Nationalsozialismus und Arbeiterbewegung

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Die Jagd auf kommunistische und sozialdemokratische Parteimitglieder trieb in der NS-Zeit viele ins Exil oder in den Untergrund. Schon früh spürte die Arbeiterbewegung den Druck durch das Hitler-Regime.

Der Wahlkampf im Februar/März 1933 machte dies bereits deutlich. Die politischen Gegner der NSDAP werden systematisch terrorisiert und in ihrem Werben um die Wähler massiv behindert. So gesehen sind die 48,4 Prozent, die die Nazis bei der Reichstagswahl in Kassel am 5. März erhalten, eine Enttäuschung. Ihre Gegner sind zwar eingeschüchtert, aber nicht beseitigt.

Deshalb setzt schon am Tag nach der Wahl eine neue Welle des Terrors gegen Sozialdemokraten und Kommunisten, Gewerkschaften und Juden ein. Zahlreiche Ämter und Behörden werden von Gegnern des neuen Regimes "gesäubert". Dies beginnt mit dem demonstrativen Hissen von Hakenkreuzfahnen. Während vor den jeweiligen Behörden SA- und SS-Mannschaften in bedrohlicher Manier Aufstellung nehmen, bedrängen drinnen Roland Freisler (er war damals NSDAP-Fraktionsvorsitzender im Kasseler Stadtparlament und Abgeordneter des preußischen Landtags) und NS-Gauleiter Karl Weinrich die Behördenleiter. Kaum einer traut sich, Widerstand zu leisten. Auf Rathaus und Ständehaus, auf Arbeitsamt und Bahnhof, Finanzämtern und Schulen wehen schon bald die Fahnen der Nazis.

Am 7. März schlagen die "neuen Herren" gegen die Gewerkschaften los, am 9. gegen jüdische Geschäftsleute. SA-Leute besetzen das Gewerkschaftshaus, zerschlagen das Mobiliar und werfen Akten und Unterlagen auf die Straße. Auf dem Martinsplatz verbrennt der organisierte Mob erbeutete Gewerkschaftsfahnen. SA-Leute verschleppen Arbeitervertreter in die berüchtigten Sturmlokale in der Oberen Karlsstraße und mißhandeln sie dort auf brutalste Weise. Die Polizei schaut demonstrativ weg – auch als am Tag danach in der Oberen und Unteren Königsstraße jüdische Geschäfte boykottiert werden. Die Nazis schlagen mehrere jüdische Bürger zusammen, der Anwalt Max Plaut erliegt eine Woche später seinen Verletzungen.

In einem Vortrag hat Dietfrid Krause-Vilmar das Geschehen am 7. März 1933 vor dem Kasseler Gewerrkschaftshaus wie folgt dargestellt: “Am Nachmittag des 7. März drangen SA- und Stahlhelm-Leute in das Kasseler Gewerkschaftshaus ein, zerstörten Möbel und Innenräume, zerschlugen Türen und warfen Fahnen, Bilder, Druckschriften (darunter Akten und Mitgliederverzeichnisse) durch die Fenster auf die Strafle. Freisler erklärte in einer Rede, die NSDAP habe symbolisch vom Gewerkschaftshaus Besitz ergriffen. Anschließend zog der Zug zum Martinsplatz, wo die Gewerkschaftsfahnen verbrannt wurden. Auf diese Weise wurde die Zerschlagung der Freien Gewerkschaften in Kassel eingeleitet. [1]

Die Zeit des Hitler-Regimes hat viele dunkle Flecken in der Geschichte hinterlassen, an die mit den nachfolgenden Beispielen exemplarisch erinnert wird.

Abwehr und Ohnmacht

Die Nationalsozialisten zerschlugen vor 75 Jahren die Arbeiterbewegung

Schwalm-Eder. Etwa 500 Männer der Sturmabteilung (SA) marschierten im Frühsommer 1932 mit Hakenkreuzflaggen durch das kleine Dorf Besse - die Nationalsozialisten stellten die Machtfrage in der roten Hochburg. Schließlich prägte die Arbeiterschaft die Sozialstruktur im Dorf. Hier fassen wir die Recherchen von Gewerkschafter Hilmar Burkhardt zusammen.

Schon 1932 spürte die Arbeiterbewegung den Druck durch das Hitler-Regime. Dieser nahm insbesondere nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 zu. Allerdings folgte die Antwort auf den SA-Aufmarsch prompt: Ein Großteil der Bewohner hisste die schwarz-rot-goldene sowie die Drei-Pfeile-Flagge. Letztere war das Symbol für das Bündnis von freien Gewerkschaften, Arbeitersportorganisationen und SPD.

Eine Provokation für die Nazi-Oberen. Diese hatten bei den Wahlen zum Preußischen Landtag mit ihrer Partei NSDAP in den landwirtschaftlich geprägten Kreisen Fritzlar, Homberg, Melsungen und Ziegenhain die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen erobert. Ein gutes Jahr später, ab dem 6. März 1933, verschärften SA und Polizei durch gezielte Durchsuchungsaktionen gegen Einrichtungen der Arbeiterbewegung die Atmosphäre des Terrors.

So umstellten SA-Männer am 8. März das Wohnhaus des seit 1918 regierenden Bürgermeisters, Werner Thiel. Mit vorgehaltener Pistole musste er halb bekleidet die Hakenkreuzfahne auf dem Dach seines Hauses hissen. Thiel bildete ein bevorzugtes Ziel der Nazi-Propaganda: Er war Gründungsvater des Arbeiterturnvereins und SPD-Mitglied. Nach etwa einer Woche wurde die Flagge von einem SA-Spielmannszug eingeholt.

