Novemberpogrome 1938

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Am 7. November 1938 wurde in Kassel vor den Augen der Öffentlichkeit die Große Synagoge gestürmt. Es war der vorläufige Höhepunkt in einer Welle menschenverachtender Verfolgung, die sich gegen das jüdische Leben in Kassel richtete. Früher als in anderen deutschen Städten fand in Kassel die Pogromnacht statt. Im Vorderen Westen lassen sich noch heute die Spuren der jüdischen Bewohner erkennen. [1]

Zwei Tage später kam es in Kassel und anderen Orten der Region in der Nacht des 9. auf den 10. November zu erheblichen antijüdischen Ausschreitungen, zu Synagogenschändungen und der Zerstörung jüdischer Geschäfte, was lange Zeit als "Reichskristallnacht" verharmlost wurde.

Sturm über Synagogen zieht auf

Der Sturm auf die Kasseler Synagogen am 7. November 1938 war der Höhepunkt einer Welle der Judenverfolgung, die schon viel früher eingesetzt hatte und später jüdisches Leben fast völlig aus Kassel wegspülte.

"Kassel 10.11.1938. Mein lieber Walter! (...) Wir sind seit gestern abend bei Laues hier wie immer gut aufgenommen worden (...) – Papa ist für einige Tage verreist [in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert], so grüße ich Euch alle von ihm mit."

Diese Zeilen stammen von einer jüdischen Mutter, die sich in der Nacht des 9. November 1938 von Zierenberg nach Kassel geflüchtet hatte. Ihr Sohn, Walter Schartenberg, lebte bereits in England, um dort die Emigration seiner Familie aus Deutschland voranzutreiben.

Vertreibungspolitik

Das Pogrom, so wollte es Hitlers Politik, sollte die Bereitschaft der deutschen Juden zur Auswanderung erhöhen. Ihre Ausschaltung aus dem öffentlichen Leben hatte schon 1933 begonnen, in den Jahren von 1935 bis 1938 spitzte sich die Situation weiter zu.

1938 – durch eine zentrale "Judenkartei" und eine Ausweispflicht für Juden, die es bis dahin nicht gegeben hatte, war die Überwachung der jüdischen Bevölkerung total geworden – begannen willkürliche Verhaftungen und Deportationen von Juden. Am 27. Oktober 1938 ordnete der Kasseler Regierungspräsident an, "sofort und in großem Umfang gegen Juden polnischer Staatsangehörigkeit Aufenthaltsverbote für das Reichsgebiet zu erlassen." Die polnischen Juden des Regierungsbezirks Kassel wurden wie in ganz Deutschland auf eigene Kosten an die polnische Grenze deportiert. Da ihnen die polnischen Behörden jedoch die Einreise verweigerten, mußten die Familien einige Tage in menschenunwürdigen Lagern an der Grenze ausharren, bevor viele von ihnen in ihre Wohnorte zurückgebracht wurden.
Am Tag nach der Kasseler Pogromnacht entstand diese Aufnahme an der Großen Rosenstraße.

Unter den Tausenden von Juden, die im Niemandsland zwischen Deutschland und Polen herumirrten, war auch die Familie Grynszpan. Ihr Sohn Herschel lebte zu der Zeit in Paris bei seinem Onkel. Verbittert über das Schicksal seiner Familie, verübte der junge Mann in der deutschen Botschaft von Paris ein Attentat auf den Diplomaten Ernst Eduard vom Rath.

Noch bevor die Zeitungsmeldungen über die Verzweiflungstat des 17jährigen in Druck gehen, formieren sich am frühen Abend des 7. November in der Kasseler Innenstadt ungefähr 30 Männer. Über der Gruppe hängt der unheilschwangere Ruch einer Nacht- und Nebelaktion. Immer mehr Menschen schließen sich ihnen an. Hunderte sehen schließlich dabei zu, wie die Große Synagoge in der Unteren Königsstraße / Ecke Bremer Straße gestürmt wird. Die Männer schleppen Gebetsrollen, Kultgegenstände und Gestühl auf die Straße, zünden alles an. Anschließend zieht die Menschenmenge in die Große Rosenstraße, wo das gleiche im Schul- und Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde geschieht.

