Northeimer Neueste Nachrichten

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Seit November 2005 sind Geschäftsstelle, Redaktion und Anzeigenabteilung der NNN in einem modernen Gebäude In der Fluth 24 zu finden.

Den Lesern verpflichtet

„Das Vaterland über die Partei”, dieser Spruch zierte die Kopfzeile der Northeimer Neueste Nachrichten vom 2. Januar 1931 bis zum 2. Dezember 1933. Dahinter steckte ein Programm, nur aus der Zeit zu verstehen. Nicht den Parteien, nicht einer Partei fühlte sich die NNN verpflichtet, sondern Deutschland, dem Vaterland, seinen Bürgern. Das war national, aber nicht nationalistisch gedacht, und es war aus dem Wertekonsens der Zeit akzeptabel.

Erste Ausgabe am 12. September 1909

Am 12. September 1909 erschien die erste Nummer der „Northeimer Neueste Nachrichten” – es war ein Sonntagskind. Zunächst verlegte der Nationalliberale Verein selbst die NNN, dann vom 1. Januar 1910 an die Firma Dobler & Sohn. Am 1. Juli 1910 übernahm der Verleger Paul Hahnwald die NNN, selbst der liberalen Sache verpflichtet. Programmatisch erklärte er in der ersten von ihm verantworteten Ausgabe, er betrachte es als „vornehmste Aufgabe (...), zur Verbreitung und Vertiefung liberaler Grundsätze beizutragen, ohne dabei den Boden der Sachlichkeit zu verlassen”. Die NNN wurde wirtschaftlich geführt, Hahnwald war Verleger und Redakteur. Man schrieb für ein breites Publikum, mühte sich um schnelle Berichterstattung, vernachlässigte das Lokale nicht, versuchte die Zeitung „modern” zu gestalten, Fotos gab es noch nicht, aber Federstrichzeichnungen. Die NNN hatte Erfolg und Bestand. Seit ihrem Bestehen erschien die NNN täglich. Auch am Sonntag gab es die NNN, dafür wurde der Montag aber ausgespart. Erst zum Jahreswechsel 1922/23 wurde der Rhythmus gewechselt, nun gab es am Montag statt am Sonntag eine Ausgabe. In den 20er Jahren, in der Weimarer Republik, veränderte sich die Zeitungslandschaft nur etwas. Parteiblätter kamen auf, auch im lokalen Bereich, und das Göttinger Volksblatt, eine SPD-Zeitung, bediente auch die Northeimer mit Lokalnachrichten. Aber eine Konkurrenz für die NNN war das nicht. Als Anfang der 30er Jahre die örtliche NSDAP ihre Propagandaschrift „Hört! Hört!” herausbrachte, war auch das noch keine Konkurrenz für die seriöse NNN. Aber als die Nationalsozialisten die Macht auch hier in der Stadt ergriffen, wurde die Situation schwieriger. Zum einen wandelte sich das Kampfblatt „Hört! Hört! in eine anspruchsvoll aufgemachte Zeitung und nannte sich nun – analog zum „Völkischen Beobachter” – „Northeimer Beobachter” (später – seit Juli 1937 – „Heimat Beobachter”). Die NS-Zeitung verstand es natürlich, Inserenten an sich zu ziehen und den beiden anderen Zeitungen abspenstig zu machen. Zum anderen ging die örtliche NSDAP aber auch ganz massiv gegen die NNN und ihren Verleger vor.

Unersetzlicher Wert

Die NNN wehrte sich gegen den Abonnenten- und Inserentenschwund mit Artikeln über den unersetzlichen Wert der Lokalpresse, wies darauf hin, dass die Reichsleitung der NSDAP wirtschaftliche Maßnahmen gegen die bürgerliche Presse untersagt hätte. Aber das aller nutzte natürlich nichts, die NNN war in ihrer Existenz massiv bedroht. Am 2. Dezember 1933 holte die örtliche NSDAP die Keule heraus. Nach dieser Samstagausgabe erschien die Zeitung einstweilen nicht mehr. Ein missliebiger Artikel vom 29. November war aufgefallen. Die NNN hatte Stimmen gegen den Reichsbischof Müller und seine Anhängerschaft bei den Deutschen Christen veröffentlicht und damit die zu der Zeit noch vertretene Parteilinie verletzt, über die Glaubensbewegung Deutsche Christen Einfluss auf die evangelische Kirche in Deutschland zu bekommen. Die NNN hatte ein Publikationsverbot erhalten.

