Nach dem Mauerfall - ab nach Kassel

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"Wahnsinn!" war das meist gehörte Wort jener Tage, als die Mauer fiel. Zehntausende Besucher aus der DDR gewannen in Kassel ihre ersten Eindrücke vom Westen. Die Stadt platzte aus allen Nähten.

Am Freitag, 10. November 1989, gegen 3.20 Uhr wurden die ersten Trabis in Kassel gesichtet - sinnigerweise am Platz der Deutschen Einheit. Einige Stunden zuvor hatte in Ostberlin SED-Politbüromitglied Günter Schabowski vor der Presse die historischen Sätze gesprochen: "Mir ist eben mitgeteilt worden, der DDR-Ministerrat hat beschlossen, Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt...".

War die Grenze wirklich offen? Einfach mal ausprobieren, ob man tatsächlich in den Westen darf - diesen Entschluß faßten zahlreiche Thüringer und nahmen spontan mit ihren Trabis und Wartburgs Kurs auf Hessen. Bei den ersten, die am Freitag in Kassel eintrafen, herrschte eher noch ungläubiges Staunen als laute Begeisterung. Gerade mal 350 Besucher aus der DDR, die ihr Begrüßungsgeld von 100 Mark abholten, wurden am Freitag gezählt.

Doch schon am Wochenende platze die die Kasseler Innenstadt aus allen Nähten. Am Samstag - Oberbürgermeister Hans Eichel hatte die DDR-Bürger um 11 Uhr bei einer Kundgebung vor dem Rathaus willkommen geheißen - war die Obere Königsstraße erstmals dicht, Straßenbahnen kamen nicht mehr durch. Kurzfristig wurden am Stadtrand Zusatzparkplätze eingerichtet, und in der Innenstadt blieben Trabis und Ladas Knöllchen-freie Zone. Verwaltung und private Initiativen sorgten in aller Eile für Besucher-Anlaufstellen wie einen Infobus am Hauptbahnhof, wo Begrüßungsgeld ausgezahlt und private Übernachtungen vermittelt wurden. In den Bunkern am Hauptbahnhof und am Marienkrankenhaus sowie in der Fritz-Erler-Kaserne in Rothwesten wurden Übernachtungsquartiere eingerichtet.

Am Sonntag schwoll der Besucherstrom auf 20 000 an. Die Stimmung war prächtig, man feierte spontan ein deutsch-deutsches Volksfest. Für viele Kasseler war das, was sich hier abspielte, ebenso ein Traum wie für die Gäste aus dem Osten. Im nachhinein gab es lediglich Kritik, daß die Kasseler Einzelhändler am Sonntag ihre Geschäfte nicht geöffnet hatten und die Menschen mit dem Begrüßungsgeld vor verschlossenen Türen standen.

Am darauffolgenden Sonntag, 19. November, erreichte die Besucherwelle ihren Höhepunkt: Rund 40 000 DDR-Bewohner kamen nach Kassel, und diesmal hatten zahlreiche Geschäfte und Kaufhäuser geöffnet. Mehr als 1000 Kasseler Bürger stellten Privatquartiere zur Verfügung, die HNA druckte Besucherzeitungen. Doch die Stimmung war nicht mehr dieselbe wie am Wochenende zuvor. Vereinzelt wurde sogar Unmut laut - wegen überfüllter Züge, überfüllter Parkplätze, der überfüllten Innenstadt. Die Frage war, wie lange eine solche Ausnahmesituation dauern konnte.

Und doch überwog auch in den folgenden Wochen die Freude über die Grenzöffnung und die neuen Begegnungsmöglichkeiten. Wie viele Menschen in der Vorweihnachtszeit und über die Feiertage aus der DDR nach Kassel kamen, läßt sich nur grob schätzen. Nimmt man das Begrüßungsgeld zum Maßstab, das von der Stadt Kassel und Kasseler Banken bis zum Jahresende ausgezahlt wurde, waren es rund 85 000 Erstbesucher, doch viele kamen mehr als einmal. Was sie hier erlebten, brachte eine Schlagzeile der HNA vom 13. November auf den Punkt: "Dieses köstliche Gefühl der Freiheit".

Jubiläumsjahr 2015

siehe auch


Geschichte Deutschland bis zum Mauerbau – Der Weg zum Mauerfall

14. Juli 1961 Berliner Morgenpost | Mauerbau 1961 | Die Mauer | Geschichte 1961 - 1988 | 9. November 1989 | Mauerfall - ab nach Kassel | 50 Jahre Berliner Mauer |


Weblinks