Zwei Tage später wies in München Reichspropagandaminister Goebbels in einer aufputschenden Rede auf die Vorfälle in Kassel und Kurhessen hin.

Der Appell wurde so verstanden, wie er gemeint war. Gau- und Gaupropagandaleiter eilten zu den Telefonen, um auch in ihrem Gau Pogrome auszulösen. Plünderungen sollten jedoch verhindert werden – wohl um den Schein rechtschaffenen Volkszorns zu wahren.

In Kassel und anderen Orten Kurhessens kam es an diesem Abend noch einmal zu antijüdischen Ausschreitungen. 258 männliche Juden wurden in Kurhessen am 10. November aus ihren Häusern geholt, zum Teil auf Lastwagen verladen und in die Kaserne des Infanterieregimentes 83 in der Hohenzollernstraße gebracht. Anschließend wurden die Männer von der Gestapo in das Konzentrationslager Buchenwald überführt.

Aus für die Juden

Am 10. November 1938 befahl Goebbels das Ende der Judenpogrome. Zwei Tage später forderte er bei einer Besprechung im Reichsluftfahrtministerium den Abriß der bei den Pogromen beschädigten Synagogen und das Verbot für die Juden, weiterhin am öffentlichen Leben teilzunehmen.

In Hessen wurde entsprechend gehandelt: Die Geschäfte der Kasseler Juden wurden nicht wieder eröffnet. Am 26. November wurde in der Mittelgasse 45 eine Sonderverkaufsstelle für Juden eingerichtet. Die dort auf Lebensmittelkarten erhältlichen Waren wurden ständig gekürzt, koscheres Fleisch und Milch gab es gar nicht. Außerdem wurden die Juden aus ihren Wohnungen verdrängt und in Sammelhäuser – "Judenhäuser" – und Baracken eingewiesen. Zu den frühesten lagerähnlichen Unterkünften gehörte die Barackensiedlung in Kirchditmold, Zentgrafenstraße 5-17, die noch vor 1933 für Obdachlose gebaut worden war. Seit 1936 wurden dort zehn bis 15 jüdische Familien untergebracht – in einem jeweils zehn bis zwölf Quadratmeter großen Raum. Auch auf der Wartekuppe in Niederzwehren gab es eine von der Gestapo überwachte Judenbaracke.

Die Kasseler Synagoge wurde wenige Wochen nach dem Überfall abgerissen.

Quelle: Jörg Kammler und Dietfrid Krause-Vilmar (Hrsg.): Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933-1945. Bd. 2

Die größenwahnsinige Idee von der totalen Stadt

Am 11. Mai 1938 wurde das Generalkommando eingeweiht. Seine Herrschaftsarchitektur war wegweisend für Kasseler Stadtplaner, die eine repräsentative Gauhauptstadt schaffen wollten.

Von den Kasseler Bürgern immer nur Generalkommando genannt, steht das am 11. Mai 1938 eingeweihte Wehrkreisdienstgebäude an der Wilhelmshöher Allee für den städtebaulichen Grundgedanken des Dritten Reiches: "Von dem Gestaltungswillen unserer Zeit zeugt kein Bau in Kassel so eindrucksvoll und zwingend wie dieser Bau der Wehrmacht, der das Gelagerte und Ragende, das Sachliche und das Feierliche, das Geschlossene und das dem Raum sich Öffnende so glücklich miteinander verbindet." (Kasseler Post, kurz nach der Einweihung des Gebäudes).

