Ossen

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Ossen = Ochsen, kastrierte männliche Rinder (unkastriert Bulle, süddt.Stier)

Bei Auerochsen, die auch Ure genannt werden heißt es mundartlich: Urossen oder nur Ossen für die Bezeichnung der gesamten Rinderrasse.

Geschichte: Über wilde Ochsen und wehrhafte Bürger

Warum man die Harleshäuser Ossen nennt - Der ungewöhnliche Spitzname geht auf das 17. Jahrhundert zurück

Bei Fremden sorgt er für Verwunderung, Eingeweihte wissen Bescheid: Der Ochsenkopf an der Hausfassade in der scharfen Kurve an der Wolfhager Straße verweist auf den Spitznamen der Harleshäuser: Ossen. Schuld an diesem Spitznamen sind einige Auerochsen, die es im 14. Jahrhundert noch wild lebend in einigen Wäldern Deutschlands gab. 200 Jahre später lebten nur noch einige wenige Exemplare in den Wildparks deutscher Fürsten, und im 17. Jahrhundert gab es sie gar nicht mehr. So mag es sein, dass Landgraf Moritz (1592 bis 1627), der einige dieser wertvollen Rindviecher im Habichtswald nahe bei Weißenstein hielt, sehr stolz auf den Besitz dieser besonderen Tiere war. Immer wieder brachen die Ochsen aus dem eingezäunten Gehege aus, zerstampften die Äcker und die kostbare Saat oder Frucht der Felder.

Trotz wiederholter Anträge und Gesuche der betroffenen Bauern, die Entschädigung forderten, stellte sich der Landgraf taub und sah keine Notwendigkeit, den Ersuchen nachzugeben. In ihrer Not griffen die Geplagten im Jahre 1604 zur Selbstjustiz. Der nächste Auerochse, der die Felder betrampelte, überlebte diesen Ausflug nicht. Eine Bürgerwehr, bewaffnet mit Mistgabeln, Schlachtmessern und dergleichen mehr, trat dem mächtigen Wiederkäuer mutig entgegen, jagte und erschlug ihn. Anschließend wurde das tote Tier säuberlich zerlegt, und alle Beteiligten erhielten ihren Anteil. Damit war die Sache eigentlich erledigt und wäre wohl auch nie publik geworden. Doch einer aus den eigenen Reihen war zu spät zur Jagd gekommen und ging deshalb leer aus. Ihn plagte der Zorn, und wütend berichtete er über das heimliche Schlachtfest auf dem Harleshäuser Feld. So erfuhr der Landgraf von der Sache und verhängte eine drastische Strafe: 235 Jahre lang mussten die Harleshäuser jährlich zwölf Thaler und acht Albus zahlen, um die landesherrliche Allmacht wieder herzustellen.

Zur Entdeckung der Ossengeschichte

Schon im 18. Jahrhundert hat man, inspiriert von der französischen Revolution, über Agrarreformen nachgedacht. So wurde zum Beispiel 1807 durch die Stein-Hardenbergschen Reformen die Befreiung der preußischen (vor allem ostdeutschen) Bauern von der Leibeigenschaft verwirklicht.

In Kurhessen trat 1832 das Ablösungsgesetz in Kraft. Die noch von den Gesetzen des Mittelalters (Lehnsrecht, Afterlehen) herrührenden Grundlasten, die auf allen Feldstücken und Häusern lagen und an verschiedene Empfänger (z. B. Landesherrschaft, Adel, Kirche) geleistet werden mussten, wurden per Zahlung auf zwanzig Jahre abgelöst. Gleichermaßen wurden auch die Abgaben, die die Gemeinden zu leisten hatten auf die Möglichkeit der Ablösung überprüft. So stieß man in Harleshausen auf die Summe von 12 Thalern und 8 Albus, die seit "ewigen Zeiten" an die Gelehrtenschule (seit Landgraf Friedrich II. Friedrichsgymnasium)gezahlt werden mussten. 1832 wusste keiner mehr wofür man das Geld eigentlich zu zahlen hatte (gezahlt wurde hier nur noch sieben Jahre bis 1839). Erst die historischen Akten des Friedrichsgymnasiums gaben das Geheimnis preis. Das Gelächter über diese Erkenntnis soll in den Nachbargemeinden ziemlich groß gewesen sein.

Das Ossengedicht

Die Harleshäuser begegneten der Entdeckung der Tat der Vorfahren mit großem Stolz, waren ihre Vorväter und -mütter es doch gewesen, die dem mächtigen Landgrafen Moritz 1604 die Stirn geboten hatten. In diesem Sinne entstand das Ossengedicht mit den Namen einiger um 1830 in Harleshausen ansässiger Bauern und Bürger, wobei einige der hier genannten Familien auch schon 1604 in Harleshausen ansässig waren:

          Ein Urochs ging spatzmausen....
          Ein Urochs ging spatzmausen.
          von Wilhelmshöh`nach Harleshausen
          und als er kam ins Lückenrod
          da schlugen ihn die Harleshäuser tot.
          Da kam der Klapp und stach ihn ab.
          Da kam der Hildebrand mit seinen vier weißen
          Zicksen angerannt.
          Da kam der Beisheim und schleppte Kopf und Füße heim.
          Da kam der Klunz und sprach:
          Gebt mir auch `was in meinen Stunz!
          Da kam der Moog und sprach:
          Gebt mir auch `was in meinen Trog!
          Dann kam der Hermen und holte sich de Därmen.
          Dann kam der Metzger- Henner und sprach:
          Gebt mäh au was für Frau un Kenner!
          Dann kam der Knoche und sprach:
          Dies Späßchen bleibt nicht ungerochen!

siehe auch