosten 1820, ehem. Kaskade | Station 5: Brühlsches Haus um 1890 | Station 6: Obere Königsstraße und Kölnische Straße, um 1898–1905 | Station 7: Königsplatz 34 und Königsstraße 32, um 1905–1911 | Station 8: Die Baugruppe Nr. 38–46, um 1888–1890 | Station 9: Die Baugruppe Königsplatz 57–59, vor 1898 | Station 10: Das Posthaus am Königsplatz vor 1878



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