Die Hausdurchsuchungen setzten die Nazi-Schergen im Juni fort, führende Funktionäre der Arbeitervereine sowie der SPD waren betroffen. SA und Polizei beschlagnahmten alle wichtigen Unterlagen und Vermögenswerte. Die Arbeiterbewegung in Besse war zerschlagen. (ano)

HINTERGRUND
Den Maifeiertag führte Hitler ein: Per Gesetz führte die Regierung unter Reichskanzler Adolf Hitler den 1. Mai als Feiertag der nationalen Arbeit ein. Das Hitler-Regime inszenierte den Tag als Bekenntnis zur Volksgemeinschaft. So hatten auch alle Besser Bürger zu einer Versammlung am Kriegerdenkmal zu erscheinen, wie Gewerkschafter Burkhardt mitteilt. Der Kontrollwahn der Nazis fand hier seine Fortsetzung. (ano)

Straßenkämpfe forderten Todesopfer

Durch Provokation der Nationalsozialisten verursacht, kam es am 18. Juni in Kassel in der Altstadt zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und Nazi-Gegnern.

Kassel. Als "blutiger Mittwoch" ging der 18. Juni 1930 in die Geschichte Kassels ein. Im Zusammenhang mit Kundgebungen der Nationalsozialisten war es erstmals zu Protesten gekommen, die schließlich in der Kasseler Altstadt in gewalttätigen Auseinandersetzungen mündeten: Die Bilanz dieses "blutigen Mittwochs": Elf Menschen wurden durch Messerstiche und Hiebe schwer verletzt, der nationalsozialistische Stadtverordnete Messerschmidt starb wenige Tage später an seinen schweren Verletzungen.

Die Kasseler Polizeieinheiten (Standort ist die alte Kaserne in der Hohenzollernstraße), die sich aus drei Bereitschaften und einem berittenen Zug zusammensetzen, nehmen im Verlauf der blutigen Vorgänge 26 Personen fest. Zum einen, weil sie die Uniform der NSDAP trugen, was zu diesem Zeitpunkt verboten war, zum anderen, weil sie sich gegen die Anweisungen der Polizei zu Wehr setzten. Einige Waffen und Munition wurden außerdem sichergestellt.

Lohnkürzungen
Hintergrund der blutigen Auseinandersetzungen waren die Kürzungen der Gehälter und Löhne sowie die neuen Steuern, die die Regierung Brüning kurz vorher erhoben hatte. Dies nutzten die Nationalsozialisten überall im Land zu scharfer Provokation - so auch in Kassel. Die Nationalsozialisten, die gerade in Kassel die Vorherrschaft der Linksparteien brechen wollten, planten an diesem 18. Juni Versammlungen in vier Kasseler Lokalen. Einer der Veranstaltungsorte sollte dabei das Gasthaus "Stadt Stockholm" in der Mittelgasse sein, das häufig den Kommunisten als Treffpunkt diente.

Diese - als unglaubliche Provokation aufgefaßte - Nachricht verbreitete sich an diesem Mittwoch wie ein Lauffeuer durch die Altstadt. Hinzu kamen Plakate der Hitler-Anhänger, die politische Gegner als "Mordbrenner" beschimpften und forderten "Wir wollen keine feige Zurückhaltung mehr üben".

So versammelten sich vor der "Stadt Stockholm", wo die Nationalsozialisten tagten, mehrere Hundert Bürger. Die Stimmung war angeheizt. "Nazis raus! Nazis raus!" schrie die Menge. Doch die Polizei hielt zunächst die Gaststätte im Umkreis von 100 Metern frei, so daß die Nazi-Gegner nicht das Lokal stürmen konnten. Auch als die Teilnehmer der Versammlung in mehreren Gruppen die "Stadt Stockholm" verließen, geschah dies unter Polizeischutz. Doch nicht weit davon entfernt, auf dem Königsplatz, dort also, wo die Polizei nicht anwesend war, eskalierte die Situation plötzlich. Es kam zu blutigen Straßenkämpfen. Der NS-Stadtverordnete Messerschmidt wurde an der Garnisonkirche von einem Unbekannten mit mehreren Messerstichen getroffen. Er starb wenige Tage später an diesen schweren Verletzungen. Weitere zehn Personen, aus beiden "Lagern" wurden schwer verletzt.

Kasseler Nazi-Vergangenheit

Die Zeit des Hitler-Regimes hat dunkle Flecken in der Geschichte Kassels hinterlassen. Darüber können sich Interessierte und Forscher im Kasseler Stadtarchiv informieren: im Jahr 2013 hat die Universität Kassel dem Archiv rund 12.500 Dokumente über die Zeit des Nationalsozialismus überlassen. [2]

Literatur

  • Dietfrid Krause-Vilmar, Die nationalsozialistische Machtergreifung 1933 in der Stadt Kassel (Vortrag 1999) | kobra.bibliothek.uni-kassel.de (pdf)
  • Rolf Wekeck, Widerstand gegen die Nationalsozialisten, Erinnern in Kassel, Verlag Winfried Jenior Kassel [3]

siehe auch

Weblinks und Quellen

Quellen

  1. Dietfrid Krause-Vilmar, Die nationalsozialistische Machtergreifung 1933 in der Stadt Kassel - Vortrag in der Volkshochschule Kassel am 27. Oktober 1999 (pdf)
  2. HNA-online vom 7.9.2013: Nazi-Vergangenheit Kassels: 12.000 Dokumente zeigen Terror
  3. HNA-online vom 1.9.2013: Wie die Kasseler Widerstand gegen die Nazis leisteten

Weblinks