Neue Fahrt

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Der Florentiner Platz

Der Florentiner Platz, der den Höhenunterschied zwischen Neuer Fahrt und Wolfsschlucht ausgleicht, ist über Jahrzehnte eine einzige ruhende Blechlawine. Heute hat er sich zu einer Zierde für die inzwischen verkehrsberuhigte Neue Fahrt gemausert: Gerade noch im Schritttempo dürfen die Autos um Straßencafés und Platanen schleichen.



Neue Fahrt Nr. 2

Auf dem Parkplatz hinter dem Woolworth-Kaufhauses wurde 2003 ein Büro- und Geschäftshaus eingeweiht. Bauherr ist die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft (GWG). Der acht Millionen Euro teure Neubau entstand nach Plänen des Kasseler Architektenbüros Atelier 30. Die Aussenfassade wurde aus graubraunen Muschelkalksteinen verkleidet. Das verglaste Erdgeschoss wurde dezent zurückversetzt. Die Fassade wird durch ungewöhnlich angeordneten, schmalen Fensterflächen belebt. Hinter dem eigenwilligen Rhythmus steckt ein ausgeklügeltes System. Dutzende von Studien haben die Architekten angefertigt, bis sie zufrieden waren.

Das fünfgeschossige Haus wird durch einen verglasten Eingangsbereich unterteilt. Die Rückseite besteht aus einer Putzfassade. Die GWG hat mit ihren 90 Mitarbeitern die rechte Gebäudehälfte belegt. Die Büros sind hell und freundlich, Glastüren sorgen für Transparenz. Im Erdgeschoss befinden sich mehrere Geschäftsräume.

Parkhaus / Centrum-Garagen

Nach einem Entwurf von Paul Bode und Ernst Brundig entstand 1955 das Parkhaus. Das Bausystem der "Centrum-Garage" ließen sich die Architekten patentieren. Die Garage besteht aus 350 Boxen auf 2000 m². Eine Doppelwendel dient abwechselnd dem Auf- oder Abwärtsverkehr. Ursprünglich hatte die Centrum-Garage ein Ganzglasfassade. Im Erdgeschoss befanden sich Läden und eine Tankstelle.

Spektakulär war 1956 die Einweihung des Parkhauses: Auf dem Flachdach landete ein schneeweißer Hubschrauber des ersten deutschen Lufttaxi-Dienstes Düsseldorf. Aus ihm entstieg u.a. der Bauherr Dr. Klaus Bergmann. Das Flachdach, so der damalige Fortschritts-glaube, sollte zukünftig als Landeplatz für den Flugverkehr dienen.

In den 70er Jahren wurde die Glasfassade durch eine Alublechverkleidung ersetzt. Ende der 90er Jahre konnten dann nach Plänen des Kasseler Büros Ohlmeier wieder eine Glasfassade dem Parkhaus vorgesetzt werden. Die vertikal und horizontal gegliederte Fassade wechselt sich mit grünlich getönten Glaselementen und mit sandgestrahlten Glaslamellen ab.


documenta-Kunstwerk "Truisms" (zerstört)

An dem Haus Neue Fahrt / Ecke Opernstraße befand sich ein documenta-Kunstwerk aus dem Jahr 1982 von Jenny Holzer. Bei einer Sanierung 2002 des Hauses wurde das Kunstwerk zerstört. Das Werk „Truisms“ besteht aus provokanten Thesen:

"Absichten zu verheimlichen, ist gemein

Am Besten macht man seine Eigene Sache

Ängstlichkeit ist lächerlich

Aus Langeweile macht man verrückte Sachen

Die Ältesten Ängste sind die Schlimmsten

Die tiefgreifendsten Dinge kann man nicht ausdrücken

Du hast immer die Freiheit der Wahl

Dumme Menschen sollten sich nicht fortpflanzen

Ein starkes Pflichtgefühl ist wie ein Gefängnis

Es beruhigt, Angst zu Kategorisieren

Es ist das Los der Menschheit, sich selber auszutricksen

Folter ist barbarisch

Für die Liebe zu sterben, ist schön, aber dumm

Geld entwickelt Geschmack

Gib alles in der Liebe und lass dem Schicksal seinen Lauf

Glücklichsein ist wichtiger als alles andere

Handeln schadet mehr als Denken

Heutzutage gibt es zu wenig Wahrheiten

Humor befreit

In Deinen Träumen bist Du Unschuldig

Irgendwann ersetzt man Ideale durch konventionelle Ziele

Die Arbeit eines jeden ist gleich wichtig

Kinder sind die Grausamsten von allen

Kinder sind die Hoffnung der Zukunft

Lieber naiv sein als ausgebrannt

Mangel an Ausstrahlung kann verhängnisvoll sein

Missbrauch von Macht sollte keinen überraschen

Mythen machen die Realität verständlicher

Oft sollte man sich geschlechtslos geben

Revolution beginnt mit Veränderungen im Individuum

Romantische Liebe wurde erfunden um Frauen zu manipulieren

Schreckliche Bestrafung erwartet wirklich böse Menschen

Selbstlosigkeit ist die höchste Errungenschaft

Sogar die eigene Familie kann einen verraten

Sterben sollte so einfach sein wie Kuchenbacken

Töten ist unvermeidbar, aber kein Grund zum Stolz

Väter sind oft zu gewalttätig

Wer verrückt wird ist eben zu empfindlich

Wirkliche Freiheit ist furchterregend

Zorn auszudrücken ist wichtig

Zu viel zu essen ist kriminell."

Vom Reißbrett des Aufbaus

Die Neue Fahrt in der Innenstadt steht für den Neuanfang nach 1945

Es gibt sie auch im Zentrum: Straßen, die nicht im Bombenhagel des Oktober 1943 untergegangen sind oder sich schon seit dem Mittelalter einen Namen gemacht haben. Die Neue Fahrt ist so eine. Ein Produkt vom Reißbrett des Wiederaufbaus der Kasseler Innenstadt nach dem Zweiten Weltkrieg. Geplant als reine Entlastungsstraße für die vom Verkehr befreite Königsstraße.

Hier ging es schlicht um die Aufnahme des Park-, Halte- und Zulieferverkehrs rund um Kassels neues Hauptgeschäftsgebiet. Und so sah die Neue Fahrt dann bis weit in die 1990er-Jahre auch aus: Parkplätze, Parkhäuser und Stoßstange an Stoßstange. Unter dem Angebot an Stellflächen übrigens auch jene erste aufzugsfreie Hochgarage im Bundesgebiet, die ihre Fronten sowohl in der Garde-du-Corps-Straße als auch in der Neuen Fahrt hat.

Baustart ist im September 1949. Schuttfresser sind rundherum im Einsatz, überall stehen Bretterbuden als behelfsmäßige Verkaufsstände. Doch 1950 machen sie nach und nach Platz, weichen modernen Neubauten entlang jenem „kühnen neuen Straßenzug“, der die Wilhelmsstraße - vorbei am ehemaligen Stadtparkgelände - mit der Fünffensterstraße verbindet.

Um den Namen wird gerungen. Am Ende stehen noch zwei Varianten zur Debatte: Hugenottenstraße und Neue Fahrt. Am 5. Februar 1951 fällt im Magistrat die Entscheidung für Neue Fahrt, um mit dieser neuen Straße den Wiederaufbau Kassels zu dokumentieren.

Die Planer sind mit den Fortschritten zufrieden. 1957 lautet der Tenor: genügend Parkflächen in zumutbarer Entfernung zu den Hintereingängen in die Geschäftshäuser. Und 1964 sind sie immer noch dran, an der Neuen Fahrt. Jetzt muss der zweite Bauabschnitt bis zur Opernstraße am 20. Oktober fertig sein, denn an diesem Tag öffnet der Kaufhof-Neubau seine Pforten. Endlich im Frühjahr 1965 schließt sich der letzte Teil der Neuen Fahrt von der Opernstraße bis zu Wolfsschlucht und Treppenstraße an. 384 Meter lang und neun Meter breit ist die Fahrbahn, 3,50 Meter breite Fußwege säumen beide Seiten.