Entworfen vom damaligen Oberregierungs-Baurat, ist das Generalkommando in seiner Monumentalität, mit den riesigen Fensterfronten und dem säulengestützten Portal Musterbeispiel einer Architektur, die die "1000jährige Stadt" schaffen wollte. In seiner Rede auf dem Reichsparteitag von 1937 verkündete Hitler seine Vision einer deutschen Stadt: "Deshalb sollen diese Bauten nicht gedacht sein für das Jahr 1940, auch nicht für das Jahr 2000, sondern hineinragen gleich den Domen unserer Vergangenheit in die Jahrtausende der Zukunft." Dieses Ziel rechtfertigte, ja erforderte geradezu starke Eingriffe in vorhandene Bausubstanz. 1937 wurde ein entsprechendes "Gesetz zur Neugestaltung deutscher Städte" erlassen. Nach den sogenannten "Führerstädten" - Berlin, München, Hamburg, nach der Annektion Österreichs Linz - sollten die Gauhauptstädte, eben auch Kassel, nach dem Muster der "1000jährigen Stadt" umgebaut werden.

Das Generalkommando, heutiger Sitz des Bundesarbeitsgerichtes, bildete den Auftakt zu einer beabsichtigten Umgestaltung der Wilhelmshöher Allee, die folgendermaßen aussah:

Gigantische Ausmaße

Die Allee sollte insgesamt weitläufiger, die Häuser am Straßenrand dazu fast alle abgerissen werden. Dort, wo heute die Ingenieurschule steht, war der "Wilhelmsplatz" – vielleicht als Aufmarschplatz – vorgesehen. Ein Fernbahnhof sollte an ungefähr derselben Stelle wie heute, allerdings größer, gebaut werden. Seine Verkehrsanbindung sollte durch eine nord-süd-orientierte innere Ringstraße erfolgen; der erste Bauabschnitt, die kurze, zweispurige Strecke vor dem Generalkommando, wird noch heute befahren.

"Städtebaulicher Luftschutz" gewann übrigens immer mehr an praktischer Bedeutung. Eine weiträumige Gestaltung mit großen Freiräumen zwischen einzelnen Gebäuden sollten die Treffmöglichkeiten von Bomben einschränken und Brandausweitung verhindern.

Die Planungen, denen später noch radikalere folgten, wurden nie verwirklicht; bei den Bauvorhaben erfolgte eine Schwerpunktverschiebung in Richtung Fernstraßen-, Militäranlagen- und Schwerindustrieanlagenbau. Interessant ist trotzdem, daß Stadtbaurat und Leiter des Planungsamtes von den Alliierten in ihren Ämtern belassen wurden und landläufig als "Väter des Wiederaufbaus" in Kassel gelten.

Quelle: Folckert Lüken-Isberner: "Von der Gauhauptstadtplanung zur Gigantomanie in Trümmern". In: Leben in Ruinen – Kassel 1943-48. Jonas-Verlag

Die Militarisierung der Gauhauptstadt

Mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 kam Kassels ältestes Regiment, das Infanterieregiment 15, wieder vollständig nach Kassel zurück. Neue Kasernen wurden gebaut: die Hindenburg-Kaserne 1935, die Wittich-Kaserne von 1936 bis 1938. Das Kasseler Infanterieregiment (mot.) 15 nahm an der Besetzung des Sudetenlandes 1938/39 teil. 1939 wurde es in das Magdeburger XIV. Armeekorps eingegliedert und kämpfte mit in Polen, Frankreich und der Sowjetunion. Im Januar 1943 wurde es bei Stalingrad völlig vernichtet.

Die Arisierung des jüdischen Besitzes

Nach dem Novemberpogrom von 1938 wurde die Schließung aller jüdischen Geschäfte und Betriebe verfügt; die "Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens" vom 3. Dezember 1938 war die Grundlage für die Arisierung des gesamten jüdischen Besitzes. Im Verwaltungsbericht der Stadt Kassel für das Jahr 1938 wird auf die Arisierung jüdischen Grundbesitzes hingewiesen: "Es sind etwa 180 jüdische Hausgrundstücke vorhanden. Es kamen 130 Verkäufe zur Vorlage, und zwar 70 über Hausgrundstücke und 60 über unbebaute Grundstücke."

Literatur

siehe auch

Weblinks und Quellen

Quellen

  1. HNA-online vom 7.11.2014: Die Opfer der Kaiserstraße - Erinnerungen an Juden aus dem Vorderen Westen

Weblinks