Deutliche Drohung

Eine Woche später konnte sie zwar wieder erscheinen, aber von nun an fehlte die Kopfzeile „Das Vaterland über die Partei”. Sie war aufgefallen und musste verschwinden. Die Drohung war deutlich, die Einschüchterung erheblich. Aber diese Einschüchterung und ja auch öffentliche Dokumentation der politischen Missliebigkeit der NNN wirkten sich auf die Leser- und Inserentenschaft der NNN nicht mehr negativ aus. Der Stamm, der nach den Abwanderungen im Frühjahr 1933 noch bestehen geblieben war, blieb der Zeitung treu und sicherte die wirtschaftliche Grundlage. 1935 holte die NSDAP zum zweiten Schlag aus, allerdings wurde er nicht öffentlich. Als der Verleger Paul Hahnwald sen. verstarb, wollte seine Witwe den Verlag übernehmen. Als sie sich deshalb um Aufnahme in den „Reichsverband der deutschen Zeitungsverleger” bemühte, wurde die Northeimer Polizeibehörde um Auskunft über „politische, weltanschauliche und konfessionelle Einstellung und Betätigung” gebeten. Zunächst erfolgte eine positive Beurteilung durch den Northeimer Polizeichef, die aber, nachdem sie Bürgermeister Girmann zur Kenntnis gekommen war, von diesem kassiert wurde.

Zweifel an Linientreue

In seiner Stellungnahme zog er das „unbedingte Eintreten für den nationalsozialistischen Staat” durch die NNN in Zweifel, verwies auf das Publikationsverbot und sah in der „heutigen Einstellung” – also das offenbare Wohlverhalten der Zeitung – nur „Konjunkturpolitik”. Aber auch wenn Girmann die Aufnahme der Verlegerin in den Verband, dessen Mitgliedschaft Voraussetzung für die Herausgabe der NNN war, nicht befürwortete, liefen die Entscheidungen offenbar anders, die NNN erschien weiter. Während des Krieges änderte sich die Presselandschaft vollständig. Im zweiten Kriegsjahr 1940 begann man die Parteipresse Südniedersachsens zusammenzulegen, und der Northeimer „Heimat-Beobachter” ging am 1. Juli 1940 in der „Südhannoverschen Zeitung” auf. In den nächsten Kriegsjahren folgte die „parteiunabhängige” Presse. Die NNN ging am 1. Juli 1941 unter das Dach der „Südhannoverschen Zeitung” und damit früher als die anderen Heimatzeitungen der Region, die erst 1943 übernommen wurden. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war es mit der Lokalpresse einmal zu Ende. Die Alliierten stellten das Pressewesen unter ihre Kontrolle, vergaben Lizenzen für neue Zeitungen, begleiteten den Aufbau der neuen Blätter beständig mit. Allerdings wurden auf lokaler Ebene solche Lizenzen nicht vergeben, man beschränkte sich auf überregionale Blätter. So blieb Northeim bis zur Gründung der Bundesrepublik ohne Lokalzeitung.

27. 10. 1949

Erst am 27. Oktober 1949 konnten die Northeimer wieder ihre NNN in den Händen halten – der Schriftzug der NNN war gleich geblieben – wie seit ihrer Gründung. Mittlerweile hatte Paul Hahnwald jun. den elterlichen Betrieb übernommen. Schon vor dem Krieg war auch er in die Redaktion eingetreten und nun, von dieser ersten Nachkriegsausgabe an, verantwortete er die Zeitung redaktionell. Er war, wie schon sein Vater, Verleger, Herausgeber und „Chefredakteur” in Person. Programmatisch ging er auch in seiner Ankündigung der Wiederauflage der Zeitung vor, stellte sie in die Tradition aber auch in die aktuelle Situation des Nachkriegsdeutschlands: „Im übrigen sollen die NNN das sein und bleiben, was sie früher waren: Ein Heimat- und Familienblatt ohne Zugehörigkeit zu irgendeiner Partei, eine unabhängige Zeitung, die in Inhalt und Gestaltung auf dem Boden der Heimat steht und in abwechslungsreicher, lebendiger Darstellung jedem etwas bringt.”

Veränderungen

Entscheidende Änderungen bahnten sich dann Anfang der 70er Jahre an. Die „Hannoversche Presse” gab ihre Regionalausgabe „Göttinger Presse” und deren Lokalausgaben auf. Die „Hessische Allgemeine” aus Kassel sprang dafür in die Bresche, übernahm deren Abonnenten im südniedersächsischen Raum - mit Ausnahme von Einbeck. So fasste die „Hessische Allgemeine” auch in Northeim Fuß. Ab 1971 war sie mit der „Northeimer Allgemeinen” in der Stadt vertreten. Eine Lokalredaktion mit drei Redakteuren in Northeim und ein Redakteur in Uslar machte die Zeitung, deren überregionaler Teil aus Kassel kam. Im Juli 1972 wurde das Berichts- und Verbreitungsgebiet der „Northeimer Allgemeine” auch auf das Alte Amt ausgedehnt. Die „Northeimer Allgemeine” war kein ökonomischer Erfolg. Es waren auch Prestigegründe, die ihr Bestehen bestimmte, in erster Linie aber waren es strategische Überlegungen des Verlagshauses Dierichs. Die „Hessische Allgemeine” sollte sich auf Südniedersachsen ausdehnen. In Hann. Münden konnte mit der „Mündener Allgemeine” ein Blatt etabliert werden, das sich am Markt durchsetzte, in Northeim hatte Dierichs Glück, er traf auf besondere Umstände. Aus persönlichen Gründen wollte sich der Verleger der NNN, Paul Hahnwald, aus dem Zeitungsgeschäft zurückziehen und übergab eine ökonomisch gesunde Zeitung an das Verlagshaus Dierichs. Die „Northeimer Allgemeine” verschwand zum Ende des Monats Januar in Northeim vom Markt. Die Lokalredaktionen wurden zusammengelegt. Vom ersten Februar an erschien nur noch eine Zeitung - die NNN - mit dem Untertitel „Northeimer Allgemeine” im Kopf.

Mantel aus Kassel

Der Mantel wurde nun von der „Hessischen Allgemeine” aus Kassel geliefert. Diese „neue” NNN druckte nun täglich 13.000 Exemplare. So stand die NNN 1975 nach der Umstrukturierung der Zeitungslandschaft in Südniedersachsen größer und gefestigter da, als vor dem großen Umbruch. In Northeim, der alten wie neuen Kreisstadt, war sie konkurrenzlos, erstmals war sie einzige Zeitung am Platz. Die „Hessische Allgemeine” hatte nun „genug Brückenkopf” in Südniedersachsen, um sich im Titel selbst dies zu bestätigen und ihrem nordhessischen Standbein ein neues Spielbein hinzuzufügen – nicht mehr „Hessische Allgemeine” hieß es jetzt, sondern „Hessische/Niedersächsische Allgemeine”, abgekürzt und mittlerweile eingebürgert „HNA”. Im Kopf der NNN trat jetzt dieser Namenszug hinzu, aber rechts daneben blieb der charakteristische Namenszug „Northeimer Neueste Nachrichten” bestehen, und erstmals erhielten die Northeimer ihre NNN so am 2. Januar 1975. Der Titel NNN blieb erhalten – bis heute, obwohl Dierichs dem Altverleger Hahnwald die Erhaltung des Titels nur für einen Zeitraum von drei Jahren zugesagt hatte. Aber es machte Sinn, dabeizubleiben, die von Hahnwald reklamierte Synthese von bewährter Heimatzeitung und großer Regionalzeitung ließ sich auch und gerade unter dem Titel NNN in Northeim gut vermarkten.

Neues Layout

Auffällig gewandelt hatte sich nun 1975 mit dem neuen Kopf auch das Layout des Lokalteils. Er wurde nun 6-spaltig gemacht, wie die übrige Zeitung auch. Das hatte den Lokalteil und die übrigen Teile nach der Übernahme durch die „Hessische Allgemeine” (HNA) im Winter 1973 beharrlich unterschieden, der Lokalteil war 4-spaltig gedruckt worden. Auch der Ausgaberhythmus der NNN hatte sich verändert. Aus einer Mittagszeitung – morgens konnten noch die neuesten Meldungen eingebracht, mittags die Zeitung mit den Schulbussen in die umliegenden Ortschaften gefahren werden – wurde eine Morgenzeitung. Die Zeitung entwickelte sich weiter und wurde den Zeiterfordernissen angepasst. Der praktische Nutzwert der Zeitung wurde verstärkt, die NNN „will ein Stück Lebenshilfe sein”. Seit 90 Jahren ist die NNN Bestandteil der Northeimer Zeitungsgeschichte, die 1831 begann. Aber die Zeitung hat nicht nur ihren Wert für den Tag. Der Journalisten-Spruch „Nichts ist so alt wie eine Zeitung von gestern” hat zwar auch schon seine Berechtigung, aber die Zeitung ist die Chronologie der laufenden Ereignisse. Hier dokumentiert sich auch Geschichte.

Stadtgeschichte

Im Lokalteil der Zeitung werden die Ereignisse beschrieben und niedergelegt, aus dem – auch – die Stadtgeschichte geschrieben wird. Die Lokalzeitung ist eine wichtige und unverzichtbare Quelle für den Historiker, auf sie muss er sich verlassen können.

Umzug im November 2005

Im November 2005 ist die NNN vom Markt in ihr neues Domizil umgezogen. Seither sind Geschäftsstelle, Redaktion und Anzeigenabteilung in einem modernen Gebäude In der Fluth 24 zu finden.

Von Ekkehard Just